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LeserdebatteIst es Zeit für eine Reform des Rentensystems?

Angesichts der Rentenreform in Frankreich haben wir die Handelsblatt-Leserschaft gefragt, welche Änderungen sie sich für das deutsche Rentensystem wünschen. Hier eine Auswahl der Kommentare. 20.04.2023 - 10:50 Uhr Artikel anhören

Diese und andere Fragen stellen sich rund um eine Rentenreform.

Foto: imago images/Westend61

Düsseldorf. Die Rentenreform von Emmanuel Macron versetzt Frankreich seit Monaten in Unruhe. Nichtsdestotrotz unterzeichnete der französische Präsident am Samstag das umstrittene Gesetz. Die Reform sieht unter anderem vor, dass das Renteneintrittsalter schrittweise von 62 auf 64 Jahre angehoben wird.

Angesichts der Debatte in Frankreich haben wir die Handelsblatt-Leserschaft diese Woche gefragt, welche Reformen sie sich für das deutsche Rentensystem wünscht.

Ideen gibt es zahlreiche. So schlagen manche vor, dass alle in das Rentensystem einzahlen sollten, auch Beamte und Selbstständige. Dann hätte Deutschland eine wirkliche Solidargemeinschaft, findet ein Leser. Andere favorisieren ein System mit Kapitaldeckung und Aktien ähnlich dem Rentensystem Norwegens. Und um das Demografieproblem anzugehen, plädiert ein Leser für attraktivere Steuervorteile pro Kind.

Schlicht und einfach das Renteneintrittsalter hochzusetzen so wie in Frankreich sehen allerdings die wenigsten als Lösung. Stattdessen schlägt beispielsweise ein Leser vor, dass alle nach 45 Jahren Arbeit volle Rentenbezüge erhalten. Also ein Handwerker, der mit 16 Jahren ins Arbeitsleben gestartet ist, könne demnach schon mit 61 Jahren in Rente gehen.

Aus den Zuschriften der Handelsblatt-Leserschaft haben wir eine Auswahl für Sie zusammengestellt.

Chapeau!

„Die Franzosen waren aufgrund ihrer siegreichen Revolutionen schon immer streitlustiger als zum Beispiel wir Deutschen. Ich finde es bemerkenswert, wie Emmanuel Macron trotz des Gegenwinds die Rentenreform als sein größtes Vorhaben regelrecht durchpeitscht. Dabei kalkuliert er auch von vornherein eine Wahlniederlage bei den nächsten Präsidentschaftswahlen ein. Er hat erkannt, dass die Sozialsysteme das niedrige Renteneintrittsalter auf Dauer nicht verkraften, Chapeau!

Das Renteneintrittsalter in Deutschland würde ich nicht weiter erhöhen. Für die, die länger arbeiten wollen oder müssen, weil die Rente nicht ausreicht oder sie die sozialen Kontakte vermissen, können die finanziellen Anreize regelmäßig überprüft werden.

Mit 520 Euro steuerfrei für einen Minijob und 840 Euro pro Jahr Ehrenamtspauschale wurde da schon einiges getan. Nicht zu vergessen der steuer- und sozialversicherungsfreie Übungsleiterfreibetrag in Höhe von 3000 Euro pro Jahr.“
Monika Büter

Grundsätzliche Reform nötig

„Ich verstehe die Franzosen, die gegen diese Reform sind, da ihr Rentensystem traditionell anders ist und eher der Mentalität unserer Nachbarn entspricht. Dennoch, die Rentenreform in Frankreich ist notwendig, da auch Frankreich, trotz höherer Geburtenrate, auch unter der demografischen Entwicklung leidet.

Für Deutschland wünsche ich mir auch eine grundsätzliche Reform derart, dass alle in das Rentensystem einzahlen, auch Beamte und Selbstständige. Das heißt Abschaffung des Beamtenstatus außer bei hoheitlichen Aufgaben, wie Polizei, Zoll und Finanzamt. Abschaffung der berufsständischen Altersversorgung.“
Heinz Schwalb

Schaut nach Norwegen!

„Ganz einfach, siehe Norwegen! Und bitte endlich Kapitaldeckung und Aktien in die Rentenplanung einbeziehen. Das hätte den sehr wünschenswerten Nebeneffekt, dass wir unsere Unternehmen nicht an Staaten zum Beispiel aus dem Nahen Osten verscherbeln würden, die Volatilitäten geringer ausfielen, die interne Kontrolle und Aufsicht in Deutschland bliebe, Dividenden nicht ins Ausland abflössen et cetera.“
Hanno C. L. Dittrich

Flexibleres Renteneintrittsalter

„Diskussionen über das Renteneintrittsalter gibt es seit Langem, ebenso über von Fachleuten nahegelegte Vorschläge zu individuellen, verlängerten Beschäftigungsmöglichkeiten in bisherigen Arbeitsverhältnissen oder neuen Betätigungsfeldern, die sich in der derzeitigen Arbeitsmarktlage anbieten. Langjährige Berufserfahrung, fachliche Kompetenz und spezielles Detailwissen könnten Brückenfunktionen ermöglichen, die zur gezielten Ausbildung junger Arbeitskräfte beitragen; dies besonders im Hinblick auf circa 650.000 offene Stellengesuche.

So könnte eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit nach physischem Vermögen zum einen beziehungsweise nach bestimmten Funktionsbedarfen zum anderen zumindest höhere Bedeutung in vielerlei wirtschaftlichen oder sozialen Einrichtungen finden. Viele Länder geben über mehr Flexibilität des Renteneintrittsalters gute Beispiele. Das wäre auch in Deutschland wünschenswert, um auf Erfahrung, Menschenführung, Sachkompetenz aufzubauen.“
Rainer R. Fuess

Fünf Punkte für eine krisenfeste Rente

„Meiner Meinung nach sind folgende fünf Aspekte notwendig, um die Rente krisenfest zu machen:

  • Erwerbsbevölkerung nutzen: Ganztagsschule bis zur zehnten Klasse inklusive hochwertiger Hausaufgabenbetreuung
  • Demografie stärken – Steuersparmodell Kind: Abschaffung Splittingtabelle für unter 35-Jährige in Verbindung mit dauerhaftem, attraktivem Steuervorteil pro Kind
  • Beitragsgerechtigkeit: Wahlgeschenke unterbinden – entsprechende Einflussnahme durch Grundgesetzänderung erschweren
  • Dreisäulenmodell aus gesetzlicher Rente, einfacher betrieblicher Altersvorsorge, privater Vorsorge (steuerbegünstigt)
  • Langfristiger Aufbau Kapitaldeckung Rentenvermögen (zum Beispiel bis zu ein Viertel) mit Auszahlung ab 2050“

Siegfried Wolf

Alle Bürger in die Rentenversicherung

„Unser ganzes Sozialsystem ist 1957 ins Leben gerufen worden und aufgebaut auf dem Prinzip der Solidargemeinschaft vor dem Hintergrund und der Euphorie des Wirtschaftswunders. Ludwig Erhard wollte ein kapitalgedecktes Sozialsystem, aber Adenauer setzte sich mit seiner Vorstellung durch.

Der Schwachpunkt des Solidarprinzips der Beitragsfinanzierung liegt darin, dass es nur funktioniert, solange es Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum gibt, was bereits in den 1970er-Jahren vorbei war. Seitdem – seit fast 50 Jahren! – krankt unser Sozialsystem, ist nicht mehr lebensfähig und auf immer höhere Zuschüsse aus Steuermitteln angewiesen.

Unsere Politiker sind – allen Zweifeln zum Trotz – nicht alle Dummköpfe und viele von denen wissen das genau, aber in 50 Jahren hatte keiner den Mut, um wirklich mal einen Schnitt zu machen und das System auf Kapitaldeckung umzustellen. Vielleicht geht das inzwischen auch nicht mehr, weil die Karre schon zu tief im Sumpf steckt. Eine einzige Alternative ist, nun endlich alle Bürger in die Rentenversicherung hineinzuverpflichten – also auch Politiker, Beamte, Freiberufler, Unternehmer, Selbstständige – eben alle! Ich bin weiß Gott kein Sozialist oder Kommunist, aber dann hätten wir eine wirkliche Solidargemeinschaft!“
Michael Looks

Keine feste Altersgrenze mehr

„Mein Vorschlag: keine feste Altersgrenze, sondern abhängig von Beitragsjahren. Nach 45 Jahren volle Rente. Arbeiter oder Handwerker, die mit 16 Jahren angefangen haben zu arbeiten, können so mit 61 Jahren volle Rentenbezüge erhalten. Ewige Studenten, die erst mit 30 Jahren starten, müssen dann halt bis zu einem Alter von 75 Jahren arbeiten, was Akademikern deutlich leichter fällt als körperlich Tätigen. Oder eben Abschläge in Kauf nehmen, was angesichts der Vermögen auch kein Problem sein sollte. 

NB: Ich zähle zu den Akademikern und bin mit 63 Jahren in Rente, mit Abschlägen.“
Helmut Stadtmüller

Sicher fühle ich mich überhaupt nicht

„Als 44-Jähriger fühle ich mich trotz gutem Einkommen als Verlierer. Ohne auch nur eine Erbe – weder erhalten noch in Sicht – fing mein Berufsleben mit 30 Jahren (leider) erst an. Mit Höchststeuersatz darf ich trotz noch nicht ganz sechsstelligem Einkommen die jetzigen Renten und mehr bezahlen. Zugleich sinkt das Rentenniveau, und mitsamt der mir anstehenden Vollbesteuerung – also Doppelbesteuerung – meiner Rente ist das Niveau de facto im Keller.

Zusätzlich soll ich für private Absicherungen sorgen, was jenseits von Spekulation mit Bitcoin und Co. fast nicht möglich ist, weil es den Preisexplosionen am Markt schlicht hinterherhinkt beziehungsweise die Unruhen im Finanz- und Rohstoffsektor sicher noch einige böse Überraschungen bringen werden.

Als ob die Fusion der beiden Schweizer Banken auch nur im Ansatz irgendein Problem gelöst hätten – alles ist nur vertagt, und wird ob der schieren Größe nur schlimmer. Wir leben im Frieden, ja, nur allzu blauäugig zu lange schon. Wohin wird das wohl alles führen? Sicher fühle ich mich überhaupt nicht.“
Patrick B.

>> Lesen Sie auch: „Man muss schon recht gutgläubig sein“: Warum die Rente längst nicht mehr sicher ist

Fünf Ideen für das deutsche Rentensystem

„Hier fünf Ideen zu Ihrer Frage:

1) altersflexible Einstiegsmöglichkeit mit Zu-/Abschlägen

2) Eintrittsalter möglich zwischen 50 Jahren (für körperlich Beanspruchte, siehe unten) und 77 Jahren

3) Rentenbetrag nach Art der beruflichen Tätigkeiten und damit einhergehenden Belastungen differenziert, zum Beispiel:

  • ‚Malocher-Rente‘ (für Handwerker, Lkw-Fahrer und viele andere vorwiegend körperlich beanspruchte Menschen)
  • ‚Verwaltungs-Rente‘ (für vorwiegend administrativ Tätige)
  • weitere Gruppen, zum Beispiel gestaffelt nach Freiheitsgraden in der beruflichen Tätigkeit – weil diese Freiheitsgrade nachweislich die Arbeitsgesundheit beeinflussen

4) Aufsplittung in Pflichtbeitrag wie bisher und gestaffeltem, zusätzlichem freiwilligen Eigenbeitrag

5) Beitragshöhe abhängig von Krankheitsgeschehen in der Berufszeit“
Christian Remus

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Für ein faireres System

„Jede Bundesregierung verfolgt beziehungsweise diskutiert die Anhebung des Rentenalters. Meines Erachtens nach müsste sich eine abschlagsfreie Rente nach der Anzahl der Beitragsjahre richten. Wer mit 16 Jahren eine Ausbildung beginnt und ununterbrochen arbeitet, muss bis 67 Jahre ganze 51 Jahre arbeiten. Wer ein mit Steuern ermöglichtes, kostenfreies Studium absolviert und mit circa 25 Jahren anfängt zu arbeiten, hat bis zum 67. Lebensjahr lediglich 42 Jahre zu arbeiten.

Wenn alle mit 45 Beitragsjahren abschlagsfrei in Rente gehen, wäre dies meines Erachtens fairer. Außerdem wäre es ebenfalls möglich, für prekäre Berufsgruppen, wie zum Beispiel Altenpfleger und Altenpflegerinnen, eine abschlagsfreie Rente mit zum Beispiel 40 Beitragsjahren zu ermöglichen. Dies würdigt die berufliche Belastung und ist ein zusätzlicher Anreiz für die Berufswahl (heutzutage wird damit zum Beispiel bei Fluglotsen geworben).“
Martin Schürg

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Mehr: Ob die Abschaltung der letzten deutschen Atomkraftwerke verfrüht war, darüber debattierte die Handelsblatt-Leserschaft in der vergangenen Woche.

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