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Kommentar Europa lernt nicht aus Chinas und Südkoreas Erfolgen in der Corona-Bekämpfung

Maßnahmen wie die zentralisierte Quarantäne haben vor allem in China den Ausbruch von Covid-19 deutlich verlangsamt. Warum wird das nicht übernommen?
24.03.2020 - 18:39 Uhr 2 Kommentare
China hat viele Maßnahmen konsequent zum Schutz der Bevölkerung umgesetzt. Das hat sich offenbar in den Fallzahlen niedergeschlagen. Quelle: AFP
Desinfektionsmaßnahme in Wuhan

China hat viele Maßnahmen konsequent zum Schutz der Bevölkerung umgesetzt. Das hat sich offenbar in den Fallzahlen niedergeschlagen.

(Foto: AFP)

Die chinesischen Behörden haben am Anfang der Coronavirus-Pandemie vieles falsch gemacht. Zuerst vertuschten sie den Ausbruch, später wurden die drastischen Maßnahmen zur Eindämmung auf chaotische Weise umgesetzt.

Und den offiziellen Statistiken in China sollte man mit Skepsis begegnen. Doch selbst wenn nicht jede Zahl exakt ist, ist der Trend eindeutig: Bereits Ende Februar meldeten viele Fieberkliniken Rückgänge. Vor Kurzem schloss die letzte Spezialklinik in Wuhan, weil es keine Patienten mehr gab. Irgendetwas muss man dort richtig gemacht haben. Doch Europa hat nicht genau genug hingeschaut.

Symptomatisch war eine Pressekonferenz Ende Februar mit Bruce Aylward, dem Leiter eines Expertenteams der Weltgesundheitsorganisation WHO. Er hatte sich mehr als eine Woche lang vor Ort ein Bild von der Lage gemacht. Doch seinen Detailerkenntnissen wurde weniger Beachtung geschenkt als politischen Fragen, inwieweit die WHO von China abhängig und die Statistiken gefälscht seien.

Dabei hatte Aylward zentrale Dinge zu berichten, die jede Gesellschaft im Kampf gegen das Coronavirus umsetzen kann – egal ob demokratisch oder autoritär. So wurde in China ein Großteil der ärztlichen Konsultationen und Rezeptverschreibungen ins Internet verlegt, um zu verhindern, dass nichtinfizierte Patienten mit Corona-Erkrankten in überfüllten Wartezimmern in Kontakt kommen. Gleich am Anfang teilte die Regierung zudem mit, dass sowohl der Test als auch die Corona-Behandlung kostenfrei sei.

Europa hat die Wochen Vorlauf nicht genutzt

Ein weiterer zentraler Punkt der chinesischen Strategie, der in Europa ganz anders gehandhabt wird: Schwer erkrankte und alte Menschen kamen direkt ins Krankenhaus, Patienten mit milden Symptomen mussten sich in zentralisierten Quarantäne-Unterkünften auskurieren.

Es handelte sich um umgebaute Sporthallen oder gar Kreuzfahrtschiffe. Verdachtsfälle wurden so schnell wie möglich getestet und während der Warteperiode in Hotelzimmern isoliert.

Hinter dem Erfolg Wuhans beim Kampf gegen Corona steht eben nicht eine Einigelung des Infizierten daheim, wo er im Zweifel noch seine Familie ansteckt, sondern die sogenannte „zentralisierte Quarantäne“. Das ist aber in Deutschland und den europäischen Ländern kein Thema.

In Wuhan sollten anfangs auch milde Fälle zu Hause bleiben, um die überlaufenen Krankenhäuser nicht noch mehr zu überlasten. Bis man merkte, dass 75 bis 85 Prozent der Übertragungen zwischen Familienmitgliedern stattfanden.

Dass Europa diese Erkenntnisse nicht umsetzt, ist ein großes Versäumnis. Denn während China von einem unbekannten Virus überrascht wurde, hatte Europa viele Wochen Vorwarnung. Südkorea war schlauer. Neben seinen Drive-through-Teststationen und der digitalen Kontaktnachverfolgung eines Patienten setzte die dortige Regierung schon früh das System der zentralen Quarantäne um.

Warum hat Europa sich diese wichtige Strategie, die Epidemiologen heute als zentral im Kampf gegen Corona ansehen, nicht abgeschaut – diskutiert sie jetzt immer noch nicht? Zum einen liegt es wohl daran, dass China für viele immer noch weit weg und fremd wirkt.

Offene Grenzen trotz Quarantäne

Zu lange dachten die Politiker wahrscheinlich auch, dass es in Europa nicht so weit kommen werde wie in China. Auch glaubten viele Experten und Politiker in Europa wohl, dass es politisch gar nicht möglich sei, solch drastische Maßnahmen wie eine zentrale Quarantäne für alle Verdachts- und Infektionsfälle im freiheitsliebenden Europa durchzusetzen.
Die Systemfrage schob sich vor pragmatisches Lernen. Doch die Politik in Europa muss wertvolle und relevante Lösungen auch von einem autoritären Staat übernehmen, ohne Angst haben zu müssen, autoritär zu werden.
Dabei hätte Europa mit dem chinesischen Quarantäne-System vielleicht eines seiner Grundprinzipien – offene Grenzen – aufrechterhalten können. Als die Fallzahlen in einigen europäischen Ländern im März rapide anstiegen, das Gesundheitssystem überlastet war, begann ein Land nach dem anderen, sich von seinen Nachbarn abzuriegeln.

Das Signal, das man mit den Grenzschließungen zwischen europäischen Ländern sendet, ist nicht nur extrem schädlich für das Gefühl des Zusammenhalts innerhalb der Union – es ist auch unnötig. Einreisen müssten nicht prinzipiell verboten werden.

China hat inzwischen mit dem sogenannten „Reimport“ des Coronavirus aus dem Ausland und der Furcht vor einem zweiten Ausbruch zu kämpfen. Aber die Grenzen werden nicht geschlossen. Stattdessen müssen Einreisende für zwei Wochen in Quarantäne.

Ältere Menschen und Eltern mit Kleinkindern dürfen sich in ihren eigenen Wohnungen isolieren. Alle anderen müssen in spezielle Hotels und die Übernachtungskosten übernehmen. Der Gedanke dahinter: Man darf Gäste und Heimkehrer nicht abweisen, aber man muss sicherstellen, dass sie andere nicht infizieren können.

Mehr: Ab Mittwoch werden die Beschränkungen wie Reiseverbote deutlich gelockert. Ausgenommen ist zunächst jedoch die Millionenstadt Wuhan.

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2 Kommentare zu "Kommentar: Europa lernt nicht aus Chinas und Südkoreas Erfolgen in der Corona-Bekämpfung"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Grundsätzlich stößt es wohl vielen derzeit etwas sauer auf, dass ausgerechnet China, das Ausgangspunkt der Epidemie ist und zunächst den Fokus auf Verheimlichung des Virus denn auf Eindämmung gesetzt hat, nun als Vorbild zu nehmen. Es ist im Moment die Tendenz zu beobachten, dass sich China als Retter darstellen möchte - und leider geht auch diese Artikel in diese Richtung.
    Die Erfolge Südkorea's - eines demokratischen Landes - sind nicht die Erfolge Chinas, Deutschland verhält sich - einigermaßen erfolgreich - ähnlich wie Südkorea und testet massiv. Dass China "nur" Quarantäne statt Einreiseverbot verhängt mag ja so sein, allerdings dürfte die Quarantäne auch nicht viel milder sein und man muss auch beachten, dass die Quarantäne in China anders überwacht wird als in Deutschland, da in Deutschland eben nicht die Voraussetzungen für eine 100%ige Überwachung bestehen. Der Vorschlag, Infizierte in zentralisierten Quarantäne-Unterkünften einzusperren ist einfach ein abwegiger Vorschlag, rechtlich absolut nicht umsetzbar da wohl grob unverhältnismäßig. Das ist auch in Südkorea nach meiner Kenntnis nicht praktiziert worden, diese Maßnahme bleibt nunmal autoritären Staaten vorbehalten.
    Welche konkreten Maßnahmen Deutschland oder Europa von China tatsächlich noch übernehmen sollte, bleibt entsprechend unklar. Was bleibt dann noch übrig an guten Vorschlägen?

  • Diese Meldung (so wie auch Ihr Bericht von gestern über die Studie von Prof. Xihong Lin)
    sind leider sehr schnell in der Anzeigeliste nach hinten gerückt.
    In anderen Medien (SZ, tagesschau) habe ich noch gar nichts hierüber erfahren.

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