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EditorialDie Schonzeit ist vorbei

Will sich Deutschland aus seiner Resignation befreien, muss es sich in diesem Jahr deutlich verändern. Fünf Vorsätze für eine Agenda 2026.Martin Knobbe 02.01.2026 - 09:34 Uhr
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Martin Knobbe, stellv. Chefredakteur Handelsblatt Foto: Max Brunnert

2026 könnte das Jahr der Entscheidung werden. Für Friedrich Merz und seine schwarz-rote Koalition. Aber vor allem für ein Land, dessen Menschen spüren, dass es so nicht weitergeht.

Mehr als die Hälfte der Deutschen ist mit der Arbeit der Regierung unzufrieden, Tendenz steigend. Der Kanzler, angetreten als Entscheider, hat Hoffnungen geweckt – und zu wenige erfüllt.

2026 muss deshalb ein Jahr der Korrektur werden, der Erneuerung. Fünf Vorsätze, wie dies gelingen kann.

I. Europa traut sich

Die Deutschen wissen längst, was auf dem Spiel steht. Für mehr als die Hälfte ist laut Forsa der europäische Zusammenhalt die wichtigste außenpolitische Aufgabe der Bundesregierung. Sie haben recht: Europa könnte stärker und einflussreicher sein, als es sich derzeit gibt.

Ja, die massiven Abhängigkeiten sind real. Von amerikanischen Plattformen, chinesischen Lieferketten, globalen Technologien. Aber Abhängigkeit existiert nicht nur in eine Richtung. Auch die USA und China brauchen Europa: seine Maschinen, seine Chemie, seine Medikamente und Vorprodukte, seine hochqualitativen Teile für die Luft- und Raumfahrt.

Die EU-Kommission hat das gerade ermittelt, wie mein Kollege Jakob Hanke Vela in Brüssel herausgefunden hat: Bisweilen erreicht die Abhängigkeit von Produkten, Technologie und Forschung aus Deutschland zwischen 88 und 99 Prozent. Europa muss lernen, mit dieser Stärke umzugehen. Wer mit den großen Mächten verhandelt, sollte wissen, was er zu bieten hat: Es ist eine ganze Menge.

II. Deutschland verändert sich erkennbar

Das deutsche Wohlstandsmodell beruht auf Industrie, Exporten, Verlässlichkeit, Präzision. Auf Autos, Maschinen, Chemie. Dieses Modell wird noch eine Weile funktionieren. Verändert es sich aber nicht radikal, hat es keine Zukunft mehr.

2026 wird deshalb ein Jahr der Zumutungen. Der Stellenabbau und die Zahl der Insolvenzen werden weiter wachsen. Nicht nur wegen der langjährigen Stagnation, des Krieges, der Machthaber in Moskau, Peking, Washington, sondern auch, weil Künstliche Intelligenz beginnt, ihre Furchen auf dem Arbeitsmarkt zu hinterlassen. Der Fachkräftemangel nimmt ab, die Zahl überflüssiger Jobs zu. Der Staat muss diesen Wandel begleiten, dämpfen, ausgleichen. Verhindern kann er ihn nicht.

Black Forest Labs: Hoffnungsträger made in Germany. Foto: Getty Images, PR [M]

Doch der Niedergang ist keine Naturgewalt. Es gibt Wachstum, prosperierende Branchen, neue Champions. Unternehmen, die zeigen, dass Deutschland mehr kann als Vergangenheit verwalten: der deutsche KI-Pionier Black Forest Labs, das Weltraum-Start-up Isar Aerospace, die Defense-Tech-Firma Helsing, Konzerne wie SAP oder Siemens, die sich derzeit zukunftsfest machen.

Allerdings: Für einen Aufschwung mit Kraft müssen sich noch mehr Unternehmen trauen, in Umsetzung und Produktion zu investieren, wo die Grundlagenforschung aus Deutschland bereits vorn liegt.

III. Grundlegende Reformen kommen

Wahljahre, wie 2026 eines ist, galten als reformfreie Zonen, weil Reformen Stimmen kosten. Diese Logik existiert nicht mehr. 82 Prozent der Deutschen sind laut Civey für eine grundlegende Rentenreform. Sobald die Kommission ihre Ergebnisse vorlegt, müssen Regierung, Bundestag und Bundesrat diese umsetzen. Ähnliches gilt für den Sozialstaat und die Entbürokratisierung der Verwaltung. Daran sind jahrzehntelang Regierungen gescheitert, jetzt tolerieren viele Deutsche keinen Aufschub mehr.

2026 entscheidet sich, ob Reformunfähigkeit zum Markenzeichen der Demokratie wird – oder ob demokratische Politik handlungsfähig bleibt, auch unter dem Druck der Kritiker von innen und der zersetzenden Angriffe von außen. Gelingt das nicht, werden diejenigen davon profitieren, die einfache Antworten versprechen und keine einlösen müssen.

Zugleich ist klar: Reformen brauchen Debatten, Streit, Kompromisse, also Zeit. Das Erfolgsmodell der liberalen Demokratie darf nicht vor einer politischen Öffentlichkeit kapitulieren, die, geprägt durch Social Media, immer schnellere und radikalere Antworten erwartet.

IV. Niemand wartet auf den anderen

Wachstum wird kommen, sagen die Wirtschaftsinstitute. Ein Drittel davon ist allerdings kalendarisch bedingt, weil viele Feiertage auf ein Wochenende fallen, ein weiteres staatlich bedingt, durch schuldengetragene Sonderausgaben. Nachhaltiges Wachstum aber entsteht nur durch höhere Produktivität.

Die Politik muss also Unternehmen weiter entlasten, sie muss aber auch ihre angekündigten Investitionen endlich gezielt einsetzen, damit die private Wirtschaft dort andocken kann. Die Unternehmen wiederum müssen sich selbst entbürokratisieren, sie müssen investieren und umsteuern, wo nötig. Auf den anderen zu warten und dessen Bringschuld anzumahnen, wie es im vergangenen Jahr stets der Fall war – dafür ist 2026 keine Zeit mehr.

V. Das Land sucht sich ein Wir

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„Der Aufbruch gelingt nur mit Verbundenheit“, sagt der Psychologe Stephan Grünewald, der Geschäftsführer des Rheingold Instituts, das regelmäßig die deutsche Seele vermisst. Er plädiert dafür, die soziale Brandmauer einzureißen, in den Kommunen mehr Begegnungsräume zu schaffen, Beschäftigte aus dem Homeoffice zu holen, die Jungen zu einem sozialen Jahr zu verpflichten, alles in allem für mehr Austausch zu sorgen, gegen die eskalierende Polarisierung.

Tatsächlich braucht Deutschland eine Erzählung, die nicht weiter spaltet, sondern bündelt. Klingt romantisch und utopisch. So schwer aber ist es nicht, zum Beispiel eine wirtschaftspolitische Idee für Deutschland zu finden, die größer ist als Parteiprogramme. Es könnte die Vorstellung sein, dass dieses Land noch einmal die Kraft zu einem gemeinsamen Aufschwung findet, zu einem neuen Wirtschaftswunder. Der Begriff ist historisch und groß. Aber vielleicht braucht es gerade deshalb den Mut, ihn 2026 wieder auszusprechen – und mit Leben zu erfüllen.

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