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Kommentar Tiktok gerät zwischen die geopolitischen Fronten

Der Konflikt um die chinesische Teenager-App zeigt, dass der Machtkampf zwischen den USA und China vor allem ein „Tech War“ ist. Die Unternehmen werden von der Politik instrumentalisiert.
04.08.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Tiktok gerät zwischen die Fronten eines Technologie-Krieges. Quelle: Reuters
Tiktok

Tiktok gerät zwischen die Fronten eines Technologie-Krieges.

(Foto: Reuters)

Auf den ersten Blick erscheint es grotesk, dass die beiden Supermächte USA und China ihren geopolitischen Machtkampf jetzt um eine App austragen, auf der vor allem Teenager 20 Sekunden lange Tanzvideos austauschen. Es sind jedoch nicht nur die Vereinigten Staaten, die Tiktok aus ihrem Cyberspace verbannen wollen. Zuvor hatte bereits Indien die App zusammen mit 58 weiteren Onlinediensten aus China blockiert, weil es Pekings Umgang mit privaten Daten misstraut.

Hier geht es jedoch nicht nur um politische, sondern auch um wirtschaftliche Macht. Rund 800 Millionen Nutzer soll Tiktok bereits weltweit haben, mehr als 70 Millionen davon in den USA. Facebook, Mutterkonzern der Konkurrenz-App Instagram, versucht angeblich bereits mit Zahlungen von mehreren Hundert Tausend Dollar, die beliebtesten Tiktok-Tänzer abzuwerben.

Am Ende geht es für die Regierungen in Peking und Washington um die technologische Vorherrschaft. Neue Technologien spielen für das geopolitische Machtgefüge inzwischen jene Rolle, die lange Zeit die Nuklearwaffen innehatten. Erst die Technologieführerschaft in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz, Big Data, Robotics und Biotechnologie würde gewährleisten, dass „wir die Kriege der Zukunft bestreiten und gewinnen können“, heißt es in der „National Defense Strategy“ des Pentagon von 2018. Und Trumps „National Security Strategy“ aus dem Jahr 2017 fordert, dass sich die USA auf jene neuen Technologien konzentrieren sollen, die ihre „ökonomische und militärische Überlegenheit“ sichern.

Neue Technologien sind die Nuklearwaffen des 21. Jahrhunderts

Neue Technologien sind ein bewährtes Mittel der Machtpolitik. Bereits Lenin definierte den Kommunismus als „Sowjetmacht plus Elektrifizierung“. Und sein geistiger Enkel Wladimir Putin prophezeit, dass die Künstliche Intelligenz (KI) über die Weltherrschaft entscheidet. Neue digitale Technologien werden nicht deshalb zu Waffen der Machtpolitik, weil sie über eine Massenzerstörungskraft verfügen – das ist gar nicht mehr notwendig. Wer die Köpfe der Menschen sowie die digitalen Nervenzentrum moderner Gesellschaften kontrolliert – also die wichtigsten Infrastruktureinrichtungen wie die Energie-, Transport- und Informationsströme, der kann seine Gegner auch ohne atomare Drohungen in die Knie zwingen. Die Cyberangriffe auf Länder wie die Ukraine und Georgien sind Beispiele dafür.

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    Warum in diesem Zusammenhang so hart um die Vorherrschaft in der 5G-Technologie gerungen wird, erschließt sich erst, wenn man ihre komplementäre Bedeutung für andere Schlüsseltechnologien erkennt: Erst die 5G-Mobilfunknetze ermöglichen den blitzschnellen Transport riesiger Datenmengen, die mithilfe von Big Data und der Cloud gesammelt und aufbewahrt werden. Big Data wiederum ist das Elixier, das Künstliche Intelligenz zum Leben erweckt. Was hat das mit Tiktok zu tun? Die Amerikaner misstrauen nicht nur der Datensicherheit, auch wenn Bytedance versichert, alle Nutzerdaten würden außerhalb Chinas gespeichert. Vielmehr bieten die unzähligen Videoclips der App den staatlichen Überwachungstüftlern in Peking ein riesiges Datenmeer, um ihre Gesichts- und Bewegungserkennungssoftware weiter zu verbessern.

    Microsoft zwischen den Stühlen

    Und natürlich geht es Trump auch darum, einen ungeliebten Wettbewerber aus dem Feld zu schlagen, um Platz für eine amerikanische Alternative zu schaffen. Zwar hat der US-Präsident zunächst Bedenken gegen eine mögliche Teilübernahme der Tiktok-Mutter Bytedance durch Microsoft geäußert. Das letzte Wort darüber ist aber noch nicht gesprochen, nachdem Microsoft-Chef Satya Nadella mit dem Präsidenten telefoniert hat. Trumps Abneigung gegenüber der chinesischen App ist wohl auch deshalb so groß, weil viele Jugendliche die Plattform nutzten, um den ersten Wahlkampfauftritt des Präsidenten in Tulsa mit vorgetäuschten Anmeldungen zu sabotieren.

    Für Microsoft würde eine Übernahme von Tiktok durchaus Sinn machen. Zusammen mit Produkten wie LinkedIn, Minecraft und Xbox könnte der Konzern Google und Facebook besser Paroli bieten. Allerdings ist Microsoft auch stark in China engagiert und könnte im kalten „Tech-War“ der Großmächte schnell zwischen die Fronten geraten.

    Peking ist nämlich nicht weniger zimperlich als Washington, wenn es darum geht, seine technologische Vorherrschaft gegenüber ausländischer Konkurrenz zu sichern. So sind die Onlinedienste von Google, Twitter und Facebook seit Jahren im Reich der Mitte blockiert, was politische, aber eben auch wirtschaftliche Gründe hat: Hinter dem „Great Firewall“ konnte China die Eigengewächsen Alibaba, Baidu und Tencent zu Internetplattformen globaler Größe heranzüchten.

    Sollte sich der kalte Technologie-Krieg zwischen den beiden Supermächten weiter verschärfen, könnte das im schlimmsten Fall zu einer technologischen Spaltung der Weltwirtschaft führen. Eine solches „Decoupling“ würde die ursprüngliche Idee des „World Wide Web“ auf den Kopf stellen.

    Mehr: Trump setzt 45-Tage-Frist für Tiktok – Verkauf an Microsoft

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