Kommentar: Jetzt muss die Stahlindustrie liefern

In deutschen und europäischen Stahlwerken soll wieder in die Hände gespuckt werden. Um die Produktion zu steigern, greift die Europäische Union zu einem drastischen Mittel: Mit Zöllen von 50 Prozent will sie den europäischen Stahlmarkt abschotten.
Nach Jahren des Freihandels zwingen US-Präsident Donald Trump und Chinas enorme Überkapazitäten die EU zu einer Kehrtwende.
Die EU will damit die Schwerindustrie retten. Die Aktienkurse der größten Hersteller schnellen in die Höhe, seit sich die hohen Schutzzölle abzeichnen.
Nun muss Brüssel darauf pochen, dass die Industrie diese Atempause auch für die versprochenen Investitionen nutzt. Denn auch für europäische Zölle gilt: Am Ende zahlen die Verbraucher – also wir alle. Ohne Gegenleistung sollte die Politik deshalb keinen Schutz gewähren.
Seit Jahren verzögert die Branche den Umbau zu klimafreundlicheren Produktionsverfahren. Das jüngste Beispiel ist Arcelor-Mittal: Der Konzern hatte ursprünglich angekündigt, seine Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt auf wasserstoffbasierte Direktreduktion umzustellen – ein Vorzeigeprojekt, gefördert mit rund 1,3 Milliarden Euro. Doch im Juni stoppte das Unternehmen die Pläne.
Die zugesagten Fördergelder werden nicht abgerufen, der Umbau bleibt aus. Das ist ein Rückschlag, der weit über zwei Standorte hinausreicht: Wenn selbst ein globaler Konzern wie Arcelor-Mittal den Sprung in die Klimaneutralität nicht wagt, sendet das ein fatales Signal an die gesamte Branche.
Die Unternehmen und Verbände warnen nicht zu Unrecht: Ohne Markt lohnen sich auch keine Investitionen. Tatsächlich drückt brutales Dumping aus China und der Türkei die Preise, seit die USA ihren Markt nahezu vollständig abgeschottet haben.
Ende der Billigimporte? EU verdoppelt Stahlzölle auf 50 Prozent
Seit 2018 hat die EU mehr als 30 Millionen Tonnen Stahlkapazität verloren, rund 30.000 Arbeitsplätze sind weggefallen – dennoch sank die Auslastung der Werke weiter auf 67 Prozent, ein historischer Tiefstand.
Die EU will die Einfuhren nun auf 13 Prozent des Verbrauchs beschränken, um der europäischen Industrie wieder zu einer Vollauslastung zu verhelfen. Zusätzlich will die EU Leitmärkte schaffen, in denen grüner Stahl aus Europa Vorrang bekommt – etwa durch Quoten bei öffentlichen Aufträgen.
Damit der Schutz gerechtfertigt bleibt, muss die Branche ihre Versprechen jetzt auch einlösen – und das zusätzliche Geld in moderne Werke und klimafreundliche Produktionsprozesse stecken. Damit auch wirklich wieder investiert wird – und nicht nur den Aktionären das Wasser im Mund zusammenläuft.