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KommentarPutin wird sich nach dem Terror keine Blöße geben

Nach der Terrorattacke kann Russlands Präsident gar nicht anders, als eine Verbindung zur Ukraine herzustellen. Seit jeher überspielen Diktatoren Schwäche im Inneren mit demonstrativer Härte nach außen.Frank Specht 25.03.2024 - 10:15 Uhr
Gedenken an die Terroropfer: Nach einem Moment des Innehaltens wird Russland den Terror umso entschiedener in ukrainische Städte tragen. Foto: IMAGO/ITAR-TASS

Nach dem blutigen Anschlag auf eine Konzerthalle nahe Moskau ist der Kampf um die Deutungshoheit in vollem Gange – und es steht außer Frage, dass Russlands Präsident Putin ihn gewinnen wird, zumindest in Russland selbst.

Zwar hat sich die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) zu der brutalen Tat mit mehr als 130 Todesopfern bekannt. Doch für Putin und seine Propagandisten führt eine klare Spur in die Ukraine – auch wenn deren Präsident Wolodimir Selenski jede Verstrickung zurückweist.

Dabei spricht viel dafür, dass tatsächlich IS-Kämpfer hinter der Attacke vom Freitagabend stecken. Russland hat an vielen Fronten gegen radikale Islamisten gekämpft oder kämpft dort noch immer – in Afghanistan, in Tschetschenien, in Syrien, in der Sahelzone.

Und schon mehrfach haben islamistische Terroristen auf russischem Boden zurückgeschlagen – mit der dramatischen Geiselnahme in der Schule von Beslan 2004 oder den Anschlägen in der Moskauer Metro 2010 etwa.

Auch könnte es sein, dass die mit der Ukraine beschäftigten russischen Geheimdienste die islamistische Gefahr zuletzt aus den Augen verloren haben. Schließlich hatte Putin den Islamischen Staat in Syrien schon 2018 für besiegt erklärt.

Kiew nutzt Nadelstich-Taktik

Für eine Spur in die Ukraine gibt es dagegen bislang – abgesehen von Putins unbewiesener Behauptung – keine Belege. Klar ist aber, dass die zunehmend in die Defensive geratende Regierung in Kiew ein Interesse daran haben könnte, durch Nadelstiche auch auf russischem Gebiet die russische Bevölkerung gegen Putins Kriegskurs aufzubringen. Drohnenangriffe bis nach Moskau und intensive Kämpfe in der russischen Grenzregion Belgorod zeigen das.

Vielleicht wird nie vollständig aufgeklärt, wer wirklich hinter dem Anschlag auf die unschuldigen Konzertbesucher steckt. Für Putin ist das wahrscheinlich auch egal, weil er offenbar längst entschieden hat, die Attacke für seine Zwecke zu instrumentalisieren.

Der Kremlchef wähnt sich im Krieg gegen den Westen. Er lässt seinen Sprecher inzwischen auch offiziell von Krieg mit der Ukraine sprechen – nicht länger nur von der „militärischen Spezialoperation“. Und es bleibt nicht bei der Rhetorik: Eine massive Aufrüstung und die Mobilisierung zusätzlicher Soldaten übersteigt nach Einschätzung von Militärexperten längst die benötigten Mittel für den Ukrainekrieg. Sie dient der Befriedigung von Putins Großmachtfantasien.

Mit Blick auf einen Großkonflikt mit dem Westen wäre eine zweite Front gegen den radikalen Islamismus nur hinderlich für das russische Regime. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, negiert der Kremlchef die islamistische Bedrohung, die in Wahrheit nie ganz verschwunden ist.

Putin kann gar nicht anders

Abgesehen von seiner außenpolitischen Strategie hat Putin auch gar keine andere Wahl, als die Deutungshoheit über den Terrorakt zu behalten. Ohne die Ukraine-Spur könnten seine Landsleute bald unangenehme Fragen stellen. Zum Beispiel, warum die eigenen Geheimdienste die Gefahr nicht gesehen haben. Oder warum der Präsident selbst Warnungen der Amerikaner als lächerliche westliche Provokation abgetan hat. Jetzt der islamistischen Spur zu folgen, wäre für Putin ein gefährliches Eingeständnis der eigenen Schwäche.

Stattdessen steht eher zu befürchten, dass er die neue Bedrohung im eigenen Land nutzt, um die Russen gegen den vermeintlichen Feind im Westen noch enger zusammenzuschweißen. Es gehört seit jeher zum Repertoire von Diktatoren, Schwäche im Inneren mit demonstrativer Härte nach außen zu überspielen.

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Putin könnte also die eigene Bevölkerung noch stärker auf den Krieg einschwören und auch unpopuläre Maßnahmen durchsetzen – von einer weiteren Mobilisierung zusätzlicher Soldaten bis hin zur Verhängung des Kriegsrechts.

Für die Ukraine verheißt das nichts Gutes. Russland wird seinen Krieg mit noch größerer Härte vorantreiben, um die fatale Blöße im eigenen Machtzentrum zu überdecken. Präsident Selenskis fast flehentliche Warnung auf dem EU-Gipfel, seinem Land gehe die Luftabwehr aus, zeigt, wie dramatisch die Lage ist:  Die russischen Angriffe nehmen an Intensität zu, den ukrainischen Verteidigern geht die Munition aus. Die Terrorattacke von Moskau wird vielleicht für einen kurzen Moment des Innehaltens in Russland sorgen. Danach wird der Autokrat im Kreml umso gnadenloser den Terror in ukrainische Städte tragen.

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