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LeserdebatteSollte die Vier-Tage-Woche eingeführt werden?

Die einen versprechen sich eine bessere Work-Life-Balance und Anreize für neue Fachkräfte. Kritiker hingegen befürchten einen Schaden für die Wirtschaft. Ist die Vier-Tage-Woche ein tragbares Modell? 25.08.2023 - 11:46 Uhr Artikel anhören

Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wünschen sich mehr Ausgleich.

Foto: imago images/MASKOT

Die IG Metall setzt sich dafür ein, die GDL für Lokführer auch: Es sind nicht nur die Gewerkschaften, die sich für die Vier-Tage-Woche aussprechen. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) können sich rund 28 Prozent der Vollzeitkräfte vorstellen, ihre Arbeitszeit auf nur vier Tage zu verteilen.

Auch die Handelsblatt-Leserschaft beschäftigt das Thema – und die Einstellungen zur viertägigen Arbeitswoche sind gespalten: Während die einen sie für einen Produktivitätsmotor halten, sehen die anderen darin einen Wachstumskiller.

Viele der Leser und Leserinnen erwähnten in ihren Zuschriften die Work-Life-Balance, die sich durch die Vier-Tages-Woche verbessere. Ein „ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Freizeit“ sei „nicht nur für junge Menschen immer wichtiger“, meint ein weiterer Leser. So könnte die Vier-Tage-Woche zu „gesteigerter Mitarbeiterzufriedenheit“ führen, wie ein Leser anmerkt, was die Gesundheit fördere. Nicht nur deshalb sei die Einführung dieses Modells eine „Win-win-Situation“, wie es ein Leser betitelt: Man lerne dadurch außerdem, „effizienter zu arbeiten und stärker zu priorisieren“, wovon letztlich auch der Arbeitgeber profitiere, so eine Leserin. Für eine andere Leserin sei der springende Punkt, dass die zu erbringende Arbeit verrichtet werde: „Wenn jemand die vorgegebenen Ziele in vier Tagen erreicht“, schreibt sie, „warum sollte er fünf Tage arbeiten?“

Ein Leser vermutet, mit der Vier-Tage-Woche würden zwar „höhere Motivation und Effektivität“ zu beobachten sein, er befürchtet aber gleichzeitig aufgrund der verminderten Zeit einen erhöhten „Druck auf die fehlenden Fachkräfte“. Auch ein weiterer Leser bemängelt das Modell aufgrund des Fachkräftemangels in Deutschland und äußert sein Unverständnis über die Diskussion: „Einerseits fehlen uns Fachkräfte, und andererseits wollen wir die Arbeitszeit der vorhandenen Fachkräfte reduzieren.“ Weiterhin kritisiert ein Leser, man müsse „Wachstum erst erwirtschaften“, bevor man es „wieder verfrühstücken kann“.

Für die aktuelle Ausgabe unseres Leserforums haben wir aus den unterschiedlichen Zuschriften eine Auswahl für Sie zusammengestellt.

Deutliche Verbesserung der Lebensqualität

„Seit einigen Monaten arbeite ich nur noch vier Tage pro Woche, meine wöchentliche Arbeitszeit blieb aber die gleiche. Anstatt an fünf Tagen leiste ich meine Arbeit an vier Tagen und habe dafür längere Arbeitstage. Es war als Versuch gedacht, aber ich möchte den freien Freitag nicht mehr missen, es ist eine mehr als deutliche Verbesserung der Lebensqualität.“
Peter Riedisser

Solange die Ziele erreicht werden, warum nicht?

„Unternehmen haben festgeschriebene Ziele, (Umsatz und Gewinn) je nach Branche. Wenn jemand die vorgegebenen Ziele in vier Tagen erreicht, weil er Prozesse durch Digitalisierung langfristig beschleunigen kann, warum sollte er fünf Tage arbeiten? Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten.“
Heide Schwarzweller

Erst erarbeiten, dann verfrühstücken

„Die Diskussion ruft mir einen alten Witz in Erinnerung: Auf der Betriebsratssitzung verkündet der Gewerkschaftsvertreter vor der versammelten Belegschaft stolz: ‚Genossen, in harten Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite haben wir es endlich geschafft – ab kommendem Jahr wird nur noch mittwochs gearbeitet!‘ Da meldet sich von hinten eine Stimme: ‚vormittags oder nachmittags?‘

Vielleicht überkommt uns, nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Prognosen des Internationalen Währungsfonds, bald alle wieder einmal ein Hauch von Vernunft, und wir erkennen, dass Wachstum erst erwirtschaftet werden muss, bevor man es auf alle erdenklichen Arten wieder verfrühstücken kann.“
Oliver Dange

Viele Vorteile

„Eine viertägige Arbeitswoche kann die Work-Life-Balance‧ eines Mitarbeiters verbessern, da er mehr Zeit für persönliche und familiäre Aktivitäten hat. Eine kürzere Arbeitswoche führt oft zu konzentrierterem und produktiverem Arbeiten, da die Zeit besser genutzt wird. Die verlängerte Erholungsphase ermöglicht es den Mitarbeitern, Stress abzubauen, was zu einem gesünderen Arbeitsumfeld führt.

Unternehmen können Kosten senken, indem sie die Bürofläche reduzieren oder die Energiekosten während der freien Tage senken. Weniger Pendel- und Büroverkehr kann den CO2-Fußabdruck eines Unternehmens verringern und zum Schutz der Umwelt beitragen.“
Rico Kramer

Für mich unvorstellbar

„Ich verstehe diese Diskussion nicht. Einerseits fehlen uns Fachkräfte, und andererseits wollen wir die Arbeitszeit der vorhandenen Fachkräfte reduzieren. Für mich im produzierenden Gewerbe unvorstellbar. Vielleicht in anderen Branchen möglich.“
Stefan Schulze

Genau das Richtige

„Die Vier-Tage-Woche wäre auch für mich genau das Richtige. Aber ohne Arbeitszeitverkürzung, das heißt bei mir 38 Stunden die Woche. Das geht natürlich nur, weil ich relativ frei bin in meiner ‚Freizeitgestaltung‘ (Kinder sind aus dem Haus). Die Vier-Tage-Woche wird in naher Zukunft über die Tarifverträge kommen und auch kommen müssen. Denn mit Geld, von dem ja immer mehr an Abgaben verloren geht, kann man in gut bezahlten Branchen keinen mehr anlocken. Eine ausgewogene Verteilung von Arbeit und Freizeit ist nicht nur für junge Menschen immer wichtiger.

Wichtig ist, dass das Ganze innerbetrieblich geregelt wird. Denn nicht für jeden Arbeitnehmer oder -geber ist der Freitag das Optimum. Ich könnte mir verschiedene Varianten vorstellen, die alle besser sind als der jetzige Zustand: die Verteilung der an vier Tagen leistbaren Arbeitszeit auf fünf Tage.“
Harms Ulrich

Natürlich kein Allheilmittel

„Die Vier-Tage-Woche würde meiner Ansicht nach nicht zu einem Produktivitätsverlust führen. Als Mutter bin ich nach der Elternzeit mit 30 (statt vorher 40) Wochenstunden wieder eingestiegen, hierdurch habe ich gelernt, noch effizienter zu arbeiten und stärker zu priorisieren, was auch für meinen Arbeitgeber von Vorteil ist.

Die Vier-Tage-Woche würde meiner Meinung nach auch die Unterstützung oder Pflege von Angehörigen erleichtern, das Ehrenamt stärken, Krankheitsausfälle wegen Überlastung reduzieren, die Kulturbranche unterstützen, die Umwelt und Straßen entlasten und nicht zuletzt die Familien stärken.

Sie ist natürlich kein Allheil- oder Wundermittel. Auch die nötigen Diskussionen sollten daher nicht zu ideologisch geführt werden.“
Julia Jasper

Wie soll das funktionieren?

„Wir sind eine kleine Baufirma und kämpfen um Fachkräfte, aber diese bekommen wir nicht durch das Versprechen einer Vier-Tage-Woche, sondern dadurch, dass Handwerk einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft bekommt. Dann werden die jungen Leute auch wieder eine Lehre machen und als Handwerksgesellen, Vorarbeiter und Meister arbeiten. 

Frage dazu: Weshalb zahlt das Studium der Steuerzahler, die Ausbildung zum Handwerksgesellen der Betrieb und die Ausbildung zum Meister der Lernende selbst? Wo bleibt da die Gleichstellung? Wenn ich die Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich einführe, wird das Bauen noch teurer. Meine kleine Firma kann die Mehrkosten nicht tragen. Wenn die Leute pro Tag statt acht Stunden neun oder zehn Stunden arbeiten, um einen Tag frei zu haben, geht das bei diesem Wetter definitiv auf die Gesundheit.

Ich persönlich halte nichts von der Vier-Tage- Woche. Ich verstehe auch dieses Gerede von der Work-Life-Balance nicht. Meine Eltern haben zehn bis zwölf Stunden pro Tag gearbeitet und fühlten sich damit nicht überfordert, sondern waren stolz auf das, was sie geschaffen haben. Ich arbeite acht bis zehn Stunden pro Tag, fünf bis sechs Tage in der Woche und fühle mich auch nicht überfordert. Wenn ich gutes Geld verdienen und gut leben will, dann muss ich auch etwas dafür leisten. Dieses Preis-Leistungs-Verhältnis scheint mir bei vielen aus dem Blickwinkel gefallen zu sein. Weniger arbeiten, mehr Geld bekommen und mehr Freizeit haben, schön, aber, sorry, wie soll das funktionieren?“
Anni Gruler

Win-win-Situation

„Die Einführung einer Vier-Tage-Woche könnte sich als äußerst positiv erweisen. Diese Arbeitsstruktur verspricht nicht nur eine verbesserte Work-Life-Balance und gesteigerte Mitarbeiterzufriedenheit, sondern könnte auch langfristig die Produktivität ankurbeln. Mit mehr Freizeit könnten Angestellte ihre Arbeitszeit effizienter nutzen und zugleich ihre geistige Gesundheit stärken. Diese innovative Arbeitsansicht könnte somit eine Win-win-Situation für Unternehmen und Mitarbeiter schaffen.“
Cihan Sevim

Teil des Werkzeugkastens

„Das bedeutet für den Arbeitnehmer 20 Prozent weniger Zeit bei 25 Prozent mehr Leistung, um das gleiche Ergebnis zu erreichen. Automatisierung und Künstliche Intelligenz werden dabei helfen, auch wird in manchen Fällen eine höhere Motivation und Effektivität bei einer Vier-Tage-Woche zu beobachten sein.

Es wird aber für die meisten Unternehmen wirtschaftlich völlig unrealistisch sein, das strikt bei vollem Lohnausgleich umzusetzen, außerdem würde das den Druck auf die fehlenden Fachkräfte weiter erhöhen.

Alternativ ist eine möglichst hohe, gegenüber heute eine viel höhere Flexibilität erforderlich. Der Gesetzgeber und die Gewerkschaften sollten die Vier-Tage-Woche als Teil eines Werkzeugkastens zur Verfügung stellen. Die Unternehmen entscheiden selbst, ob es abhängig von der individuellen Situation Sinn macht oder nicht.“
Lutz Leopold

Freier Tag könnte rotieren

„Eine Vier-Tage-Woche ist o. k., wenn die jetzige Wochenarbeitszeit dabei gleich bleibt. Trotzdem könnte jeden Tag gearbeitet werden, wenn der gewonnene freie Tag den Mitarbeitern an unterschiedlichen Tagen nach einem Rotationsprinzip gewährt würde.“
Eberhard Scholz

Wenn, dann mit gleichbleibenden Stunden

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IG Metall

„Die Vier-Tage-Woche muss zusammen mit der wöchentlichen Arbeitszeit diskutiert werden. Eine tariflich vereinbarte Wochenarbeitszeit oder die Arbeitszeit gemäß Arbeitszeitgesetz auf vier Tage zu verteilen kann eine gute Idee sein, um die körperliche Regeneration und damit die Work-Life-Balance zu verbessern. Will man aber bei nur noch vier Arbeitstagen pro Woche die tägliche Arbeitszeit nicht verlängern, so wäre dieses eine massive Verschlechterung der Produktivität und signifikante Erhöhung der Arbeitskosten, was Unternehmen nicht tragen können und somit die Inflation weiter antreiben würde. Ein Produktivitätsrückgang ist für jede Volkswirtschaft schlecht. Für ein Land wie Deutschland mit einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung wäre dies äußerst besorgniserregend.“
Kay Bindel

Wenn auch Sie sich im Forum zu Wort melden möchten, schreiben Sie uns per E-Mail an forum@handelsblatt.com.

Mehr: Ob Cannabis in Deutschland legalisiert werden sollte, darüber debattierte die Handelsblatt-Leserschaft in der vergangenen Woche.

Tobias Böhnke
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