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LeserdebatteSollte Cannabis tatsächlich legalisiert werden? – Meinungen der Handelsblatt-Leserschaft

Die Cannabislegalisierung ist auf den Weg gebracht. Wir haben in dieser Woche die Handelsblatt-Leser gefragt, wie sie dazu stehen. Hier eine Auswahl der Leserkommentare.Johanna Müller 17.08.2023 - 12:05 Uhr
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Den Gesetzesentwurf zur Cannabislegalisierung hat das Bundesgesundheitsministerium unter seiner Führung erarbeitet und vorgelegt.

Foto: Reuters

Die Cannabislegalisierung ist einen Schritt vorangekommen. Das Bundeskabinett hat am Mittwoch dem Gesetzesentwurf von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zugestimmt. Das Gesetz muss noch im Bundestag verabschiedet werden.

Der Gesetzesentwurf sieht vor, für über 18-Jährige den Anbau von bis zu drei Pflanzen sowie den Besitz von maximal 25 Gramm straffrei zu stellen. Anbau und Abgabe beziehungsweise Erwerb von Cannabis sollen dabei über nicht kommerzielle Anbauvereinigungen, die sogenannten Cannabis-Clubs, erfolgen. Erklärtes Ziel der Legalisierung ist es, den unkontrollierten Handel und Schwarzmarkt einzudämmen. Lauterbach plant parallel zur Legalisierung eine große Aufklärungs- und Präventionskampagne, um den Gesundheits- und Jugendschutz zu erhöhen.

Kritisiert wird das Vorhaben unter anderem für seine Kleinteiligkeit, die die Justiz zusätzlich belasten könnte. Verbände von Kinder- und Jugendmedizinern warnen vor den gesundheitlichen Gefahren für junge Menschen.

Nicht nur das Kabinett debattierte den Gesetzentwurf, sondern diese Woche auch die Handelsblatt-Leserschaft.

Dabei erreichten uns ganz unterschiedliche Argumente für und gegen die Legalisierung. Ein Leser schreibt, wer Cannabis konsumieren wolle, bekäme es „doch jetzt schon an jeder Ecke“. Ein anderer Leser schreibt, der Cannabiskonsum sei ohnehin bereits „querbeet“ durch alle Gesellschaftsschichten verbreitet. Die Legalisierung sei zu befürworten, da sie sich „positiv auf die Qualität auswirken würde“, und der Staat könne sich indes „über die Steuereinnahmen freuen“, meint ein anderer Leser.

Einige Leserinnen und Leser äußern hingegen Zweifel. Die Legalisierung in Kalifornien habe dort den Schwarzmarkt nicht zurückdrängen können, so ein Leser. Er befürchtet „ein ähnliches Szenario“ in Deutschland. Die erhoffte Entlastung der Justiz werde dadurch „nur begrenzt“ erreicht. Auch eine andere Leserin befürchtet, dass nach einer gewissen Zeit wieder auf den Schwarzmarkt zurückgegriffen werde, um „stärkeres Dope“ zu kaufen. Außerdem sei es auch trotz Legalisierung „wesentlich einfacher“, Cannabis von „illegalen Großhändlern zu erwerben“, als es selbst anzubauen, fügt ein anderer Leser hinzu.

Eine Leserin lehnt die Legalisierung ebenfalls ab, da Cannabis so „noch stärker als bisher als Einstiegsdroge genutzt“ und somit „besonders junge Menschen in die Abhängigkeit“ getrieben werden könnten. Außerdem schade Cannabis dem „sich noch entwickelnden Gehirn“. Ein weiterer Leser blickt ebenfalls auf „Jugendliche und junge Erwachsene“: Gerade für diese Gruppe seien „Prävention und Aufklärung“ extrem wichtig.

Für die aktuelle Ausgabe unseres Leserforums haben wir aus den unterschiedlichen Zuschriften eine Auswahl für Sie zusammengestellt.

Begrenzter Nutzen für die Justiz

„Die Legalisierung des Cannabisanbaus wird nur begrenzten Nutzen für die Justiz bringen. Die Herstellung von Cannabis ist ein aufwendiger Prozess, und nur wenige private Haushalte werden die Mühe auf sich nehmen, selbst Pflanzen anzubauen, während es wesentlich einfacher ist, sie von illegalen Großhändlern zu erwerben. Ein Beispiel hierfür bietet Kalifornien, wo die Legalisierung von Cannabis nicht dazu führte, dass der Großteil des Verkaufs legalisiert wurde. Der legale Markt konnte nicht effektiv mit dem Schwarzmarkt konkurrieren, was zu illegalen Verkäufen führte. Ein ähnliches Szenario ist auch in Deutschland zu erwarten.“
Dominik Antoni

Kritiker könnten recht behalten

„Möglich, dass die Kritiker recht behalten werden. Von Kindheit an: Sehr viel interessanter ist, was verboten ist!“
Heide Holde Schweizer

Nein, danke!

„Da ich viele Jahre in Kalifornien gelebt habe, auch als Cannabis dort legalisiert wurde, kann ich nur sagen: Nein, danke!

Durch die Legalisierung kann nicht kontrolliert werden, wer high ein Fahrzeug lenkt und mehr Unfälle verursacht, die Konsistenz reicht den meisten Usern nach gewisser Zeit nicht mehr, und es wird auf stärkeres Dope zurückgegriffen, das wieder vom Dealer auf der Straße gekauft wird.

Der Anbau und Gebrauch belasten nicht nur die Mitmenschen durch starken unangenehmen Geruch, sondern auch sehr die Umwelt wegen hohen Energie- und Wasserverbrauchs.

Zu guter Letzt: Brauchen wir wirklich noch eine Droge, die unserer Gesellschaft und vor allem unseren Jugendlichen zu verstehen gibt, dass man dem realen Leben entkommen muss? Stattdessen auf gesunde Ernährung, viel Bewegung, weg vom Telefon und wieder auf ein gesundes Miteinander konzentrieren!“
Caroline Cromer

Wer Cannabis will, bekommt es auch jetzt schon

„Cannabis kann man doch jetzt schon an jeder Ecke illegal und legal beziehen, und die Welt ist deswegen noch nicht untergegangen. Jetzt baut man wieder ein bürokratisches Monster auf, um Konsumwillige zu ‚retten‘. Ich brauche das Zeug nicht, bin aber der Meinung, dass sich eine Legalisierung positiv auf die Qualität auswirken würde. Also, die Kirche im Dorf lassen, sich über die Steuereinnahmen freuen, wie man es ja auch bei Alkohol und Tabak handhabt. Nochmals: Wer Cannabis will, bekommt es auch jetzt schon!“
Thomas Staggemeier

Endlich keine Kriminalisierung mehr

„Eine Legalisierung von Cannabis zum Eigenverbrauch inklusive einer geringen Anzahl von Pflanzen ist längst fällig. Junge Menschen, die darin einfach eine Alternative zum Alkohol sehen, werden endlich nicht mehr kriminalisiert. Die illegalen Drogenmafias verlieren einen Großteil ihrer Geschäftsgrundlage, und vor allem können sie nicht mehr so leicht Jugendliche für ihr schmutziges Geschäft rekrutieren.

Im Gegenzug sollten aber Gewalttaten und Verkehrsgefährdung unter Suchtmitteleinfluss deutlich stärker bestraft werden als bisher. Es sollte keinen Bonus in Form von verminderter Zurechnungsfähigkeit für zum Beispiel im Vollrausch begangene Taten geben, dadurch wird die Eigenverantwortung vor dem Genuss jeglicher Drogen gestärkt.“
Marianne Schweinesbein

Alle Parameter aufeinander anpassen

„Ich glaube die Regierung hat sich bei der Legalisierung nicht richtig informiert. 25 Gramm sind erlaubt, aber drei Pflanzen darf man anbauen? Eine Pflanze ergibt einen Ertrag von 80 bis 800 Gramm. Wie soll das funktionieren? Wenn legalisiert wird, sollten alle Parameter aufeinander passen, um die Gerichte tatsächlich zu entlasten. Nur ein rechtssicheres Gesetz entlastet die Organe des Rechtsstaats und gibt dem Verbraucher eine klare Vorgabe bei der Handhabung.“
Wolfgang Müller

>> Lesen Sie auch: Regeln für medizinisches Cannabis sollen gelockert werden – Branche hofft auf einen Boom

Einer der wenigen Lichtblicke aus dem Hause Lauterbach

„Die im Gesetzentwurf angedachte (Teil-)Legalisierung der bis dato noch illegalen Rauschdroge Cannabis scheint mir unbedingt begrüßenswert und längst überfällig; ich halte die Initiative für einen der ganz wenigen Lichtblicke aus dem Hause Lauterbach.

Der Konsum von Marihuana – nebst all seiner Derivate – ist längst, will meinen seit Jahrzehnten – gesellschaftliche Realität; so wird die Droge querbeet, durch alle Gesellschaftsschichten hindurch, eifrig konsumiert, ganz genau so wie ihr scheinbar harmloserer Bruder Alkohol. Durch die Illegalisierung wurden und werden die Konsumenten völlig unnötigerweise kriminalisiert, wodurch wiederum zig Millionen an Steuergeldern verpuffen, die als direkte Folge unsinnigerweise in Strafverfolgungsmaßnahmen und die damit einhergehende Polizeiarbeit einfließen.

Aus rein historischer Sicht lässt sich konstatieren, dass der Mensch sich schon immer durch bestimmte aus der ‚Natur‘ stammende Substanzen berauscht hat, und er wird dies auch definitiv weiterhin tun. Dass Verbote hier rein gar nichts bringen, hat doch hinlänglich die unsägliche Prohibition in den USA zwischen 1920 und 1933 gezeigt, die nicht etwa ‚The Noble Experiment‘ war, als das sie von ihren Befürwortern bezeichnet wurde, sondern ein totales Desaster, das zu einem unsäglichen Anstieg mafiöser Gewalttaten führte.

Ich würde sogar noch weitergehen und auch ‚harte‘ Drogen wie Kokain und Heroin legalisieren, wäre es mir doch lieber, die Suchtkranken würden den Stoff in Reinform, aus mit staatlichen Lizenzen versehenen Läden, beziehen, anstelle der heute noch immer gängigen Praxis, dass sich zehn todkranke Fixer im Frankfurter Bahnhofsviertel ein kontaminiertes Spritzbesteck teilen müssen, von der damit einhergehenden Beschaffungskriminalität einmal ganz abgesehen.“
Sven Petran

Es gibt dringlichere Probleme

„Cannabis würde noch stärker als bisher als Einstiegsdroge genutzt und damit besonders junge Menschen in die Abhängigkeit treiben. Cannabis schädigt das sich noch entwickelnde Gehirn. Die Umsetzung des Gesetzesentwurfs führt eher zu einer Mehrbelastung der bereits heute überforderten beziehungsweise unterbesetzten Justiz.

Es sind in diesem Ressort dringlichere und wichtigere Probleme zu lösen und Missstände zu beheben, zum Beispiel in der häuslichen und stationären Pflege, im Abrechnungs- und Bürokratiedschungel bei den (gesetzlichen) Krankenversicherungen und Kassenärztlichen Vereinigungen. Wir leiden unter zu häufigen Antibiotikaverschreibungen, unfairen Vergütungen, Ärztemangel im ländlichen Raum et cetera.

Das sind Probleme, die eine große Mehrheit unserer Bevölkerung und auch die Staatskassen betreffen und seit Jahren über Gebühr belasten. Damit hat das Gesundheitsministerium genug zu tun, bevor eine schädliche Droge mit kompliziertem Praxiskonzept für den Konsum einer kleinen Klientel freigegeben wird. Schädliches hat unsere Welt zur Genüge.“
Ute Walgenbach

Eine absurde Welt der Doppelmoral

„Die Frage der Cannabislegalisierung, eine Debatte so berauschend wie die Pflanze selbst. Kritiker stolpern über den Justizaufwand, als würde jedes Blatt einen Richter verlangen. Das Gesundheitsministerium lockt mit der Verheißung von weniger Verbrechen und einem schärferen Jugendschutz, als ob ein Joint plötzlich das Allheilmittel wäre.

Aber Moment mal, während wir diskutieren, ob Gras legal sein sollte, tanzen Alkohol und Tabak längst auf der Party. In dieser absurden Welt der Doppelmoral sollten wir uns fragen, welche Pflanze wirklich die gefährliche ist – die in der Hand oder die in den Köpfen?“
Timo Sieber

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Auf die Prävention kommt es an!

„Der Bereich Prävention und Aufklärung, vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, ist meiner Meinung nach extrem wichtig. Hierfür sollte mindestens das Geld in die Hand genommen werden, welches hoffentlich Polizei und Justiz durch die Legalisierung einsparen werden.

Wenn die Cannabis-Clubs eine verantwortungsvolle Abgabe leisten (30 beziehungsweise 50 Gramm pro Monat ist eine ganze Menge) und über Risiken von hochfrequentem (Langzeit-)Konsum informieren, kann der Übergang von illegalem zu legalem Konsum funktionieren.“
J. Neubert

Wenn Sie sich zu diesem Thema im Handelsblatt zu Wort melden möchten, schreiben Sie uns einen Kommentar, entweder per E-Mail an forum@handelsblatt.com oder auf Instagram unter @handelsblatt.

Mehr: Ob die Aktienrente eine gute Idee oder vielmehr eine gewagte Wette ist, darüber debattierte die Handelsblatt-Leserschaft in der vergangenen Woche.

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