Kommentar: Deutschlands teure Hightech-Illusion

Katherina Reiche ist erst wenige Wochen im Amt, da muss die neue Wirtschaftsministerin bereits eine für den Hightech-Standort Deutschland wegweisende Entscheidung treffen. Sollen die Steuerzahler erneut Milliarden aufbringen, um die Chipproduktion auszubauen?
Nach Informationen des Handelsblatts bemüht sich das Dresdener Start-up FMC um 1,3 Milliarden Euro an Subventionen, um eine neue Fabrik für Speicherchips zu errichten. Die Summe könnte für weitere Ausbaustufen noch deutlich höher ausfallen.
Wenn sich Reiche die Bilanz ihres Vorgängers Robert Habeck anschaut, dann dürfte ihr schnell klar werden: Es hilft nichts, Milliarden für einzelne Halbleiterwerke bereitzustellen. Vielmehr braucht es eine umfassende Hightech-Strategie, die alle Stufen der Lieferkette umfasst.
Dem Grünen-Politiker Habeck ist es zwar gelungen, TSMC nach Dresden zu locken, den weltgrößten Auftragsfertiger der Chipindustrie. Doch der Preis war enorm: Die Taiwaner bekommen fünf Milliarden Euro an Zuschüssen aus der Staatskasse. Auch expandiert der Dax-Konzern Infineon in der sächsischen Landeshauptstadt. Dafür kassiert Europas größter Halbleiterproduzent eine Milliarde Euro von der öffentlichen Hand.
Chipwerke allein reichen bei Weitem nicht aus
Spektakulär gescheitert sind jedoch zwei weitere, von Habeck groß angekündigte Projekte: die Ansiedlung von Intel in Magdeburg und von Wolfspeed im Saarland. Die US-Firmen wären mit üppigen Subventionen bedacht worden, haben aber letztlich trotzdem abgesagt. Beiden Konzernen geht es schlecht, bei Wolfspeed spekulieren US-Medien sogar über eine bevorstehende Insolvenz. Zum Glück war noch kein Staatsgeld geflossen.
Bevor Reiche jetzt wieder über Milliardensubventionen verhandelt, sollte sie sich eins genau überlegen: Was braucht Deutschland wirklich, um die eigene Industrie verlässlich mit Elektronik zu versorgen? Chipwerke reichen nämlich bei Weitem nicht aus. Leiterplatten etwa kommen inzwischen fast komplett aus Fernost. Ebenso dominieren asiatische Konzerne wie Foxconn die Elektronikproduktion.
So kommt es, dass inzwischen zwar wieder mehr Chips in Europa produziert werden. Weiterverarbeitet werden die Bauelemente aber größtenteils in Asien. Europa bleibt damit auf Lieferanten aus China, Malaysia oder Vietnam angewiesen. Mit der viel beschworenen Resilienz ist es trotz der hohen Subventionen nicht weit her.
Auch ist es überfällig, die Standortbedingungen zu verbessern. Denn es ist schon traurig: Europas Subventionen bei den Chips waren in den vergangenen Jahren durchaus wettbewerbsfähig. Trotzdem investieren die Hersteller deutlich mehr in Amerika, Japan, in Südkorea und Taiwan.