Kommentar: Googles KI-Suche ist eine Gefahr für das Internet

Google ist die unsichtbare Hand im Internet. Kein Konzern lenkt den weltweiten Datenverkehr in Europa oder den USA so stark wie das Technologieunternehmen aus Mountain View. Die Suchmaschine ist so mächtig, dass der Duden das Verb „googeln“ aufgenommen hat. Jetzt geht der Konzern den nächsten Schritt – und festigt seine Macht über das Netz.
Seit Mittwoch liefert Google in Deutschland KI-generierte Antworten direkt in den Suchergebnissen. Wer nach einer Erklärung für Wärmepumpen, einem Rezept für Pfannkuchen oder einer Beschreibung von ETFs sucht, bekommt eine automatisch generierte Kurzfassung – prominent platziert über den klassischen Links. Warum noch auf eine Webseite klicken, wenn Google die Antwort selbst liefert?
Für den Konzern ist das erst der Anfang. Googles Mutterkonzern Alphabet arbeitet an einer Zukunft, in der KI-Agenten unser digitales Leben steuern. Die neuen Zusammenfassungen sind nur ein Testlauf - und ein Vorgeschmack darauf, wie sich CEO Sundar Pichai das Internet vorstellt.
Vor einem Vierteljahrhundert trat Google an, um das Wissen der Welt zu ordnen und zugänglich zu machen. Der Algorithmus wurde zum Leuchtturm im Datenmeer, Google zum unangefochtenen Torwächter des Internets. Das Web basiert auf einem einfachen Prinzip: Inhalt gegen Reichweite. Fachportale, Blogger und Medien stellen ihr Wissen ins Netz, weil Google ihnen Leser bringt.
Doch mit den neuen KI-Synthesen bricht dieses Modell zusammen. Google nutzt fremde Inhalte, aber die Nutzer bleiben in seinem Ökosystem gefangen. Dabei lebt Google von fremden Inhalten.
Youtube macht vor, wie es fair geht: Die Videoplattform wuchs auch deshalb so rasant, weil Google schon früh begann, die Kreativen an den Werbeeinnahmen zu beteiligen. Doch in der neuen Welt der KI-Suchmaschinen fällt dieser Deal weg. Google will nicht mehr teilen – Google will besitzen.
Das erinnert an die fatale Strategie von Facebook. Mark Zuckerberg hat in vielen Ländern die Verbreitung journalistischer Inhalte auf Facebook gekappt, traditionelle Medien als „unzuverlässig“ bezeichnet und Faktenchecker als voreingenommen abgestempelt. Dabei hatte Facebook jahrelang von qualitativ hochwertigen Nachrichten profitiert.
Sundar Pichai zeigt sich kooperativer. Er pflegt das Image des Partners, betont öffentlich die Bedeutung von Medien, Influencern und Experten. Doch am Ende führt seine KI-Strategie zum selben Ergebnis: Google baut ein digitales Wissensmonopol auf. Und es gibt kaum ein Entrinnen.
Neun von zehn Suchanfragen in Deutschland laufen über Google. Die Alternativen? Microsofts Bing, OpenAIs Chatbots oder Perplexity – sie alle folgen demselben Prinzip: Antworten statt Links, Abschottung statt Offenheit.
Künstliche Intelligenz kann die Suche revolutionieren – aber nicht um jeden Preis. Das Start-up Perplexity zeigt einen gangbaren Weg: Es beteiligt die Websites, von denen es Inhalte bezieht, an den Einnahmen.
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Auch Google könnte diesen Weg einschlagen. Bleibt es aber bei der bisherigen Strategie, droht das Internet, wie wir es kennen, zu implodieren. Denn wenn niemand mehr klickt, wer erstellt dann noch Inhalte?
Doch nicht nur Google ist in der Pflicht. Auch Autoren, Experten und Kreative müssen sich umstellen. Wer Informationen liefert, die eine KI ebenso gut ausspucken kann, wird in der digitalen Welt von morgen keine Daseinsberechtigung mehr haben.
Aber auch Google hat eine Verantwortung. Der Konzern sollte bewusst qualitativ hochwertige Inhalte fördern – sei es durch finanzielle Beteiligung oder andere Anreize. Denn wenn das Netz nur noch aus maschinell hergestelltem Einheitsbrei besteht, verlieren am Ende alle: die Leser, die Autoren – und Google selbst.