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Morning BriefingDie wundersame Kapitalvermehrung – und warum sie nicht funktioniert

Christian Rickens 23.07.2025 - 06:12 Uhr
Morning Briefing

Öffentliche Investitionen: Wunderwerkzeug Hebel?

24.07.2025
Abspielen 08:33

Guten Morgen liebe Leserin, lieber Leser,

Der Hebel gehört zu den ersten Werkzeugen, die Menschen zu nutzen verstanden. Er kam schon beim Bau der ägyptischen Pyramiden zum Einsatz. Nun soll die Hebelwirkung erneut ein Weltwunder vollbringen.

  • Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing glaubt, dass die 500 Milliarden Euro aus dem Infrastrukturpaket des Bundes durch den Einsatz von privatem Kapital auf zwei bis 2,5 Billionen Euro gehebelt werden können.
  • Henry Kravis, Mitgründer des Private-Equity-Unternehmens KKR, hält das im Handelsblatt-Interview für „absolut realistisch“: „Ich bin nicht sicher, ob der Hebelfaktor am Ende drei oder sechs betragen wird. Die Investitionssumme wird aber auf jeden Fall sehr viel größer sein als der Einsatz des Staates.“
  • Weil der staatliche Investitionsspielraum langfristig schrumpfe, werde privates Kapital wichtiger, schreibt Jörg Asmussen in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt. „Dieses Kapital gilt es, für Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Klimaschutz zu mobilisieren“, so der Geschäftsführer des Versicherungsverbands (GDV).

Als liberal gesinnter Zeitgenosse freue ich mich grundsätzlich über alles, was auch ohne Staat funktioniert. Aber hier habe ich doch meine Zweifel: Wie genau soll das eigentlich funktionieren mit dem Hochhebeln der staatlichen Investitionen durch privates Kapital?

Eine vergleichsweise übliche Form sind öffentlich-private Partnerschaften (ÖPP), wie sie in Deutschland beispielsweise beim Ausbau von Autobahnen zum Einsatz kommen (siehe Grafik). Dabei wird meist ein Investor mit dem Bau und dem Betrieb eines Projekts beauftragt und erhält dafür eine fixe Vergütung über eine festgelegte Laufzeit.

Doch Geld spart der Staat dadurch nicht. Denn der Bund kann sich am Anleihemarkt Kapital für unter drei Prozent Zinsen beschaffen. Private Investoren erwarten mindestens das Doppelte an Rendite. Die zahlen am Ende in jedem Fall die Bürgerinnen und Bürger – entweder durch die staatlich garantierte Vergütung für den privaten Kapitalgeber oder in Form individueller Nutzungsentgelte wie Mautgebühren. Peter Brodehser, Fondsmanager des DWS Infrastruktur Europa, bestätigt:

Es ist richtig, dass die Finanzierungskosten für ein Projekt, das der Staat allein betreibt, günstiger sind, als wenn sich die Projektgesellschaft einer öffentlich-rechtlichen Partnerschaft finanzieren muss.

Der Begriff vom „Hebeleffekt“ suggeriert also eine wundersame Kapitalvermehrung, die allenfalls für die privaten Investoren aufgeht. Was erklären könnte, warum die so eifrig dafür werben.

Dass der Staat privates Kapital für Infrastrukturinvestitionen nutzt, macht tatsächlich nur in zwei Fällen Sinn:

  • Der Staat ist bereits so hoch verschuldet, dass eine weitere Kreditaufnahme seine Zinskosten deutlich in die Höhe treiben würde – davon ist Deutschland zum Glück weiter entfernt als die meisten Staaten dieser Erde.
  • Oder der private Kapitalgeber geht mit ins Risiko und verhindert so die typischen Krankheiten öffentlicher Infrastrukturprojekte: Es wird nicht das gebaut, was am rentabelsten ist, sondern was politisch opportun erscheint; und es fehlt der öffentlichen Hand an Kostendisziplin. Fondsmanager Brodehser ist überzeugt:
So etwas wie die Elbphilharmonie oder der Flughafen Berlin wäre im ÖPP-Bereich nicht passiert.

Neben ÖPPs gibt es andere Instrumente, um privates Kapital sinnvoll an öffentlichen Projekten zu beteiligen. Welche das sind, lesen Sie hier.

Unicredit-Filiale: Die Bank hat die BPM-Übernahme platzen lassen. Foto: dpa

Was der Commerzbank blühen könnte

Die italienische Großbank Unicredit stoppt vorerst ihre Bemühungen zur Übernahme... nein, nicht der Commerzbank, sondern der Mailänder Regionalbank Banco BPM. Der Unicredit-Vorstand beschloss am Dienstag, das 14,6 Milliarden Euro schwere Angebot zurückzuziehen. Der Einfluss der Regierung in Rom habe das Angebot kaputt gemacht, hieß es in der Mitteilung.

Mit dem Aus bei Banco BPM dürfte für Unicredit-Chef Andrea Orcel das andere große Übernahmevorhaben des Konzerns noch stärker in den Fokus rücken – und diesmal ist tatsächlich von der Commerzbank die Rede. Dort hatte die Unicredit überraschend vor knapp einem Jahr eingekauft. Inzwischen halten die Italiener direkt mehr als 19 Prozent und haben angekündigt, weitere Derivate in Aktien umzuwandeln, was ihnen weitere neun Prozent verschaffen würde.

Wie würde es der Commerzbank nach einer Übernahme durch Unicredit ergehen? Rückschlüsse lässt ein Blick auf den anderen Unicredit-Zukauf in Deutschland zu: den der Hypovereinsbank vor 20 Jahren.

HVB-Chefin Marion Höllinger, Unicredit-CEO Andrea Orcel: 20 Jahre Höhen und Tiefen. Foto: Imago, Bloomberg, Hypovereinsbank [M]

Handelsblatt-Bankenreporter Andreas Kröner hat die Geschichte eines großen Missverständnisses nachgezeichnet: Das Management der Hypovereinsbank ging selbst viele Jahre nach der Übernahme ganz selbstverständlich davon aus, die Bank von München aus wie ein eigenständiges Unternehmen führen zu können.

In der Mailänder Unicredit-Zentrale sah man das anders. Der ehemalige Hypovereinsbank-Chef Theodor Weimer erinnerte sich 2024, dass ihm die Italiener in vielen Gesprächen gesagt hätten: „Ich verstehe nicht, wie blöd seid ihr eigentlich? Wer zahlt, schafft an!“ Weimers Fazit:

Ich war lange genug am Gängelband der Italiener.

Manche HVB-Manager fanden Unicredits Durchgreifen richtig. „Die waren wirklich Profis“, erzählt einer von ihnen. „Die haben alle Rechtfertigungen und besitzstandswahrenden Argumente einfach nicht akzeptiert.“

Der damalige Unicredit-Chef Alessandro Profumo schmunzelt, wenn man ihn heute darauf anspricht. Natürlich habe Unicredit nach der Fusion Synergien realisiert und Kosten gesenkt, sagt er. Das liege auch an seiner Herkunft:

Ich komme aus Genua, und Menschen aus Genua sind sehr geizig.

Gute SAP-Zahlen, Aktie fällt trotzdem

Ein Wachstum des Cloud-Geschäfts um 28 Prozent hat SAP im zweiten Quartal erneut Rückenwind verschafft. Gleichzeitig sei der Barmittelzufluss dank Ausgabendisziplin kräftig gestiegen, teilte Deutschlands wertvollster Börsenkonzern mit. Dieser Free Cash Flow gilt als Gradmesser für die Dividendenhöhe. Er stieg den Angaben zufolge um 83 Prozent auf 2,36 Milliarden Euro und lag rund eine Milliarde Euro über der Markterwartung. Das bereinigte operative Ergebnis stieg um 35 Prozent auf 2,57 Milliarden Euro.

Diese Werte deckten sich weitgehend mit den Analystenprognosen. Die an der Wall Street notierten SAP-Aktien verloren nachbörslich dennoch gut drei Prozent. Möglicher Grund: Das Unternehmen verzichtete auf die von einigen Investoren erhoffte Anhebung des Gewinnziels für das Gesamtjahr.

Demonstranten mit Plakaten in der Kiewer Innenstadt: Kritik an Präsident Wolodimir Selenskyj. Foto: AFP

Ukraine schwächt Korruptionsbekämpfung

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat ein Gesetz zur Einschränkung der Autonomie ukrainischer Antikorruptionsbehörden unterzeichnet. Zuvor hatte das Parlament das Gesetz verabschiedet. Es ermöglicht dem vom Präsidenten ernannten Generalstaatsanwalt, mehr Kontrolle über das Antikorruptionsbüro und die auf Antikorruption spezialisierte Staatsanwaltschaft auszuüben. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos sprach von einem „schwerwiegenden Rückschritt“.

Metal-Legende Osbourne ist tot

Ein seltsamer Zufall: Gestern beim Abendessen mit ehemaligen Kollegen sprachen wir darüber, ob Teenager heute eigentlich noch Heavy Metal hören. Mehrfach fiel dabei der Name Ozzy Osbourne. Auf dem Heimweg in der U-Bahn poppte dann auf meinem Handy die Eilmeldung auf, dass der frühere Sänger von „Black Sabbath“ gestorben ist.

Das Debütalbum der Band von 1969 gilt als Urknall des Metal-Genres. Zehn Jahre später warf „Black Sabbath“ Osbourne wegen seiner ständigen Drogenexzesse raus. Angesichts dessen muss man wohl einräumen, dass Osbourne ein von wem auch immer gesegnetes Alter erreicht hat. Er wurde 76.

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Ich wünsche Ihnen einen metallischen Mittwoch.

Herzliche Grüße
Ihr
Christian Rickens

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