Kommentar: Wenn Facebook-Chef Zuckerberg nicht handelt, isoliert er sich selbst
Der CEO von Facebook hat alle Macht im Konzern. Für seine Entscheidungen zum Umgang mit strittigen Aussagen von US-Präsident Trump hat er nun die Kritik der Mitarbeiter auf sich gezogen.
Foto: AFPDas Schlagwort ist bezeichnend: #TakeAction – „unternimm etwas“. Unter diesem Appell versammelten sich wohl Hunderte Facebook-Mitarbeiter zum digitalen Protest gegen ihren eigenen Chef. Bisher tut CEO Mark Zuckerberg demonstrativ nichts dagegen, dass US-Präsident Donald Trump auf seiner Plattform mit Gewalt droht und auch die Rechtmäßigkeit von Wahlen infrage stellt. Erstmals gibt es jetzt Hoffnung, dass der Alleinherrscher über drei Milliarden Netzwerknutzer seine eigene Politik überdenkt.
Die US-Presse hätte die fraglichen Vorfälle vielleicht schon vergessen. Die Aufmerksamkeit hat sich von Gewaltandrohungen im Netz zur Gewalt auf den Straßen verschoben. Doch während draußen Amerikaner demonstrieren, weil Schwarze in ihrem Land Angst vor der Polizei haben müssen, vollzieht sich drinnen bei Facebook etwas Ähnliches: Die Mitarbeiter wollen nicht in einem Unternehmen arbeiten, das Hass toleriert oder gar schürt. Sie machen keinen Hehl mehr daraus, dass die Entscheidungen in ihrem digitalen Unternehmen sich auf die analoge Welt auswirken.
Mitarbeiter großer Tech-Konzerne rufen ihre Arbeitgeber zur Verantwortung, das ist nichts Neues. Doch bei Facebook war bisher vieles anders. Es gehört zum Mythos Facebook, dass die Mitarbeiter ihren Chef fast schon verehren.
Während Außenstehende oft kritisiert haben, dass Zuckerberg sich bis zum Lebensende die alleinige Macht über das weltumspannende Netzwerk gesichert hat, betonten Mitarbeiter seine guten Absichten. Auch beim großen Cambridge-Analytica-Skandal um Wahlmanipulationen in den USA und anderswo hielten Management und Mitarbeiter zusammen. Was auch immer auf Facebook passierte, Schuld waren andere.
2020 hat sich die Situation grundlegend geändert. Mark Zuckerberg scheint nun allein dazustehen mit seiner Auffassung, dem US-Präsidenten keine Vorschriften machen und auch sonst keine Verantwortung für Diskussionen auf seiner Plattform übernehmen zu können. Seine Mitarbeiter wissen es besser. Sie kennen die technische Architektur des Netzwerks, die Diskussionen ankurbeln und verstummen lassen kann. Wenn sie Zuckerberg widersprechen, muss etwas dran sein.
Dass der Konflikt ausgerechnet in den US-Wahlkampf fällt, ist allerdings kritisch. Leicht ließe sich Facebook vorhalten, die demonstrierenden Mitarbeiter wollten bloß einen erneuten Wahlsieg Trumps verhindern. Doch solchen Überlegungen muss man entgegnen, dass zumindest die Anführer des Protests ihre Anstellung riskiert haben. Das zeigen ähnliche Vorgänge bei anderen Tech-Konzernen.
Dieser Mut macht Hoffnung, dass die Protestler es ernst meinen mit ihrer Kritik an Zuckerberg und ihn zu mehr Verantwortung drängen.