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Morning BriefingOffenes Rennen: Warum China die USA noch lange nicht überholt hat

Christian Rickens 21.07.2023 - 06:22 Uhr
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Christian Rickens Foto: Handelsblatt
Morning Briefing vom 21.07.2023

Offenes Rennen: Warum China die USA noch lange nicht überholt haben / Zähes Ringen: Cloud-Geschäft bei SAP enttäuscht

21.07.2023
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Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser, 

für viele Jahre schien klar, wie die Sache laufen würde: Die chinesische Volkswirtschaft wächst deutlich schneller als die US-amerikanische. Irgendwann um das Jahr 2030 herum dürfte China die USA als größte Wirtschaftsmacht der Erde überholen und dann zunehmend hinter sich lassen. Auf die ökonomische Vormachtstellung würde über kurz oder lang auch die weltpolitische folgen – willkommen im chinesischen Jahrhundert!

Doch inzwischen erscheint die Sache nicht mehr so eindeutig. Die Weltbank geht davon aus, dass Chinas Wirtschaft bis 2030 mit durchschnittlich vier Prozent pro Jahr wachsen wird, sollte es keine tiefgreifenden Reformen geben. Das hieße, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt zwar in den nächsten 15 Jahren zu den USA aufholen, sie jedoch „nicht wesentlich übertreffen“ würde, sagt Alicia Garcia Herrero, Chefvolkswirtin für die Region Asien-Pazifik bei der französischen Investmentbank Natixis. Ab 2035 dürften die Wachstumsraten in beiden Ländern dann ähnlich sein, glaubt sie. Das bedeute, „dass keine der beiden Volkswirtschaften die andere deutlich überholen wird.“

Aus dem chinesischen Jahrhundert wird dann eines, in dem das Kopf-an-Kopf-Rennen immer weitergeht. Was zu dieser veränderten Konstellation geführt hat, analysieren die Reporterinnen und Korrespondentinnen Sabine Gusbeth (Peking), Dana Heide (Berlin), Katharina Kort (New York) und Annett Meiritz (Washington) in unserem Freitagstitel. Es geht um Post-Corona-Blues und geringe Konsumneigung in China, um Tech-Sanktionen und Joe Bidens schuldenfinanzierte Industriepolitik in den USA.

Sowohl die USA als auch China haben große wirtschaftliche Macht – und kämpfen um die Vorherrschaft.

Foto: Stephan Schmitz für Handelsblatt

Es geht aber besonders um Demographie. Die Geburtenrate in China beträgt 1,2 Kinder pro Frau und die letzten geburtenstarken Jahrgänge scheiden nach und nach aus dem Erwerbsleben aus. Die Bevölkerung überaltert zunehmend. In den USA sind es 1,78 Kinder pro Frau, ein sehr hoher Wert für ein Industrieland. Vor allem aber haben die USA im Unterschied zu China reichlich junge Zuwanderer. Laut US-Zensus liegt der Anteil der Immigranten an der US-Bevölkerung derzeit bei 13,6 Prozent und damit fast so hoch wie im 19. Jahrhundert, als die großen Einwanderungswellen aus Europa in die USA strömten.

Nach den Mexikanern stellen heute die Inder die zweitgrößte Immigrantengruppe, „und vier von fünf indischen Einwanderern haben einen Uni-Abschluss“, so Angie Kamath, Dekanin an der New York University (NYU).

Im Rennen um die globale Vorherrschaft schien China schon auf Schlagdistanz an die USA herangekommen zu sein, nun ist das Ergebnis also wieder offen. Deutschland wird sich auf eine ungemütliche Position zwischen den beiden Kontrahenten einstellen müssen. Weltanschaulich stehen uns die USA näher, aber wirtschaftlich sind wir von beiden Großmächten gleichermaßen abhängig.

Vor allem aber bedroht deren Wettstreit das angestammte bundesrepublikanische Geschäftsmodell – in Deutschland produzieren und über freie Handelswege in alle Welt exportieren. Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup konstatiert: „Mit einem protektionistischen Cocktail aus Zöllen, Subventionen, nicht tarifären Handelsbeschränkungen und unverhohlenen Drohungen versuchen die USA, den technologischen und wirtschaftlichen Aufstieg Chinas zu bremsen.“

Dem zunehmend vermachteten Welthandel versuchen immer mehr hiesige Unternehmen zu entgehen, indem sie gleich in den USA oder in China produzieren – schlecht für den Standort D.

SAP hat mit durchwachsenen Zahlen für das zweite Quartal die Aktionäre enttäuscht. Der Kurs des Softwareherstellers sank nach der Veröffentlichung am Donnerstagabend und notierte im Späthandel bei rund 120,50 Euro, fünf Prozent weniger als am Morgen.

Der kalifornische Technologieinvestor bekräftigte am Donnerstag, die Software AG von der Börse nehmen zu wollen.

Foto: IMAGO/Zoonar

Im strategisch wichtigen Cloudgeschäft steigerte SAP den Umsatz um lediglich 19 Prozent auf rund 3,3 Milliarden Euro, 100 Millionen Euro weniger als an der Börse erwartet worden war. Auch der Gesamtumsatz blieb mit 7,6 Milliarden Euro etwas hinter den Prognosen der Analysten zurück.

Ein Nebeneffekt: Das Geschäft mit Softwarelizenzen schrumpfte mit einem Minus von 26 Prozent weniger stark als erwartet. Feste Lizenzverträge sind bei SAP eigentlich ein Auslaufmodell, weil die Kunden ihre SAP-Software in der Cloud nutzen sollen.

Positiv entwickelten sich bei SAP die Gewinne. Das Betriebsergebnis stieg um 28 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro.

Vom größten deutschen Softwarehersteller kommen wir zum zweitgrößten: Die Übernahme der Software AG durch den Investor Silver Lake hat Folgen für die Aktien des Darmstädter Unternehmens. Die Papiere werden aus dem MDax und dem TecDax gelöscht. Durch die Übernahme sei der Streubesitz an der Software AG unter die Index-Schwelle von zehn Prozent gesunken, hieß es zur Begründung.

In den MDax steigt dafür der Automobilzulieferer Vitesco auf, bei dem Unternehmen handelt es sich um die abgespaltene Antriebssparte von Continental. Den dadurch freiwerdenden Platz im SDax übernimmt wiederum eine alte Bekannte: die Borussia Dortmund GmbH & Co KGaA.

Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg haben sich acht südamerikanische Staaten auf einen Stopp der Regenwald-Rodungen ab 2030 verständigt. Die Staaten schlössen sich damit einem entsprechenden Plan von Brasilien an, zitiert Bloomberg die peruanische Umweltministerin Albina Ruiz. Das bislang ambitionierteste Abkommen zur Bewahrung des Urwalds im Amazonasgebiet soll demnach im August unterzeichnet werden.

Möglicher Nebeneffekt: Der mangelnde Schutz des Regenwaldes war vor einigen Tagen einer der Hauptgründe für das Scheitern der Verhandlungen um ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und den südamerikanischen Mercosur-Staaten um Brasilien. Vielleicht kommt jetzt wieder Bewegung in die Sache.

Christopher Nolans Verfilmung über den Erfinder der Atombombe, Robert Oppenheimer, startet in den Kinos.

Foto: AP

Gestern ist in den Kinos „Oppenheimer“ von Regisseur Christopher Nolan angelaufen. Wenn der Film nur halb so gut ist wie Nolans „Interstellar“, einer meiner absoluten Lieblingsfilme, dann ist die Biographie des Atombomben-Entwicklers Robert Oppenheimer in jedem Fall einen Kino-Besuch wert. Dachte ich.

Dann musste ich im „Spiegel“ jedoch mit wachsendem Missvergnügen lesen...

  • dass Schauspieler Adam Driver nach Maurizio Gucci demnächst auch Enzo Ferrari filmisch verkörpern wird.
  • dass es auf Netflix ein eigenes Biopic gibt über den Manager, der einst bei Nike den Werbedeal mit Michael Jordan eingetütet hat.
  • und dass auf Disney+ allen Ernstes gerade der Spielfilm „Flaming Hot“ gestartet ist über den Erfinder einer besonders würzigen Kartoffelchipsorte.

Da beschlich mich ein schlimmer Verdacht: Bin ich womöglich der letzte Mensch auf diesem Planeten, über den Hollywood noch keine Film-Biographie plant?

Ach, über Sie auch noch nicht? Machen Sie sich nichts draus, liegt bestimmt nur am Streik der Drehbuchautoren.

Ich wünsche Ihnen einen Wochenausklang im Breitwandformat.

Herzliche Grüße

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Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt

PS: In dieser Woche haben wir Sie gefragt, was sich ändern muss, damit das Ziel der Bundesregierung von 15 Millionen E-Autos noch erreicht wird. Hier finden Sie unsere Leserdebatte dazu.

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