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KommentarDie Aktienrente ist eine gewagte Wette auf die Zukunft

Die Ampelkoalition steckt viele Milliarden in die neue kapitalgedeckte Rentensäule. Die Frage, wer das Risiko bei einem Börsencrash trägt, überlässt sie künftigen Regierungen.Frank Specht 08.08.2023 - 18:07 Uhr
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Mit kreditfinanzierten Aktieninvestments will die Bundesregierung die Rentenfinanzen stabilisieren.

Foto: Blatterspiel/Jan Huebner

Es klingt so einfach: Der Bund leiht sich zu günstigen Konditionen bei den Bürgern Geld und kauft damit Aktien. Weil die Zinskosten niedriger sind als die langfristig zu erzielenden Kursgewinne und Dividendenerträge, wächst mit der Zeit quasi automatisch ein hübsches kleines Vermögen heran.

Bestechende Idee eigentlich. Warum finanziert der Staat mit kreditfinanzierter Börsenspekulation nicht dringend benötigte Stromnetze oder die Digitalisierung der Verwaltung? Warum legt der Bund nicht einen Teil des 100-Milliarden-Euro-Sondervermögens für die Bundeswehr in Aktien an, wenn die Armee sich dann mit dem doch so sicheren Gewinn zusätzliche Panzer und Flugzeuge leisten könnte?

Die Antwort ist – lässt man geltende Haushaltsregeln einmal außen vor – ganz einfach: Weil es auch schiefgehen kann. Statt des hübschen kleinen Vermögens am Ende kann eben durchaus auch ein stattlicher Verlust stehen.

Das weiß natürlich auch die Ampelkoalition. Und trotzdem wagt sie sich jetzt ausgerechnet in einem Politikfeld an die Börse, in dem es wie in kaum einem anderen auf Vertrauen ankommt: bei der Rente. Und statt mit zehn Milliarden Euro zu starten – wie im Koalitionsvertrag vereinbart –, will die Regierung nun in den nächsten zwölf Jahren gleich 200 Milliarden Euro in die neue kapitalgedeckte Rentensäule stecken.

Rentenpolitischer Doppel-Wumms

Aus dem Experiment soll nach Lesart der Liberalen, von denen die Idee für die Aktienrente ursprünglich stammt, damit ein rentenpolitischer Doppel-Wumms werden.

Spielt die Koalition hier va banque mit der Altersvorsorge?

Nein. Denn die Aktienrente löst das bewährte Umlageverfahren ja nicht ab, sondern dient nur seiner Kofinanzierung. Ziel ist, künftigen Generationen eine Beitragsexplosion zu ersparen, wenn die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge ihren Ruhestand genießen.

Und das geht nur, wenn bis dahin auch ein ausreichend großes Fondsvermögen zusammengekommen ist, aus dessen Erträgen sich die Rentenfinanzen stabilisieren lassen. Mit zehn Milliarden Euro braucht die Koalition gar nicht erst anzufangen.

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Diese Erkenntnis ist auch bei den Sozialdemokraten inzwischen angekommen, die anfangs nicht zu den lautesten Verfechtern des Generationenkapitals gehörten. Doch sie wissen, dass ihr rentenpolitisches Kernanliegen – die dauerhafte Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent – andernfalls wohl nur für den Preis steigender Beiträge und Steuerzuschüsse zu haben wäre.

Das Generationenkapital erlaubt der SPD erst die Zusage, dass dauerhaft stabile Renten nicht zu neuen Belastungen für die aktiven Arbeitnehmer führen werden. Die Einlösung dieses Versprechens legt sie in die Hände von Vermögensverwaltern und Fondsmanagern.

Und so sind es momentan vor allem die Grünen, die das rentenpolitische Gewissen geben und daran erinnern, dass Börsengeschäfte nicht automatisch mit einer Gewinngarantie einhergehen. Denn tatsächlich stellt sich die Frage, was passiert, wenn das Generationenkapital Mitte des kommenden Jahrzehnts doch nicht wie erwartet die erhofften Erträge liefert.

Die Beitrags- und Steuerzahler von morgen sind dann gleich doppelt gekniffen, weil sie neben stabilen Renten auch noch die zusätzliche Schuldenlast finanzieren müssen, die der Bund für das Generationenkapital aufgenommen hat. Der Aufbau einer kapitalgedeckten Säule in der Rentenversicherung ist sinnvoll, sie über Kredite zu finanzieren, aber sicher nicht der beste Weg. Börsengeschäfte auf Pump waren noch nie eine gute Idee.

SPD und Grüne mahnen bereits, dass auf keinen Fall die Rentnerinnen und Rentner dafür büßen dürfen, sollte sich das Generationenkapital am Ende als Flop erweisen. Künftige Bundesregierungen könnten sich dann aber im Sinne der Generationengerechtigkeit gezwungen sehen, ganz anders zu entscheiden.

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