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LeserdebatteSind Arbeitnehmer die neuen Verhandlungsmächtigen?

Der Tarifstreit im öffentlichen Dienst endete mit einer der größter Tariferhöhungen seit Jahrzehnten. Die Handelsblatt-Leserschaft debattiert, ob sich eine grundsätzlich gestiegene Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer zeigt. 27.04.2023 - 11:30 Uhr Artikel anhören

Zuletzt haben zahlreiche Beschäftigte für mehr Lohn gestreikt.

Foto: imago images/Patrick Scheiber

Düsseldorf. Mit einer der größten Tariferhöhungen seit Jahrzehnten endete am Samstagabend der Tarifstreit im öffentlichen Dienst. Angesichts dessen haben wir die Handelsblatt-Leserschaft gefragt, ob sie findet, dass die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren gestiegen ist.

In den Zuschriften zeigt sich dabei ein zwiegespaltenes Bild. Ein Leser schreibt beispielsweise: „Die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer ist zwar in den vergangenen Jahren gestiegen, jedoch gerade in der Pandemie hat man sich volkswirtschaftlich verhalten.“

Andere Leser weisen darauf hin, dass nicht alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in einer Gewerkschaft seien und somit auch keine „gewerkschaftlichen Druckmittel“ entfalten könnten. Ein Leser schreibt hierzu: „Kritisch ist hingegen, wie viele Arbeitnehmer durch den einfachen Austritt ihres Arbeitgebers aus dem Manteltarif heute einfach unten durchrutschen und sich mit Almosen zufriedengeben müssen!“ Zudem fragt ein Leser, welche Verhandlungsmacht ablesbar sei, wenn das Ergebnis unter den Forderungen geblieben sei.

Dennoch befürchtet ein Leser angesichts des Ergebnisses des Tarifstreits: „Die öffentlichen Arbeitgeber werden an der Erhöhung schwer schlucken.“ Ein anderer mahnt: „Die Kommunen sind finanziell mit dieser zusätzlichen Belastung überfordert.“ Daher erwartet er, dass diese durch „zusätzliche Erhöhungen kommunaler Beiträge und Gebühren aufgefangen werden“. Angesichts dessen sehen einige durchaus die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale gegeben. Auch hierzu hatten wir die Leserschaft um eine Einschätzung gebeten.

Aus den Zuschriften der Handelsblatt-Leserschaft haben wir eine Auswahl für Sie zusammengestellt.

Die Notenbanken haben jetzt ihren Job zu machen

„Dieses Thema hat bekanntlich mehrere Ebenen: Erst mal bliebe die Frage: ‚Lohn-Preis-Spirale‘ oder ‚Preis-Lohn-Spirale‘? Fakt ist ja wohl, dass zuerst die Preise gestiegen sind und sich in diesem Zug die Breite der Unternehmen (so diese ein ,normales‘ Preisanpassungsverhalten hatten) angeschlossen hat. Dass dabei an vielen Stellen massiv übertrieben wurde, wird deutlich, wenn man sich die Gewinnentwicklung beispielsweise sehr vieler Dax-Unternehmen im letzten Jahr und auch im ersten Quartal 2023 anschaut. Hier wurde die Marktmacht ausgenutzt! Dass darauf die Arbeitnehmerschaft, zumal in Zeiten des Fachkräftemangels reagiert, ist doch nur verständlich. Ob dann hier wieder überzogen wird, steht auf einem anderen Blatt.

Was also lernen wir daraus? Die Notenbanken haben jetzt ihren Job zu machen. Wir müssen runter von den hohen Inflationszahlen, und das geht bekanntlich nur, wenn das Wirtschaftswachstum sich abschwächt. Dann werden wir mal sehen, wer noch welche Preisdurchsetzungsmacht hat. Die Unternehmen oder die Arbeitnehmerschaft? Rückläufige/stagnierende Umsätze = schwächere Gewinne = Kostensenkungsprogramme = Abbau von Personal = Lohndisziplin der Mitarbeitenden (?). Das war es doch wohl, was uns die Volkswirtschaftslehre beizubringen versuchte.“
Walter Ege

Die Lohnerhöhungen fallen zu hoch aus

„Der Tarifabschluss ist eindeutig ein Fehler und deutlich zu hoch ausgefallen. Ein vertrauensvoller Umgang mit anvertrautem Steuergeld sieht eindeutig anders aus.

Generell fallen aktuell die Lohnerhöhungen spürbar zu hoch aus. Eine Lohn-Preis-Spirale wird hier aktiv angetrieben, denn kein Unternehmen kann diese immensen Steigerungen ohne Preiserhöhungen verkraften.

Was die öffentliche Hand angeht, muss ein massiver Personalabbau betrieben werden, Verwaltungsabläufe automatisiert und vereinfacht werden.“
Jörg M. Pradler

Der Tarifabschluss ist aus zwei Gründen negativ

„Das Ergebnis der Tarifabschlüsse für den öffentlichen Dienst ist volkswirtschaftlich negativ vor allem aus zwei Gründen:

1) Die Kommunen sind finanziell mit dieser zusätzlichen Belastung überfordert. Sofern es keine Rücklagen gibt, müssen andere Leistungen der Daseins-Vorsorge zurückgefahren werden oder durch zusätzliche Erhöhungen kommunaler Beiträge und Gebühren aufgefangen werden. Dadurch wird eine weitere Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt. Die Bürger und Bürgerinnen werden damit gleich zweimal bestraft.

2) Ein Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion kaum thematisiert wird, sind die Verwerfungen am Arbeitsmarkt. Die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes einschließlich der Beamten werden mit hohen Lohnzuwächsen zufriedengestellt, während viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und auch Selbstständige nicht oder nur minimal mehr Einkünfte erzielen, da sie keine gewerkschaftlichen Druckmittel entfalten können oder höhere Preise am Markt nicht durchzusetzen sind. Wenn Physiotherapeuten, Arzthelferinnen, Paketboten oder Friseure mit deutlich geringeren Lohnerhöhungen auskommen müssen als die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der öffentlichen Behörden, wird das mittelfristig dazu führen, dass diese Berufsgruppen kaum den nötigen Nachwuchs finden werden. Die ‚Wertschätzung‘ ist demnach eine exklusive Erfindung von Gewerkschaftern für ihre Klientel.

Zudem habe ich keine Information, dass mit diesem Tarifabschluss endlich eine Verpflichtung zur Modernisierung von Verwaltungsabläufen und damit zu einer kostengünstigeren Verwaltung vereinbart wurde.

Der Grundsatz ‚Erst muss der Wohlstand erarbeitet werden, danach kann er verteilt werden‘ wird bei diesem Tarif sträflich missachtet!“
Franz Verhaag

>> Lesen Sie dazu unseren Kommentar: In der Tarifpolitik gibt es eine Zeitenwende

Die neue Verhandlungsmacht ist die Steuererhöhung von morgen

„Ich kann die Arbeitnehmerseite gut verstehen, ist sie doch von der grassierenden Inflation elementar betroffen. Allerdings steht auch auf dieser Seite des Blattes, dass über Jahre die Geldentwertung nahezu null war. Das ist schnell vergessen.

Die öffentlichen Arbeitgeber werden an der Erhöhung schwer schlucken. Auf kommunaler Ebene wird die Grundsteuerreform ganz sicher nicht aufkommensneutral umgesetzt. Die neue Verhandlungsmacht der Arbeitnehmerseite ist also die Steuererhöhung von morgen.“
Matthias Moser

Fünf Sätze zum Tarifstreit

„Den steuerfreien Inflationsausgleich haben sehr viele Arbeitnehmer anderer Arbeitgeber einfach so erhalten, ohne dass sie dafür Tarifverhandlungen führen mussten.

Die Lohnerhöhung von 200 Euro plus 5,5 Prozent ist zwar aus meiner Sicht eine akzeptable Höhe, aber kommt viel zu spät (erst im März 2024). Die geforderte Laufzeit hat sich auf 24 Monate verdoppelt: Ist das ein Erfolg der Arbeitnehmer?

Kommunen jammern nur über höhere Belastungen für ihre eigenen Mitarbeiter und Bürger, aber an anderer Stelle werden Unsummen verschwendet und verschenkt und keiner, auch nicht die Presse, stellt sich die Frage, ob diese Tariferhöhungen nicht auch über Sparmaßnahmen und sinnvolle Verwendung der öffentlichen Mittel finanziert werden könnte.

Welche Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer soll hieraus ablesbar sein, wenn das Ergebnis weit unter den Forderungen und Erwartungen der Gewerkschaft und ihrer Mitglieder blieb und es faktisch weiterhin einen Kaufkraftverlust darstellt?“
Klaus Binder

Warum sollten sich Beschäftigte zurückhalten?

„Das Erfordernis hoher Lohnzuwächse resultiert aus einem strategischen Politikversagen, die Binnennachfrage ist wichtig. Solange in Chefetagen in diesen schwierigen Zeiten Boni in Millionenhöhe gezahlt werden, sehe ich keinen Grund, dass Beschäftigte sich in Lohnzurückhaltung üben sollten.“
Stephan Schröder

>> Lesen Sie dazu auch: Nach dem Tarifabschluss – Ruf nach Entlastung für die Kommunen

Unten durchrutschen

„Es gibt keine übertriebene Lohn-Preis-Spirale.

Kritisch ist hingegen, wie viele Arbeitnehmer durch den einfachen Austritt ihres Arbeitgebers aus dem Manteltarif heute einfach unten durchrutschen und sich mit Almosen zufriedengeben müssen!

Seit Jahren und Koalitionen wird das Tariftreuegesetz diskutiert und seit Jahrzehnten verschleppt sowie von den Lobbyisten schlechtgeredet!“
Manfred Ostertag

In der Privatwirtschaft kann man sich Streiks nicht erlauben

„Frage: Finden Sie, dass die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren gestiegen ist? Antwort: Die Verhandlungsmacht ist doch nur im öffentlichen Dienst gestiegen. In der Privatwirtschaft kann man sich Streiks und Erpressung nicht erlauben.

Frage: Wie hoch schätzen Sie die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale ein? Antwort: Die Gefahr ist groß. Immerhin erhalten rund 2,5 Millionen Beschäftige im öffentlichen Dienst mehr Geld. Die saftigen Erhöhungen müssen ja von uns allen getragen werden, nämlich durch die Steuern. Wir werden ausgepresst wie die Zitronen.“
Roswitha Chéret

Frank Werneke, Vorsitzender der Gewerkschaft Verdi, hat für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst verhandelt.

Foto: dpa

Nachhaltig sind die Erfolge nicht

„Wer wie Lars Klingbeil die Gefahr der Lohn-Preis-Spirale als anerkannte volkswirtschaftliche Erkenntnis ignoriert, betreibt einfach nur Populismus.
Tarifverhandlungen mit diesen unreflektierten Ergebnissen passieren nur in unstrukturierten Bereichen. Zum Beispiel gibt es bei den Autobauern oder in der Chemiebranche oft moderatere Abschlüsse, aber dafür Gewinnbeteiligungen je nach Ertragskraft.

Die Erodierung der Differenz der Tabellenentgelte zwischen Hoch- und Niedrigqualifizierten ist zwar ein Traum der Linken, aber birgt das Risiko, dass der Fachkräftemangel steigt (warum soll ich Krankenschwester werden, wenn ich als Ticketkontrolleur gleich viel verdienen kann?) und senkt das Risiko, Topfachkräfte in der aktuellen Situation zum Beispiel in den öffentlichen Dienst zu locken (wo ist der Anreiz?).

Gewerkschaften haben den Auftrag, Arbeitnehmerrechte zu stärken, aber auch für Jobsicherheit zu sorgen. Populistisch übertriebene Abschlüsse sichern die eigenen Pfründe, sorgen aber im Hochabgabenland eher zu mehr Digitalisierung und Automatisierung oder Abwanderung von Jobs. Nachhaltig sind die ‚Erfolge‘ damit nicht.

Die Verbraucher und die Energiepreise sinken. Man hat die teilweise temporäre Inflation schamlos ausgenutzt und senkt die Chancen für zukünftige Verhandlungen.“
Marc Adler

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Die Verhandlungsmacht ist gestiegen

„Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale ist sehr hoch.

Während sich in vielen Bereichen die Tarifpartner zurückhaltend verhalten haben, sind die Tarifabschlüsse gerade im öffentlichen Dienst extrem aus dem Ruder gelaufen. Die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer ist zwar in den vergangenen Jahren gestiegen, jedoch gerade in der Pandemie hat man sich volkswirtschaftlich verhalten.“
Horst Schilling

Wenn Sie sich zu diesem Thema im Handelsblatt zu Wort melden möchten, schreiben Sie uns einen Kommentar, entweder per E-Mail an forum@handelsblatt.com oder auf Instagram unter @handelsblatt.

Mehr: In der vergangenen Woche debattierte die Handelsblatt-Leserschaft, ob es Zeit für eine Reform des deutschen Rentensystems ist.

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