Kommentar: Gaza zeigt, die Pressefreiheit endet da, wo wir wegsehen

Mehr als 240 Journalisten starben seit Oktober 2023 nach Angaben des Palästinensischen Journalisten-Syndikats in Gaza. Die internationale Empörung darüber bleibt halbherzig. Zwar ist das Thema inzwischen auch in den deutschen Medien angekommen, doch ein entscheidender Faktor fehlt: politischer Druck und kritische Haltung. Wer Journalisten ins Visier nimmt, testet die Grenzen der Pressefreiheit. Und bisher dürfen die Täter sicher sein, dass die Reaktion der westlichen Regierungen zurückhaltend ausfällt.
Diese Zurückhaltung hat einen Preis: Sie signalisiert, dass Angriffe auf Reporter keine rote Linie darstellen. Und sie untergräbt die Glaubwürdigkeit einer Branche, die von sich behauptet, für Transparenz und Meinungsfreiheit einzutreten.
Wenn Journalismus im Angesicht solcher Bedrohungen nur zögerlich reagiert, dann verliert er seine moralische Autorität. Wer zaudert, liefert die sogenannte „vierte Gewalt“ Stück für Stück selbst aus.
Angriffe auf Journalisten dürfen nicht folgenlos bleiben
Während palästinensische Journalisten unermüdlich ihr Schutzrecht einforderten, erklärt sich die Politik erst spät, die Branche schwieg zu lange dazu. Das macht das journalistische Berufsbild angreifbar.
Erst vor knapp zwei Wochen hatte die israelische Armee fünf Journalisten getötet. Die nicht verifizierbare Begründung: Einer von ihnen, Anas al-Sharif, ein bekannter Journalist des katarischen Senders Al Dschasira, sei „Kopf einer Hamas-Zelle“. Die „Bild“-Zeitung titelte: „Als Journalist getarnter Terrorist in Gaza getötet“.
Bereits im Vorfeld hatte das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) gewarnt, dass eine Schmutzkampagne gegen ihn laufe, sein Leben bedroht sei.
Es zeigt, wie leicht der Ruf einzelner Reporter geopfert werden kann, wenn es ins politische Kalkül passt. Deshalb braucht es politischen Druck. Angriffe auf Journalisten dürfen nicht folgenlos bleiben. Alles andere ist eine Einladung zum Weitermachen.