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Morning BriefingAufräumen: Washington nach dem politischen Beben

Christian Rickens 05.10.2023 - 06:28 Uhr Artikel anhören
Handelsblatt Morning Briefing

Aufräumen: Washington nach dem politischen Beben

05.10.2023
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Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,

einen Tag nach dem politischen Beben in Washington geschieht dort, was Menschen seit jeher nach Beben aller Art tun: Die Trümmer wegräumen und überlegen, wie das Leben weitergehen soll.

Nach dem Sturz des Vorsitzenden des US-Repräsentantenhauses am Dienstag haben gestern mit den Abgeordneten Jim Jordan und Steve Scalise zwei Republikaner ihre Kandidatur für das Amt angekündigt. Am Mittwoch kommender Woche soll die republikanische Mehrheitsfraktion über einen Nachfolger für den abgewählten Kevin McCarthy abstimmen.

Beruhigend: Eine Kandidatur von Donald Trump für den Posten erscheint aussichtslos und daher unwahrscheinlich. Dass Trump kein Abgeordneter ist, wäre rechtlich kein Problem, aber er ist in der republikanischen Fraktion zu umstritten.

Auch mit einem neuen Vorsitzenden ist nicht ausgemacht, dass die Abgeordneten von Repräsentantenhaus und dem demokratisch geführten Senat sich rechtzeitig auf einen neuen Haushalt einigen, um einen Regierungsstillstand, einen Shutdown ab Mitte November zu vermeiden. An diesem Tag läuft der jüngst beschlossene Übergangshaushalt aus. Die Ökonomen von Goldman Sachs bezeichnen einen Shutdown im kommenden Monat inzwischen als „Basisszenario“.

Im US-Kapitol zeigt sich mit der Abwahl Kevin McCarthys erneut die Spannungen in der republikanischen Partei.

Foto: AP

Noch fraglicher erscheint, ob es Demokraten und Republikanern in den kommenden Wochen gelingt, sich auf weitere Unterstützung für die Ukraine zu einigen. Diese strittige Frage war aus dem Übergangshaushalt ausgeklammert worden.

US-Präsident Joe Biden orakelte am Mittwoch, es gebe einen alternativen Weg zur Unterstützung der Ukraine: „Es gibt noch eine andere Möglichkeit der Finanzierung, aber darauf werde ich jetzt nicht eingehen.“

Was das bedeuten könnte, habe ich unsere Washington-Korrespondentin Annett Meiritz gefragt. Ihr Tipp: „Die US-Regierung hat die Option, das offizielle Militärbudget des Haushalts über sogenannte Supplemental Spending Bills zu umgehen. Solche Sonderausgaben wurden während der Kriege im Irak und in Afghanistan regelmäßig beschlossen. Doch auch diese Pakete müssen durch den Kongress und dürften schwer durchzusetzen sein.“

Einer immerhin gibt sich optimistisch: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ist „sehr überzeugt davon“, dass die USA ihre Hilfe für die von Russland angegriffene Ukraine trotz des Haushaltsstreits fortsetzen werden.

Was die deutsche Hilfe für die Ukraine angeht, hat Scholz offenbar eine wichtige Entscheidung getroffen: Wie zuerst „Bild“ und dann mehrere andere Medien berichteten, wird die Ukraine vorerst keine „Taurus“-Marschflugkörper aus deutschen Beständen erhalten. Scholz befürchtet offenbar, dass die Bundesrepublik mit den weitreichenden „Taurus“-Waffen, die zudem mit deutschen Geodaten gefüttert werden müssten, zu tief in den russischen Angriffskrieg hineingezogen würde.

Eigentlich erlebt die Rüstungsbranche derzeit eine Sonderkonjunktur. Doch wenige Stunden vor dem geplanten Handelsbeginn am Donnerstag hat der deutsche Panzergetriebe-Hersteller Renk seinen Börsengang in Frankfurt auf unbestimmte Zeit verschoben. „In den letzten Tagen hat sich das Marktumfeld spürbar eingetrübt“, begründete Renk die kurzfristige Absage. Ob der Börsengang später nachgeholt wird, werde geprüft. Zuvor hatte sich abgezeichnet, dass die 27,03 Millionen Aktien sich nur am unteren Ende der Preisspanne von 15 bis 18 Euro hätten verkaufen lassen.

Ja, Aktien tun sich im Moment schwer. Auch deshalb raten Finanzexperten seit Monaten verstärkt zu Anleihen. Doch von einem Run auf die Zinspapiere keine Spur, im Gegenteil. Während die Kurse der Anleihen fallen, steigen deren Renditen spiegelbildlich an, weil die Papiere immer billiger werden.

Zumindest in den USA haben Investoren mit Staatsanleihen inzwischen sogar die Aussicht, die Inflation zu schlagen und positive reale Renditen zu erwirtschaften, wie unsere Grafik zeigt. Eine Rolle mag dabei auch die Sorge vor einem möglichen US-Zahlungsausfall spielen, wenn der Streit im US-Parlament eskaliert.

Die einschlägigen Experten raten dennoch dazu, verstärkt auf Anleihen von sicheren Schuldnern wie Deutschland oder den USA zu setzen. Angesichts der jüngsten Verluste klinge das auf den ersten Blick paradox, analysieren Astrid Dörner und Frank Wiebe vom Handelsblatt-Finanzteam. Aber tatsächlich könnte nun die Gelegenheit bestehen, zu günstigen Kursen zu kaufen.

Wer schon länger Handelsblatt liest, weiß natürlich: Das bedeutet auf keinen Fall, dass man jetzt sein gesamtes Erspartes in US-Staatsanleihen stecken sollte. Erstens sind für Privatanleger zur Risikostreuung Anleihenfonds die bessere Wahl – es gibt sie auch in der preiswerten ETF-Variante. Und mehr als 40 Prozent Anleihenanteil sind selbst für ein sehr sicherheitsorientiert ausgerichtetes Musterdepot nicht empfehlenswert. Was in der derzeitigen Lage je nach Risikoneigung sonst noch ins Depot gehört, hat Geldanlage-Redakteurin Katharina Schneider für Sie zusammengetragen.

Der FTX-Gründer soll Kundengelder in Milliardenhöhe gestohlen haben.

Foto: Reuters

Im Betrugsverfahren gegen Sam Bankman-Fried hat die Staatsanwaltschaft in ihrem Eröffnungsplädoyer dem ehemaligen Krypto-Milliardär Betrug, Lügen und Diebstahl vorgeworfen. Staatsanwalt Thane Rehn erklärte am Mittwoch, der Gründer der kollabierten Kryptobörse FTX habe nichtsahnenden Kunden mehr als zehn Milliarden Dollar abgenommen. Bankman-Frieds Verteidiger Mark Cohen erklärte dagegen, dieser habe in gutem Glauben gehandelt: „Sam hat niemanden betrogen. Sam hatte nicht die Absicht, jemanden zu betrügen.“ Vielmehr seien beim rasanten Wachstum des Startups Dinge übersehen worden.

Falls Sie sich über die Vergabe der letzten Fußballweltmeisterschaft an Katar aufgeregt haben, können Sie jetzt schon mal anfangen, zu pumpen: Das in Menschenrechtsfragen noch weit nonchalantere Saudi-Arabien hat nämlich angekündigt, sich für die WM 2034 zu bewerben. Aussichtslos, würde man normalerweise sagen, aber das haben vor der Vergabe nach Katar auch alle gedacht.

Vielleicht könnte sich der Weltfußballverband Fifa ja die gestern verkündete Vergabe der WM 2030 an gleich sechs Staaten (Uruguay, Paraguay, Argentinien, Marokko, Spanien und Portugal) zum Vorbild nehmen und vier Jahre später neben Saudi-Arabien noch Weißrussland, Nordkorea, den Iran, Venezuela und Myanmar bedenken. Und das deutsche Team kann sich schon mal eine passende Armbinde überlegen.

Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem Ihnen die Welt offensteht.

Herzliche Grüße

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Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt

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