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Kommentar Was wir von Taiwan im Umgang mit Corona lernen sollten

Taiwan taugt mit seinem Modell radikaler Transparenz und digitaler Werkzeuge als gutes Vorbild. Viele Ideen ließen sich auch in Deutschland nutzen.
01.12.2020 - 16:39 Uhr Kommentieren
Vor etwa einem Jahr ist das Virus ausgebrochen. Quelle: dpa
Passanten

Vor etwa einem Jahr ist das Virus ausgebrochen.

(Foto: dpa)

In Zeiten der Corona-Pandemie scheint der Horizont vieler Beobachter plötzlich sehr klein zu werden. Auf einmal interessiert es vor allem, wie welches Bundesland vorgeht. Der Blick über die deutschen Landesgrenzen hinaus gelingt immer weniger und dann meist nur noch in die Nachbarstaaten.

Dabei gäbe es sehr viel, was sich Deutschland von anderen Staaten abschauen könnte. Das ist dringend geboten, wenn wir in den nächsten Monaten mit der Pandemie besser umgehen wollen.

Der erste Blick muss nach Asien gehen. Das Virus ist in China ausgebrochen. Peking ging mit Härte und drakonischen Eingriffen in persönliche Freiheiten vor. Das System war zwar effizient. Sogar in der Stadt Wuhan, in der das Virus zuerst festgestellt worden war, sind Discos wieder voll, und Menschen erledigen ihren Alltag ohne Gesichtsmasken.

Dennoch taugt China nicht als Vorbild. Aus gutem Grund muss jedes Vorgehen in Deutschland verhältnismäßig sein, und Eingriffe in persönliche Freiheiten müssen genau abgewogen werden. Das Repertoire eines autoritären Regines kann und sollte nicht angewendet werden.

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    Anders sieht es in Taiwan aus. Die demokratisch regierte Insel wählte ein Vorgehen, bei dem zwar entschieden gegen das Virus vorgegangen wird, Eingriffe in persönliche Freiheiten aber möglichst begrenzt bleiben.

    Die Insel ist nicht weit entfernt von Wuhan. Es gab regelmäßige Flüge. Aber schon zum 31. Dezember 2019 wurden Kontrollen an Flughäfen eingerichtet, dem Tag, an dem die Weltgesundheitsorganisation WHO erstmals über den Ausbruch in Wuhan informiert wurde.

    Von da an wurden in Taiwan alle Aktionen genau abgestimmt. Die zuständige Seuchenschutzbehörde hatte einen detaillierten Plan, auf den sie nach den Erfahrungen mit der Sars-Epidemie zwei Jahrzehnte zuvor zurückgreifen konnte.

    Taiwan sorgt mit einem virtuellen Rathaus für Transparenz

    Zudem setzte Taiwan von Anfang an gezielt digitale Werkzeuge zur Eindämmung der Pandemie ein. Die ehemalige Hackerin und heutige Digitalministerin Audrey Tang trieb zahlreiche Lösungen voran. Dazu zählt etwa ein Echtzeitsystem, mit dem Bürgerinnen und Bürger nachschauen können, in welchen Apotheken in ihrer Nähe es noch hochwertige Atemschutzmasken zu kaufen gibt. Denn auch in Taiwan gab es zwischenzeitig Engpässe.

    Tang hat ein zentrales Erfolgskonzept vorangetrieben. Der Staat stellt detaillierte Daten bereit. Eine Gemeinschaft von Programmierern und interessierten Bürgerinnen und Bürgern versucht, diese Daten möglichst gewinnbringend zu nutzen. Eine wichtige Plattform für dieses Konzept ist „vTaiwan“, eine Art virtuelles Rathaus, Experimentierfeld und Diskussionsraum. Entwickler tauschen Ideen aus und formulieren gegenüber der Regierung, was sie für deren Umsetzung brauchen. Der Code von Anwendungen, die entstehen, ist Open Source, also für alle einsehbar und nutzbar.

    Quelle: Kostas Koufogiorgos
    Karikatur
    (Foto: Kostas Koufogiorgos)

    Taiwan steht für ein Modell radikaler Transparenz vonseiten der Regierung. Es steht für ein Modell, in dem die Bürgerinnen und Bürger als mündige Gesprächspartner auf Augenhöhe gesehen werden. Während in Deutschland fälschlicherweise über den Zwang zum Installieren der Corona-Warn-App gesprochen wird, hat Taiwan einen ganz anderen Weg beschritten.

    Früh wurde ein Werkzeug bereitgestellt, mit dem Bürger ihren Gesundheitsstatus freiwillig digital übermitteln konnten. So ließ sich schnell erfassen, ob ein Infizierter weitere Personen angesteckt hatte. Dabei wurde ein pragmatischer Weg gewählt. Zunächst war keine aufwendige App nötig, sondern Daten ließen sich auch schlicht per SMS übermitteln. Alles war von Anfang an darauf ausgelegt, möglichst schnelle und effiziente Lösungen zu bieten.

    Technologie und Schnelligkeit machen den Unterschied

    Auch in diesem Modell fußt nicht alles auf Vertrauen. Es gibt auch Kontrollen. Das gilt zum Beispiel, wenn Menschen in Quarantäne geschickt werden. Niemand ist gerne eingesperrt, auch nicht im eigenen Zuhause. Das Risiko für Missbrauch ist immer gegeben. Der Staat beziehungsweise die Gesundheitsämter beschränken sich nicht darauf, formell eine häusliche Quarantäne auszusprechen. Sie kontrollieren auch. Ob per Anruf, per Handy-App oder auch per unangekündigtem Besuch zu Hause.

    Von diesen Ansätzen sollte sich Deutschland etwas abschauen. Wichtige Daten müssen transparent zur Verfügung stehen. Gute Ideen von Entwicklern sollten aufgegriffen werden. Dafür muss der Staat den Rahmen schaffen. Alle Konzepte und Programme müssen Open Source, also für alle transparent einsehbar sein.

    Es war beispielsweise ein großer Fehler, dass das Robert Koch-Institut für die veröffentlichte Datenspende-App ein Start-up auswählte, das sich weigerte, den Quellcode seiner Anwendung offenzulegen. Bei der Corona-Warn-App ist das deutlich besser gelungen.

    Taiwan macht uns auch vor, wie schnell viele Abläufe funktionieren können. Die Corona-Warn-App in Deutschland ist ein sinnvolles Projekt. Sie nützt jedoch nichts, wenn in vielen Städten Menschen mit Symptomen aufgrund von langen Terminlisten und Verzögerungen bei der Übermittlung der Ergebnisse mitunter eine Woche warten, bis sie erfahren, dass sie mit dem Coronavirus infiziert sind.

    Erste Ansätze gibt es, das zu verbessern – zum Beispiel damit, dass Getestete noch im Testzentrum einen QR-Code mit ihrer App scannen können. Das Problem ist jedoch, dass diese Codes in vielen Zentren erst gar nicht ausgehändigt werden. Damit ist das System nutzlos. In Deutschland ist noch viel zu tun.

    Mehr: Die Infektionszahlen steigen und könnten Richtung Weihnachten noch stärker zunehmen. Die Corona-Warn-App hilft trotz geplanter Updates nur bedingt.

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