Leserdebatte: Deutschlandticket – Revolution oder Revolutiönchen für den Nahverkehr?
Die Werbung für das Deutschlandticket ist am Hauptbahnhof vor einer Bahn des ÖPNV zu sehen.
Foto: dpaVon „ein überwältigendes Glücksgefühl“ über „ein Revolutiönchen“ bis „Chance vertan“ reichen die Meinungen der Handelsblatt-Leserschaft zum Deutschlandticket. Seit Montag gilt das 49-Euro-Ticket, mit dem es sich mit dem öffentlichen Nahverkehr quer durch Deutschland reisen lässt.
Neben der deutschlandweiten Nutzung sehen einige vor allem den Preis als Gewinn: „In München kostete allein schon die S-Bahn in den Außenbereich mehr als 49 Euro pro Monat“, schreibt ein Leser. Dass nun auch Reisen in andere Städte möglich sind, sei ein „deutlicher Vorteil“. Eine Leserin hebt hervor, dass sie sich nun nicht mehr „durch den Tarifdschungel arbeiten“ muss. Das sei ihr sogar mehr als 49 Euro wert. Ein Leser berichtet ergänzend: „Dass es mich, der sein Leben mehr oder weniger ausschließlich mit und im Auto verbracht hat, dazu bringt, jetzt den ÖPNV zu nutzen, kann allerdings revolutionär genannt werden.“
Ob das in der breiten Masse funktioniert, bezweifelt allerdings ein Leser. Dies würde aus seiner Sicht vor allem an der Fahrplanzuverlässigkeit im Nah- und Regionalverkehr hängen. Neben der Pünktlichkeit sieht ein anderer Leser auch die Sicherheit und Sauberkeit von Bussen, Bahnen und Bahnhöfen sowie kostenfreie Stellplätze für Auto und Fahrrad als wichtige Voraussetzung.
Überlastete Server, die anfänglich den Kauf des Tickets zum Teil unmöglich machten, empfand ein Leser als „deutlicher Bremsklotz“. Dazu bemängelt ein anderer Leser, dass das neue Deutschlandticket „vorrangig Menschen in den Ballungszentren mit gut ausgebautem öffentlichen Nahverkehr“ nütze. „In ländlichen Gegenden wird man bis auf Weiteres auf das private Kfz angewiesen sein“, meint er. Für einen anderen Leser ist es vor allem die lange Fahrtzeit, die ihn vom Erwerb des Deutschlandtickets für größere Reisen abhält. Im Vergleich zur Fahrt im ICE wäre er im ÖPNV doppelt so lange unterwegs, um in Berlin oder Hamburg Familie und Freunde zu besuchen.
Aus den Zuschriften der Handelsblatt-Leserschaft haben wir eine Auswahl für Sie zusammengestellt.
Es steht und fällt mit der Zuverlässigkeit von Bus und Bahn
„In der Diskussion um das 49-Euro-Ticket geht viel zu sehr unter, dass es hierbei nicht zuvorderst um ein Freizeitmobilitäts-Goodie für weniger Gutbetuchte geht, sondern darum, den individuellen Verkehr auf Bus und Bahn zu verlagern. Die ökologische Logik dahinter ist doch nicht ein subventioniertes Mehr an Reiseverkehr, sondern Berufspendler, die dank günstiger und funktionierender Alternative das eigene Auto stehen lassen können. Das Gelingen dieser Idee steht und fällt mit der Fahrplanzuverlässigkeit im Nah- und Regionalverkehr, und da ist noch sehr viel Luft nach oben.“
Mauritz Faenger-Montag
Kein Mehrwert für ländliche Regionen
„Das 49-Euro-Ticket ist wieder eine Ausgeburt deutscher Kleinstaaterei und Bürokratie. Das Vorbild des 9-Euro-Tickets mit deutschlandweit einheitlichen Konditionen und ohne komplexes Buchungssystem war – auch zu höheren Preisen – aus welchen Gründen auch immer offensichtlich nicht gewollt. Vermutlich zu einfach ...
Im Prinzip geht es mit der Stärkung des öffentlichen Verkehrs in die richtige Richtung, allerdings nützt es derzeit vorrangig den Menschen in den Ballungszentren mit gut ausgebautem öffentlichen Nahverkehr. In ländlichen Gegenden wird man bis auf Weiteres auf das private Kfz angewiesen sein. Von längeren Bahnreisen bei denen man mehr als zweimal umsteigen muss, rate ich derzeit übrigens grundsätzlich ab.“
Piero Kirchner
Ein deutlicher Vorteil
„In München kostete allein schon die S-Bahn in den Außenbereich mehr als 49 Euro pro Monat. Wenn man jetzt auch noch Regionalzüge nach Augsburg und dergleichen nutzen kann, ist das ein deutlicher Vorteil. Reisen nach Hamburg etc. dürften jedoch nur etwas für Spezialisten sein.“
Walter Neuschitzer
Besser wäre ein grundsätzlich kostenloser Nahverkehr
„Ganz gut das 49-Euro-Ticket, besser wäre aber grundsätzlich kostenloser Nahverkehr. Arbeiten Nahverkehrsunternehmen überhaupt kostendeckend? Wenn nicht, warum dann keine gänzliche Finanzierung aus Steuermitteln? Geld genug dafür ist doch bestimmt vorhanden, wenn ich an alle ‚Doppelwummse‘ der letzten Jahre denke. Außerdem wäre das der Weg die Leute vom Auto wegzubekommen.“
Thomas Staggemeier
>> Blicken Sie auch auf unsere Infografik der Woche: Fahrermangel und Imageprobleme – Das Deutschlandticket wird zur Bewährungsprobe
Geldwerter Service statt Abzocke
„Ja, ich meine, es ist ein Zugewinn für die Mobilität. Nach der Corona-Abstinenz gewinnt das öffentliche Verkehrsmittel durch das 49-Euro-Ticket an Attraktivität. Wenn zudem in Pünktlichkeit, Sicherheit und Sauberkeit von Bussen, Bahnen und Bahnhöfen deutlich investiert wird, werden sie von mehr Menschen genutzt. Mit Auto oder Zweirad zum Bahnhof oder zur Haltestelle zu fahren und dort kostenfreie Stellplätze zu bekommen, bzw. das Rad mit in die Bahn nehmen zu können, das würde viele Menschen zum Umdenken bringen. Das Motto heißt geldwerter Service statt Abzocke. Das versteht jeder Verbraucher und konsumiert.
Überlastete Server, die den Kauf des Tickets zum Teil unmöglich machten, waren allerdings ein deutlicher Bremsklotz. (Andy Scheuer lässt grüßen!?) Verärgerte Kunden bleiben erst einmal weg.“
Jannis Vassilatos
Der ÖPNV wird ausgezehrt
„Das 49-Euro-Ticket wird den ÖPNV weiter auszehren, da auch nicht unendlich Steuermittel zur Verfügung stehen werden, um die Defizite auszugleichen.
Zudem stehen zunehmend weniger Bus- und Tramfahrer dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Wer soll die Fahrzeuge lenken?
Eine neue Schimäre im Pippi-Langstrumpf-Deutschland.“
Hannes Streng
Das wäre mir auch mehr als 49 Euro wert
„Es ist ein überwältigendes Glücksgefühl, einfach in die Bahn/Tram oder Bus einzusteigen, ohne sich vorher durch den Tarifdschungel arbeiten zu müssen. Das wäre mir auch mehr als 49 Euro wert.“
Eva Wentzel
Große Entfernungen sind keine Option!
„Ich wohne als Rentner in Frankfurt. Um günstig nach Berlin (Kinder) oder Hamburg (Freunde) zu kommen, müsste ich beim Durchqueren verschiedener Bundesländer mit dem Deutschlandticket in mehrere aneinandergereihte Regionalexpress-Verbindungen (RE) umsteigen, wobei sich im Vergleich zur Reise mit dem ICE die Fahrtdauer nahezu verdoppeln würde, von den ICE-Annehmlichkeiten ganz abgesehen. Am Ziel würde mir das Deutschlandticket für zwei bis vier Fahrten pro Tag zwar einen Vorteil bringen.
Zu Hause im Großraum Frankfurt bieten sich mir aber das ganze Jahr über auch zahlreiche andere ÖPNV-Verbilligungen. Wofür sollte ich das Deutschlandticket für knapp 600 Euro im Jahr zusätzlich buchen?“
Peter Paul Schepp
Seit Montag können Besitzer des Deutschlandtickets mit dem öffentlichen Personennahverkehr quer durch Deutschland reisen.
Foto: dpaHoffentlich nur ein Anfang
„Ich empfinde das Deutschlandticket als Revolution des öffentlichen Nahverkehrs, allein wegen der deutschlandweiten Nutzung, aber auch preislich gesehen ist es ein Gewinn. Ein Frankfurter Monatsticket kostet 98 Euro und trotz des hohen Preises kann ich damit nicht in anderen Städten den Nahverkehr nutzen. Ich besuche aber gern Familie und Freunde in ganz Deutschland und empfand die unterschiedlichen Verbundsysteme immer als limitierend. Jede Verkehrsgesellschaft hat ihre eigenen Systeme, Apps und Tarife, wobei etliche Synergien ungenutzt bleiben und für höhere Preise sorgen.
Es ist zu hoffen, dass das Deutschlandticket nur der Anfang eines einheitlicheren Systems in ganz Deutschland ist.“
Sabine Kopplin
Ein Revolutiönchen
„Das Deutschlandticket ist (wenn überhaupt) ein Revolutiönchen. Das 49-Euro-Ticket hilft besonders zwei Gruppen:
1. Den Pendlern, die bisher ca. 100 Euro für ihr Ticket bezahlen und nur noch 50 Prozent Kosten haben, gegebenenfalls steigen einige weitere vom Auto auf den Nahverkehr um, was ökologisch zu begrüßen ist.
2. Menschen, die Zeit haben und gerne reisen und die nun für einen akkuraten Kurs durch Deutschland traveln können.
Wem das Ticket aber NICHT hilft:
1. Menschen mit einem geringen Einkommen würden von einer Verlängerung des 9-Euro-Tickets wesentlich mehr profitieren.
2. Wir als Familie mit zwei Kindern fahren regelmäßig mit der Deutschen Bahn zu Verwandten ans andere Ende der Republik. Leider sind die Bahnpreise (wenn nicht schon monatelang vorher gebucht) ziemlich hoch, sodass wir oft trotzdem mit dem Auto fahren. Ich/Wir würden ein deutschlandweites, vergünstigtes Familienticket begrüßen, aber das steht ja leider nicht zur Debatte.
Mein Fazit vom Deutschlandticket ist: Mehr Hype als Realität.“
Mirko Hensgen
Chance vertan
„Längst überfällig und zugleich Chance vertan. Abgesehen vom zu diskutierenden Preis, hat es bereits das 9-Euro-Ticket bewiesen. Der Verbraucher will es, aber bitte einfach, einheitlich und vor allem verständlich.
Alleine, unser föderaler Staat kann oder will nicht einfach. Stattdessen wieder als Abo, wieder bundesweit unterschiedlichste Leistungsumfänge und Preise, wieder mit einem irrsinnigen, weil so unnötigen bürokratischen Aufwand, nur um dies abzubilden, was kein Verbraucher möchte.“
Markus Riegraf
Der Umwelt und den vollen Straßen hilft es
„Ob es eine Revolution ist, sei einmal dahingestellt.
Dass es mich, der sein Leben mehr oder weniger ausschließlich mit und im Auto verbracht hat, dazu bringt, jetzt den ÖPNV zu nutzen, kann allerdings revolutionär genannt werden. Wenn es sich bewähren sollte, wäre dem Zweck der Übung sicher gedient: Der Umwelt und den vollen Straßen hilft es.“
Frank Gewiese
Unterm Strich ein deutliches Plus
„Das 49-Euro-Ticket ist auf jeden Fall eine Revolution. Das Ticket wird für mich rund 66 Prozent günstiger und bietet einen viel größeren Geltungsbereich. Nun muss noch das Angebot ausgebaut werden, wofür es allerdings derzeit zu wenig Fahrpersonal gibt.
Unterm Strich kommt damit für mich auch bei der Einkommensteuererklärung aufgrund der Entfernungspauschale ein deutliches Plus raus.“
Sebastian Hettwer
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Mehr: Über die neue Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer debattierte die Handelsblatt-Leserschaft in der vergangenen Woche.