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Morning BriefingDie Welt im Umbruch: Die Dämmerung der neuen Ordnung

Teresa Stiens 20.10.2023 - 06:00 Uhr Artikel anhören
Handelsblatt Morning Briefing

Im Umbruch: Der Krieg und die neue Weltordnung / Im Aufbau: Deutschlands neue globale Rolle

20.10.2023
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

haben Sie auch das Gefühl, die Welt stünde kurz vor einem geopolitischen Großbrand? An vielen Ecken schwelt es noch, in anderen wiederum brennt es schon lichterloh. Allerorts müssten Brände dringend gelöscht werden – in der Ukraine, in Israel, in Armenien. Doch gleichzeitig scheinen vielerorts schon neue zu entstehen. Auf dem Balkan oder in der Sahelzone etwa.

Dabei ist die Aufmerksamkeitsspanne der Weltöffentlichkeit begrenzt – und sie bewege sich weg von der Ukraine, beobachtet Alexander Gabuev, Direktor des Carnegie Russia Eurasia Centers in Berlin. Gerade die USA hätten aktuell weniger politisches Kapital und Aufmerksamkeit für das Land übrig. Denn die Großmacht, die sich einst als globale Ordnungshüterin verstand, hat mit dem Schwelbrand der eigenen Demokratie gerade schon genug zu tun. Eine Situation, von der vor allem Russland profitiert. Aber auch der Iran und China erkennen und nutzen ihre Chance auf globale Einflussnahme.

Die Weltgeschichte trug bisher die Handschrift des Westens. Nun werden Europäer und Amerikaner von Gestaltern zu Getriebenen.

Foto: Handelsblatt

„China engagiert sich für die palästinensische Sache, um sich bei den islamischen Staaten des Nahen Ostens Anerkennung zu verschaffen“, sagt der frühere britische Geheimdienstler und China-Analyst Nigel Inkster. Die Volksrepublik nutze die Krise, um die Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg zu revidieren.

Wie wird diese neue Weltordnung aussehen? Für unseren aktuellen Wochenendtitel ist ein ganzes Team von Reporterinnen und Reportern weltweit dieser Frage nachgegangen. Durchgesetzt hat sich das Gefühl, dass Freiheit und Demokratie vielerorts auf dem Rückzug sind. Stattdessen sind es die autokratischen Kräfte, die die Gunst der Stunde zu nutzen wissen.

US-Präsident Biden kündigte in einer Ansprache aus dem Oval Office an, er werde beim Kongress ein umfassendes Hilfspaket unter anderem für die Ukraine und Israel beantragen: „Wir werden dafür sorgen, dass andere feindliche Akteure in der Region wissen, dass Israel stärker ist als je zuvor, und verhindern, dass sich dieser Konflikt ausweitet. “

Er betonte, es sei für die USA wichtig, beide Länder zu unterstützen, auch wenn sie weit entfernt seien. Hamas und Putin stellten zwar unterschiedliche Bedrohungen dar, beide wollten jedoch benachbarte Demokratien vernichten.

Die USA unterstützen Israel jedes Jahr mit Milliarden, von denen ein beachtlicher Teil in die Abwehr von Raketen und Militärtechnik geht. Ob Bidens Antrag aktuell Chancen auf Erfolg hat, ist allerdings fraglich: In einem US-Repräsentantenhaus ohne Vorsitzenden ist die gesetzgeberische Aktivität vorerst weitgehend stillgelegt.

Pistorius: „Israel ist sehr gut ausgerüstet.“

Foto: dpa

In dieser Situation muss sich auch Deutschland die Frage stellen, wie aktiv es in Konflikte außerhalb der eigenen Staatsgrenzen eingreifen will. Eine Frage, die das Handelsblatt Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gestellt hat. Der Minister bremst die Erwartungen: „Einen Automatismus, dass wir unterstützen, gibt es im Nato-Bündnisfall, sonst aber nicht. Dass wir zum Beispiel der Ukraine sehr stark helfen, heißt nicht, dass wir in anderen Konflikten außerhalb des Nato-Territoriums die gleiche Verpflichtung übernehmen.“

Gleichzeitig gibt Pistorius allerdings auch an, Deutschland habe Israel militärische Unterstützung angeboten. Bei der hoch gerüsteten israelischen Armee scheint allerdings kein großer Bedarf an deutscher Hilfe zu bestehen. Es gebe „keine Anzeichen dafür, dass Israel um umfängliche militärische Unterstützung bittet“.

Pistorius sieht die Gefahr, dass sich der Krieg zwischen Israel und der Hamas zu einem „Flächenbrand“ ausdehnen könnte. Die Frage sei, wie sich die Iraner und die Hisbollah verhielten und wie Israelis, Amerikaner und Europäer reagierten. Lesen Sie das komplette Interview hier.

Der Wandel der Weltordnung deutet sich auch auf dem Finanzmarkt an. US-Staatsanleihen, die in Krisenzeiten als sichere Geldhäfen eigentlich sehr nachgefragt werden, sind stark unter Druck geraten. Denn die Kurse fallen, im Gegenzug steigen die Renditen. 30-jährige US-Staatsanleihen erreichten am Mittwochabend das erste Mal seit 16 Jahren das Niveau von fünf Prozent.

Einer der Gründe für die Entwicklung: Die Nachfrage nimmt ab, die Käufer bleiben aus. China reduzierte seine Bestände an amerikanischen Staatsanleihen im August um 21 Milliarden Dollar, wie in der Nacht zum Donnerstag bekannt wurde – so viel wie seit vier Jahren nicht mehr.

Das hat auch Auswirkungen auf europäische Titel: Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen näherte sich gestern wieder dem Niveau von drei Prozent, italienische Staatstitel mit derselben Laufzeit stiegen über die Marke von fünf Prozent – das höchste Niveau seit mehr als zehn Jahren.

„Tendenziell werden die Zinsen und damit die Renditen von Anleihen wieder sinken“, sagt Sharmin Mossavar-Rahmani, die sehr vermögende Kunden bei Goldman Sachs betreut.

Foto: Getty Images

Neben US-Staatsanleihen gilt auch Gold als „sicherer Hafen“ für die Geldanlage in unsicheren Zeiten. Doch die Chefanlagestrategin bei der Goldman Sachs Investment Strategy Group, Sharmin Mossavar-Rahmani, rät von Gold als Anlageform ab. Historische Studien hätten bewiesen, dass es nicht sonderlich gut als Inflationsabsicherung tauge, sagt sie im Handelsblatt-Interview. Außerdem bringe es keine Zinsen und der Goldpreis steige nicht mit den Gewinnen wie Aktien von Unternehmen. Ihr Fazit: „Gold erfüllt in einem Portfolio keinen Zweck.“

Normalerweise berät Mossavar-Rahmani nur Kunden mit einem Vermögen von mindestens zehn Millionen Dollar. Um an ihre Tipps und Warnungen zu gelangen, können Sie also nun entweder anfangen, für Ihr Zehn-Millionen-Dollar-Vermögen zu sparen. Oder Sie lesen einfach das Interview, das meine Kollegin Andrea Cünnen mit der Anlageexpertin geführt hat. Dazu brauchen Sie nur ein Handelsblatt-Abo – das kostet deutlich weniger.

Zum Schluss noch ein ungewöhnlich ernsthafter Gedanke an dieser Stelle. Es scheint mir derzeit, als lebten wir alle zunehmend in verfeindeten Lagern. Angefeuert durch Algorithmen und isoliert in digitalen Echokammern. Der Krieg im Nahen Osten verstärkt diese Tendenz noch. Wer meine Meinung nicht teilt, ist gegen mich. Wer die andere Seite wählt, verdient Verachtung. Das beginnt bei der Frage nach Recht und Unrecht in Israel und Palästina und zieht sich vom Gendern über die Wärmewende bis hin zur Schuldenbremse oder der Parteipräferenz.

Wut und Unverständnis zu fühlen, ist menschlich. Noch menschlicher wäre es aber, anzuerkennen, dass die Welt nie schwarz-weiß ist. Und dass wir es auch auf der vermeintlich anderen Seite immer mit Menschen zu tun haben. Die Welt von heute ist hochgradig ambivalent. Das Einzige, was nicht ambivalent ist, ist die unbedingte Notwendigkeit, einander weiter zuzuhören. Eine Verantwortung, die für uns Journalistinnen und Journalisten ganz besonders gilt.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins Wochenende und verspreche, Sie am Montag wieder etwas launiger in den Tag zu entlassen.

Herzliche Grüße
Ihre

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Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt

PS: In dieser Woche haben wir Sie gefragt, ob die deutsche Wirtschaft unabhängiger von China werden muss. Unsere Leserdebatte dazu finden Sie hier.

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