Kommentar: Vorgehen gegen Powell ist der nächste Härtetest für die Wall Street

Dass US-Präsident Donald Trump die Unabhängigkeit der Notenbank Fed ernsthaft gefährden könnte, hielten zuletzt die meisten Banker, Investoren und Ökonomen für abwegig. Nun müssen sie ihre Szenarioplanung neu justieren.
Das US-Justizministerium leitet strafrechtliche Ermittlungen gegen Fed-Chef Powell ein. Dies teilte Powell selbst am Sonntagabend in Washington mit – und wies den Vorgang sowie die Vorwürfe gegen ihn in ungewöhnlich scharfem Ton zurück.
Damit herrscht nun ein offener Konflikt zwischen der US-Regierung und ihrer Notenbank. Zugleich beginnt ein neues Kräftemessen zwischen der Wall Street und Washington. Die Entscheider der Finanzwelt haben Trump lange gewähren lassen. Vielleicht zu lange.
Zweifellos haben viele von ihnen von Trumps Politik profitiert. Die Steuersenkungen und die umfassende Deregulierungsoffensive für die Finanzbranche waren verlockend. Entsprechend gering fiel der Widerstand gegen Trumps wiederholte Angriffe auf die Fed aus, die das vergangene Jahr geprägt haben. Ebenso wenig regte sich Protest gegen seine Vorstöße, die Regierung an Unternehmen oder – wie im Fall von Nvidia – an deren Umsätzen zu beteiligen und somit aktiv Gewinner und Verlierer im Markt zu bestimmen. Es herrschte die Gewissheit, dass die reichsten Investoren den Präsidenten schon irgendwie in Schach halten würden.
Seit einigen Tagen jedoch wächst das Unbehagen in Corporate America und an den Finanzmärkten. Was, wenn Trumps resolutes geopolitisches Vorgehen nicht auf Venezuela und die Drohungen gegen Grönland, Mexiko und Kuba beschränkt bleibt, sondern er in ähnlichem Stil auch in die Märkte eingreift? In der vergangenen Woche kündigte Trump an, er wolle „großen institutionellen Investoren den Kauf weiterer Einfamilienhäuser untersagen“.
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Davon erhofft sich der Präsident offenbar, Wohneigentum wieder erschwinglicher zu machen. Es wäre ein beispielloser Eingriff der Regierung in die Finanzmärkte – und ein Schritt, der die Unabhängigkeit der Fed untergraben würde. Schließlich ist die Notenbank dafür zuständig, die Zinsen festzulegen, an denen sich Hypotheken und andere Finanzinstrumente orientieren.
Kommt die „Sell America“-Stimmung zurück?
Auch in die Vergütungs- und Dividendenstrategien von Rüstungsunternehmen will sich Trump offenbar einmischen. Sein Vorgehen gegen Powell markiert nun eine weitere Eskalationsstufe. Krishna Guha, Notenbank-Experte der Investmentbank Evercore ISI, rechnet damit, dass am Montag eine „Sell America“-Stimmung an die Märkte zurückkehren könnte.
Diese hatte bereits im vergangenen April, nach Trumps sogenanntem „Liberation Day“, für Unruhe gesorgt. Damals trennten sich Investoren von amerikanischen Aktien, Anleihen und dem Dollar – ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang für eine Wirtschaftsmacht wie die USA.
Anleger wollten damals vor allem eines: raus aus Dollar-Assets. Der Vertrauensverlust hielt jedoch nur kurz an. Wenige Wochen später floss das Kapital zurück an die größten Märkte der Welt – vor allem, weil Trump in seiner Zollpolitik zurückruderte.
Das Ermittlungsverfahren gegen die Fed könnte das Vertrauen in die Notenbank diesmal jedoch langfristig beschädigen. Unter Notenbankern kann dieses Vorgehen nur als Einschüchterung verstanden werden. Wer sich Trumps Forderungen nach Zinssenkungen widersetzt, riskiert offenbar langwierige, teure und rufschädigende Angriffe.
Die Folgen solcher Vorstöße werden nicht sofort sichtbar sein, sondern zeigen sich erst mittelfristig. Doch dann ist es meist zu spät, um noch gegenzusteuern.