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KommentarDeutschland braucht eine Wende in den Köpfen

Endlich beginnt eine Debatte über die Zukunft der deutschen Wirtschaft. Leider übersehen wir dabei den wichtigsten Hebel.Sebastian Matthes 16.02.2024 - 08:39 Uhr
Foto: Max Brunnert für Handelsblatt

Ich möchte heute die Geschichte eines kleinen Jungen erzählen, nennen wir ihn hier Hakim. Er ist das Kind syrischer Eltern, die vor dem Krieg flohen und mittlerweile in einem Düsseldorfer Vorort leben, ganz im Norden der Stadt, wo die Kinder nach der Schule von ihren Müttern zum Hockey gefahren werden, zur Nachhilfe oder in den Tennisclub. Die Eltern von Hakim können sich das nicht leisten. Sie sprechen nicht einmal richtig Deutsch, können ihrem Sohn also nicht bei den Hausaufgaben helfen. Und so blieb der Junge schon nach der ersten Klasse als Einziger sitzen.

In der zweiten Klasse dann wieder, dieses Mal zusammen mit dem Sohn türkischer Einwanderer und Julia, der Tochter von zwei berufstätigen Eltern. Die Mütter (ja, es sind meist wirklich nur die Mütter) vieler anderer Kinder in der Klasse arbeiten nur halbtags, wenn überhaupt. Sie können es sich zeitlich erlauben, die Schulbildung ihrer Kinder zu ihrer Mission zu machen. 

Kurzer Blick nach Berlin, wo die Ampelkoalition seit einigen Tagen immerhin Strategien diskutiert, wie Deutschland wieder zu wirtschaftlicher Stärke kommen kann. Unternehmensteuerreform, Bürokratieabbau: Viele der Themen, auf die Unternehmer und Investoren seit Jahren hinweisen, kommen nun endlich auch in Berlin an. Eine „Wirtschaftswende“ fordert Bundesfinanzminister Christian Lindner, was ein bisschen nach der „Zeitenwende“ von Olaf Scholz klingt. Also was ganz Großes. Habeck kontert mit einem milliardenschweren Sondervermögen gegen die Wachstumsschwäche. Und die Union formuliert in einem Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz hastig einen Zwölf-Punkte-Notfallplan für die Wirtschaft.

Endlich, möchte man Richtung Berlin rufen. Endlich erkennen Bundesregierung und Opposition, wie schwierig die ökonomische Lage der größten europäischen Volkswirtschaft ist. Beim Blick auf all die historischen Wenden, Notfallpläne und Sondervermögen fällt allerdings auf, dass einer der wesentlichen Bausteine für die Zukunft dieses Landes keine Rolle spielt: die Tatsache nämlich, dass millionenfach Kinder wie Hakim oder Julia am deutschen Schulsystem scheitern.

Während wir über Rohstoffpartnerschaften mit fernen Ländern nachdenken, ignorieren wir den wichtigsten Rohstoff dieses Landes. Europas Sicherheit wird gerade in der Ukraine verteidigt, das ist den meisten klar, aber Deutschlands Zukunft wird in den Schulen verteidigt, das ignoriert die Politik seit Jahren.

Deutschland erlebt auch eine Bildungskrise

Deutschland erlebt nicht nur eine Wirtschafts-, sondern auch eine Bildungskrise. Und das ist wahrscheinlich die am besten vermessene und beschriebene Krise unserer Zeit. Jeder weiß, dass jährlich rund 50.000 Jungen und Mädchen ohne Abschluss die Schule verlassen und dass am Ende der Grundschulzeit 25 Prozent der Kinder nicht richtig lesen können.

Seit Jahren präsentieren Bildungsforscher diese Zahlen, die eines Landes wie Deutschland nicht würdig sind. Seit Jahren nicken geplagte Eltern. Ansonsten passiert seit Jahren nichts. Was sicher auch daran liegt, dass die Kinder keine Lobby haben, die mit Traktoren nach Berlin fahren könnte (wobei viele Kinder sicher einen Heidenspaß daran hätten). Während Deutschlands schulische Leistungen in der Pisa-Studie auf ein historisches Tief fielen, flossen die dringend nötigen Milliarden in andere Richtungen: in Mütterrenten, Herdprämien und unsinnige Subventionen.

Wir nehmen das so hin, haben uns eingerichtet in der Bildungskrise (der Föderalismus eben!). Wer kann, hilft seinen Kindern selbst - oder finanziert Nachhilfe. Kinder wie Julia und Hakim bleiben auf der Strecke. Die Spaltung der Gesellschaft beginnt in den Schulen. 

Natürlich darf hier das Startchancen-Programm von Bildungsministerin Bettina Starck-Watzinger (FDP) nicht unter den Tisch fallen. Damit sollen Brennpunktschulen mit einer Milliarde Bundesmitteln pro Jahr unterstützt werden für Förderunterricht, Sozialarbeiter und neue Möbel.

Nur ist es mit einem Programm für Brennpunktschulen nicht getan, das gesamte deutsche Bildungssystem ist ein Brennpunkt. Es braucht einen bildungspolitischen Neuanfang, sonst werden auch all die gerade in Berlin diskutierten Wachstumsprogramme nicht zünden.

Es wird darum gehen, die immer kleinere Zahl von Schülerinnen und Schülern immer besser auszubilden.

Denn wir erleben diese Bildungskrise in einer Zeit, in der so viele Menschen wie nie zuvor in Rente gehen werden - ohne dass sie von nachkommenden Generationen ersetzt werden können. Es wird also darum gehen, die immer kleinere Zahl von Schülerinnen und Schülern immer besser auszubilden. Doch das geschieht nicht, stattdessen stehen den immer mehr offenen Stellen 2,6 Millionen ungelernte 20- bis 35-Jährige gegenüber, die dem Ausbildungssystem irgendwo verloren gegangen sind.

Der Neustart muss deshalb sämtliche Bereiche des Bildungssystems umfassen. Von endlich ausreichend Kita-Plätzen (über die Deutschland seit Jahren nur diskutiert), einer echten Ganztagsbetreuung in den Schulen, bei der auch Kindern wie Hakim und Julia bei den Hausaufgaben geholfen wird, über zeitgemäße Lehrpläne, die auf eine Welt vorbereiten, in der Künstliche Intelligenz jeden Winkel des Alltags erreichen wird, bis hin zu einem Weiterbildungssystem, das den Millionen jungen Menschen ohne Abschluss eine zweite, dritte und zur Not auch vierte Chance gibt.

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All das wird viel Geld kosten, aber es erfordert mehr als das, nämlich einen echten Kulturwandel: Länder wie Singapur landen in Pisa-Tests auch deshalb auf den ersten Plätzen, weil Bildung in den vom Konfuzianismus geprägten Ländern zu den wichtigsten Tugenden gehört. 

Ein Anfang wäre es, dem Thema Bildung in Deutschland wenigstens in politischen Debatten den Raum zu geben, den es verdient.

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