Leserdebatte: Aktienrente – gute Idee oder gewagte Wette?
Die Bundesregierung will die Aktienrente vergrößern und ab 2024 zwölf statt zehn Milliarden Euro ins Generationenkapital investieren.
Foto: dpaDie Finanzierung des deutschen Rentensystems steht vor großen Herausforderungen. Auf Beitragszahler kommen immer mehr Rentenempfänger, und in absehbarer Zeit verlässt die geburtenstarke Babyboomer-Generation den Arbeitsmarkt. Zur Entlastung plant die Regierung die Aktienrente. Dabei will der Bund in ein Generationenkapital einzahlen, welches am Kapitalmarkt angelegt werden soll. Die daraus entstehenden Gewinne sollen helfen, die Finanzierungslücke zu schließen. Nun verkündeten Finanz- und Arbeitsministerium, das Vorhaben vergrößern zu wollen: Bis 2035 soll ein Kapitalvolumen von 200 Milliarden Euro erreicht sein. Die Grünen sind allerdings noch skeptisch, ob das Generationenkapital tatsächlich Rendite erzielen wird. Zudem haben sie rechtliche Bedenken.
Aus diesem Anlass haben wir die Handelsblatt-Leserschaft nach ihrer Meinung gefragt: Ist das Generationenkapital vielversprechend oder eine riskante Wette auf dem Kapitalmarkt?
Das Stimmungsbild war relativ eindeutig: Die Mehrheit befürwortet die Aktienrente. Durch die „demografischen Entwicklungen in Deutschland“ sei „ein sukzessiver Wandel im Hinblick auf die Sozialleistungen erforderlich“, schreibt ein Leser. Die Rentenreform sei, so ein Leser, „seit den Achtzigerjahren“ nötig.
Ein Leser hält „die Entscheidung für langfristig sehr sinnvoll“, ein weiterer Leser sieht in der Aktienrente eine „vielversprechende Chance“, den sonst kommenden „Mini-Renten“ vorzubeugen. Es sei gut, die „Kapitalmarktchancen zur künftigen Entlastung der Rentenbeiträge“ zu nutzen, so ein Leser.
Gleichzeitig kritisieren viele Leser die zu geringe Dimension des Vorhabens. So schreibt ein Leser: „Ein guter Ansatz, nur die Größenordnung ist völlig daneben.“ Dem stimmt ein weiterer Leser zu: Der Ansatz sei „zu klein dimensioniert“, man müsse „eine Null dranhängen“. Ein Leser schlägt vor, mit einem „100-Milliarden-‚Wumms“‘ zu starten.
Es gibt aber auch ein paar wenige Leser, die von der Aktienrente nicht überzeugt sind. Ein Leser etwa sieht für die „Sicherung der Altersvorsorge“ andere Faktoren als entscheidende Stellschrauben – unter anderem nennt er einen hohen „Beschäftigungsstand, hohe Zahlen geleisteter Arbeitsstunden“ oder „mehr private Eigenvorsorge“. Ein anderer Leser bezweifelt, dass das Kapital zur Rentensicherung „reichen“ werde.
Für die aktuelle Ausgabe unseres Leserforums haben wir aus den unterschiedlichen Zuschriften eine Auswahl für Sie zusammengestellt.
Der Zeitpunkt der Einführung könnte problematisch sein
„Ich halte diese Entscheidung für langfristig sehr sinnvoll. Schließlich kennen wir die historisch positive Entwicklung der Aktienmärkte über die Jahrzehnte. Der Zeitpunkt der Einführung könnte etwas problematisch verlaufen. Schließlich befinden sich die Aktienmärkte der wichtigsten Länder der Welt auf sehr hohem Niveau, und dies seit Langem. Da sehe ich bei dem typisch deutschen Verhalten bei neuen politischen Entscheidungen und der Grundstimmung zur Ampelkoalition bei einem möglichen baldigen Einbruch eine weitere Missstimmung und Kritik zu dieser Maßnahme.“
Joachim Paul Schäfer
Keine echte Reform
„Diese von der Regierung vorgeschlagene Maßnahme halte ich für eine weitere Flickschusterei, die das Rentensystem nicht retten wird. Der Regierung fehlt der Mut für eine echte Reform!“
Johann Haas
Viel zu klein dimensioniert
„Die Rentendiskussion wird seit Jahrzehnten geführt, ohne dass die nachweisliche Rentenlücke ernsthaft geschlossen wird. Die Idee des Generationenkapitals kommt spät und ist vor dem Hintergrund des demografischen Wandels vom Ansatz viel zu klein dimensioniert.
Eine ‚Null‘ dranhängen und sicherstellen, dass die nächsten Jahrzehnte nennenswerte, kontinuierliche Einzahlungen den Generationenfonds speisen. Nur so können wir zu einigen unserer Nachbarländer (Niederlande und Skandinavien) aufschließen.“
Karsten Fuelster
>> Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Die Aktienrente ist eine gewagte Wette auf die Zukunft
Lieber spät als nie
„Grundsätzlich ist es eine gute Idee, staatliche Pensionsfonds zu etablieren, die in Aktien investieren. Lieber spät als nie, es hätte aber vor 30 Jahren beginnen sollen, dann hätten wir heute nicht so miese Renten!
Besonders wichtig wäre aber ein gutes Management und da bestehen berechtigte Zweifel, ob unser Staat die richtigen Experten damit betraut!“
Andreas Nischwitz
Es muss viel größer gedacht werden
„Der Ansatz ist natürlich viel zu klein und von der Basis falsch. Es muss viel größer gedacht werden. Es sollte eine staatliche Organisation gegründet werden, die selbst das Recht hat, Anleihen zu begeben mit Laufzeiten von fünf bis 25 Jahren, die aber vom Bund garantiert werden, um bessere Zinskonditionen zu erhalten – also quasi Staatsanleihen.
Pro Jahr sollten circa 100 Milliarden Euro an neuen Anleihen ausgegeben werden über die nächsten zwanzig Jahre. Die Organisation ist für die Geldanlage, die Bedienung der Zinsen und die Tilgung der Anleihen sowie in circa zehn Jahren für die Übernahme des Bundeszuschusses zur Rente verantwortlich. Ob dann später auch Mittel für Rentenerhöhungen möglich sind, hängt vom Anlageerfolg ab.
Der willkürliche staatliche Zugriff auf die Anlagen, der Änderung des Zwecks der Organisation sowie nicht fachliche, das heißt rein politische Personalstellung muss ausgeschlossen sein. Nichts spricht gegen eine gewisse Diversität in der Organisation, das heißt eine Organisation, die nur aus Bankern besteht wäre sicher nicht optimal.“
Ulrich Berger
Andere Dinge sind wichtiger
„Die ‚Signalwirkung‘ der Aktienrente mag positiv sein. Etwa wegen der von Norwegens Staatsfonds erzielten ansprechenden Renditen (um die sechs Prozent).
Entscheidend für die Sicherung der Altersversorgung sind meines Erachtens aber andere Dinge, wie: ein hoher Beschäftigungsstand, hohe Zahl geleisteter Arbeitsstunden (nicht identisch!), mehr private Eigenvorsorge für das Alter, Wirtschaftswachstum, ausreichende Zuwanderung von Fachkräften.“
Friedrich Sell
Größenordnung ist völlig daneben
„Ein guter Ansatz, nur die Größenordnung ist völlig daneben: Der norwegische Staatsfond zeigt, wie es geht. Bei uns sollte das mindestens mit einem 100-Milliarden-‚Wumms‘ starten, Geld dafür ist bestimmt vorhanden – insbesondere wenn man an anderen, zweifelhaften Stellen mal endlich anfängt zu sparen.“
Ralf Seidel
Komplizierte Umsetzung zu befürchten
„Der Plan einer Kapitaldeckung und gleichzeitig einer Nutzung der Kapitalmarktchancen zur künftigen Entlastung bei den Rentenbeiträgen und -zuschüssen ist an sich gut.
Es steht jedoch zu befürchten, dass die Umsetzung – wie so oft bei staatlichen Maßnahmen – am Ende kompliziert, überreglementiert und sehr verwaltungsaufwendig sein wird. Außerdem werden die Pensionslasten des Staates wie so häufig ausgeblendet. Das Beispiel Riesterrente in der privaten Vorsorge zeigt sehr deutlich, dass das Interesse in der Bevölkerung vorhanden ist, jedoch die staatliche Regulierungswut und die mangelnde Flexibilität das Modell zum Scheitern bringen werden, wenn nicht bald zeitgemäße Anpassungen auf den Weg gebracht werden.“
Kilian Glockner
Eigentlich viel zu spät
„Spätestens seit den Achtzigerjahren ist das Rentenproblem in Deutschland bekannt und es wurde auch ausreichend thematisiert. Die Politik hat bis auf das kurze Intermezzo ‚Riester und Rürup‘ nichts getan. Und auch das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Dabei ist es intellektuell nicht so schwer zu durchdringen, dass eine demografische Pyramidenstruktur zu Problemen führen wird. Die rechtzeitigen Hinweise und Lösungsvorschläge zahlreicher Wissenschaftler wurden nicht gehört oder ignoriert.
Nun will die Politik das Thema endlich – eigentlich viel zu spät – in Angriff nehmen. Vor dem Hintergrund der jahrzehntelangen Versäumnisse möchte ich fast sagen, egal was da jetzt kommt, Hauptsache es passiert endlich etwas. Genauer betrachtet ist aber völlig klar: Eine kapitalgedeckte, aktienbasierte Altersvorsorge ist zwingend notwendig.
Die mangelnde Finanzbildung in unserem Land erfordert Aufklärungsarbeit. Irrationale Ängste vor schwankenden Finanzmärkten müssen wohl erst ausgeräumt werden. Hoffentlich werden diese Bedenken eine Lösung nicht verhindern. Und leider wird auch das wieder kostbare Zeit verstreichen lassen.“
Alexander Kachler
Aktienrente ist vielversprechend
„Aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland muss zur Aufrechterhaltung einer angemessenen Rente ein sukzessiver Wandel in den Sozialversicherungen und damit auch der Rentenversicherung erfolgen. Immer weniger Beitragszahler können nicht eine stetig steigende Zahl Rentner ‚finanzieren‘.
Auch wenn der Generationenvertrag zum Zeitpunkt der Einführung dank steigender Geburten tragbar war, so ist seit vielen Jahren der sich abzeichnende Wandel erkennbar und es ist auch ein sukzessiver Wandel im Hinblick auf die Sozialleistungen erforderlich, ansonsten die heutigen Beitragszahler zu deren Renteneintritt mit lediglich Mini-Renten rechnen können. Eine vielversprechende Chance ist hier der angedachte Weg über eine Aktienrente, wie dies in Norwegen in ähnlicher Form schon seit vielen Jahren erfolgreich praktiziert wird.“
Wolfgang Guter
>> Lesen Sie auch: Bundesregierung will Aktienrente immens vergrößern – 200 Milliarden Euro bis 2035
Reichen wird es vermutlich nicht
„Endlich kommt das kapitalgesicherte System. Leider zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt mit hohem Risiko.
Ich hoffe, dass die Verwaltung des Kapitals von Könnern gemacht wird. Reichen, um die Rente zu sichern, wird es vermutlich nicht, dazu ist die Alterspyramide zu alterslastig.“
Oliver Born
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Mehr: In der vergangenen Woche haben wir die Handelsblatt-Leserschaft gefragt, welche Maßnahmen ihrer Meinung nach das Wachstum der schwächelnden deutschen Wirtschaft anregen würden.