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Kommentar Wirecard muss sofort raus aus dem Dax

Seit dem Platzen der Dotcomblase und der Finanzkrise haben wir eine gigantische, aber leider wirkungslose Kontrollmaschinerie aufgezogen.
27.06.2020 - 12:00 Uhr Kommentieren
Wirecard ist trotz des Bilanzskandals noch im Dax vertreten. Quelle: Bloomberg
Wirecard: Finanzdienstleister außer Kontrolle

Wirecard ist trotz des Bilanzskandals noch im Dax vertreten.

(Foto: Bloomberg)

Düsseldorf Zwei Nachrichten erschüttern den deutschen Finanzmarkt. Der Zahlungsabwickler Wirecard, Deutschlands Vorzeige-Finanzstart-up, hat einen Insolvenzantrag gestellt. Schlimm genug. Doch dann folgt die Erkenntnis: Wirecard bleibt womöglich bis September Mitglied im wichtigsten deutschen Aktienindex Dax. Wie bitte?

Was für ein Irrsinn, der sich da gerade vor unseren Augen abspielt. Ein Pleitekonzern, dem zwei Milliarden Euro Luftbuchungen im fernen Manila abhandengekommen sind, dessen Spitzenpersonal sich gleichermaßen verflüchtigt und daher auch per Haftbefehl gesucht wird, das seit Jahren Spekulationsobjekt Nummer eins unter Deutschland Börsenwerten ist und das seit Monaten keine Bilanz vorlegen kann, dieses feine Unternehmen darf im Leitindex der Deutschen Börse verbleiben. Weil – man beachte – die reguläre Überprüfung der Indexmitglieder nun mal erst im September stattfindet.

Wenn Ad-hoc-Meldungen irgendwann einen Sinn machten, dann jetzt. Wirecard gehört ad hoc aus dem Dax gefeuert. Und die Deutsche Börse sollte sich fragen, ob ein Zockerladen wie Wirecard überhaupt jemals in die Reihe der seriösen deutschen Dax-Konzerne hätte einziehen dürfen.

Totalversagen sämtlicher Kontrollinstanzen

Nun ist die Dax-Zugehörigkeit nur eine Petitesse, gemessen an dem, was es alles zum spektakulärsten Zusammenbruch unter den führenden börsennotierten Unternehmen dieses Landes zu sagen gäbe. Zusammengefasst lässt sich das so formulieren: ein Totalversagen sämtlicher Kontrollinstanzen.

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    Beginnend mit dem Aufsichtsrat, der mit der Situation offenbar komplett überfordert ist. Und dessen Vorsitzender ausgerechnet der ehemalige Leiter des Prüfungsausschusses ist. Ein Untergremium des Aufsichtsrats, wo als Erstes die Alarmglocken hätten läuten müssen. Haben sie aber nicht.

    Weiter geht es mit der externen Aufsicht: Was hat eigentlich die Bankenaufsicht Bafin die ganzen Jahre gemacht, als es immer wieder Spekulationen und Mutmaßungen um windige Geschäfte in Asien gab? Und wo doch immer unklar war, was Wirecard-Cash ist und was durchlaufende Kundengelder.

    Wo war all die Jahre eine Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung? Die müsste doch mal nachgesehen haben, ob alle Buchungen im Sinne der Bilanzierungsregeln korrekt waren. Mindestens. Die Bilanzpolizei muss nicht einmal auf eine Anzeige warten.

    Bilanzpolizei muss nicht auf eine Anzeige warten

    Und wer stellt den langjähren Wirtschaftsprüfer EY zur Rede? Dem war offenbar - bis vor wenigen Monaten – wenig Auffälliges aufgefallen. Obwohl Wirecard schon längst Vorwürfe um die Ohren flogen. Elf Jahre fanden die Prüfer nichts, rein gar nichts, was einem ordentlichen Testat entgegenstand.

    Auch von der Abschlussprüferaufsichtsstelle Apas ist grad wenig zu hören. Ist es nicht deren Aufgabe, über die Qualität der Bilanzprüfer zu wachen?

    All diese Gremien sind, bis auf die Aufsichtsräte, Neuerungen der zurückliegenden zwei Jahrzehnte. Und alle sind mit dem Ziel gegründet worden, Lug und Betrug abzustellen, Anlegerabzocke aufzudecken und Großmannssucht zu entlarven.

    Das sind die Lehren aus dem Platzen der Dotcomblase nach der Jahrtausendwende und aus der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009. Und es waren Versprechungen an Aktionäre, Beschäftigte, an die ganze Gesellschaft, dass sich aufgeblasene Bilanzen, versteckte Risiken und gefakte Geschäftsmodelle nie wiederholen werden.

    Nichts davon scheint funktioniert zu haben.

    Wirecard erinnert an den Flowtex-Skandal. Diese Firma hatte eine Horizontalbohrmaschine erfunden, die den Kanalbau revolutionieren sollte. Investoren warfen der Firma die Millionen nur so hinterher, bis sich herausstellte, dass es statt Tausender verkaufter Maschinen nur eine einzige gab. Leider war das Geld schon weg.

    Böse Erinnerungen an Flowtex und Enron

    In den USA brachen die Dämme, als der milliardenschwere Energiekonzern Enron zusammenbrach. Die Bilanzen waren aufgeblasen. Das kostete sogar die Prüfungsgesellschaft Arthur Anderson die Existenz und löste einen Streit über die Unabhängigkeit der Bilanzprüfer aus. Gesetze wurden verschärft, Kontrollinstanzen installiert.

    Wenige Jahre darauf knallte es wieder. Diesmal waren es die Banken, die mit ungesicherten Milliarden-Geschäften die Weltwirtschaft zum Beben brachten. Auch hier folgten neue Regeln, härtere Vorschriften, selbst die Bankerboni sind nun reguliert.

    Und was hat uns das alles gebracht? Einen Riesenskandal um Wirecard. Und die Frage, ob die ganze Regulierung ein harmloser Papiertiger ist. Wir stehen jetzt am Anfang einer neuen Debatte um die Rolle von Aufsichtsbehörden und Aufsehern. Diesmal müssen wir es richtigmachen.

    Mehr: Der Fall Wirecard: wie Ex-Chef Markus Braun den Konzern in die Insolvenz trieb.

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