Leserdebatte: Warum gibt es nicht mehr E-Autos in Deutschland?
Viele Menschen fahren derzeit lieber noch mit einem Verbrenner, statt auf eine elektrische Variante umzusteigen.
Foto: dpaBis 2030 will die Ampelkoalition mindestens 15 Millionen vollelektrische Autos auf die deutschen Straßen bringen. Das Ziel scheint angesichts des aktuellen Stands von 1,1 Millionen zugelassenen Elektrofahrzeugen weit entfernt. Wir haben deshalb die Handelsblatt-Leserschaft gefragt, was aus ihrer Sicht die Gründe sind und was sich ändern müsste. Dabei gibt es mit Blick auf die Alltagstauglichkeit eines Elektroautos und Realisierung des ambitionierten 15-Millionen-Ziels gespaltene Meinungen.
Eine Leserin schreibt, dass sich „normal verdienende Familien“ den Umstieg auf Elektromobilität „schlichtweg nicht leisten“ können. Auch fehle eine Modellvielfalt im Angebot. Ein Leser findet: „Die deutschen Hersteller bauen am Markt vorbei. Keine Kombis, kaum Massenautos.“
Ein umstrittenes Thema ist auch die Reichweite. Für einen Leser sprechen die „Widrigkeiten in Bezug auf Reichweite“ gegen einen Wechsel zum E-Auto. Ein anderer Leser empfindet dies hingegen nicht als Problem: „Einmal im Monat an die Ostsee oder hauptsächlich Stadt, das schafft jedes E-Auto“, findet er. Ein weiterer Leser bestätigt: „Es ist kein Abenteuer mehr, damit auf große Urlaubsfahrt zu gehen.“
Die Grundvoraussetzung für die E-Mobilitäts-Wende sehen viele in der Ladeinfrastruktur. Wer „privilegiert zu Hause laden und mit voller Batterie losfahren kann“, sei im Vorteil, meint ein Leser. Solange die Ladeinfrastruktur, insbesondere außerhalb der Stadt, nicht ausgebaut würde, sei der Kauf eines Elektroautos für einen weiteren Leser „jedenfalls noch nicht interessant“.
Für die aktuelle Ausgabe unseres Leserforums haben wir aus den unterschiedlichen Zuschriften eine Auswahl für Sie zusammengestellt.
Rein elektrische Fahrzeuge für Kurzstrecken
„Die Politik hat nicht die richtigen Vorgaben gemacht und falsche Anreize geschaffen. Mit der Gießkanne wurden teilweise Personen gefördert, die es nicht nötig hatten. Ergebnis: Teilweise wurde aus Prestigegründen ein subventioniertes Elektroauto als Drittauto angeschafft. Noch schlimmer die unsinnige Dienstwagenförderung: Überschwere Autos fahren ein paar Kilometer elektrisch. Super!
Was sinnvoll wäre: Für Kurzstrecken nur noch rein elektrische Fahrzeuge zulassen: Lieferdienste, Post, Taxi, Kleinkrafträder usw. Für mich wäre ein richtiges Hybridauto ein elektrisches, das über einen Reichweitenverlängerer in Form eines ‚Notstromaggregats‘ verfügt. Die meiste Zeit fahre ich elektrisch, wenn es länger wird, entscheiden dann Zeit und Geldbeutel, ob ich zehn Liter Diesel oder 30 KW Strom tanke.“
Ulrich Harms
Mir ist es peinlich, aber wo sind die Alternativen?
„Ich kam 2012 aus den USA zurück, wo ich einen Ford Edge Hybrid fahren durfte, und bin seitdem Fan der Elektromobilität. Leider bin ich aber auch Fan des klassischen Premium-Familienkombis. So musste ich 2012 aber feststellen, dass die einzigen hybriden Angebote deutscher Hersteller im Premiumsegment Limousinen waren. Mal ehrlich: Eine A6-Limousine fuhr auch 2012 schon niemand mehr in Deutschland.
Aus meiner Sicht zieht sich das bis heute durch. Die deutschen Hersteller bauen auch bei den reinen Elektroautos am Markt vorbei. Keine Kombis, kaum Massenautos. Lieferzeiten sind unterirdisch. Der Skoda Eniaq hätte Potenzial, der neue Passat oder Oktavia zu werden. Lieferzeit weit über zwölf Monate. VWs neuer ID Buzz ist nur als Fünfsitzer lieferbar, Siebensitzer ab Sommer 2024! Der ID.2 und andere kleine Wagen sind kaum in Sicht.
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Was soll das? Aus meiner Sicht alles eine Hinhaltetaktik. Kein Wunder, dass die Leute abwarten. Ich bin ein Familienvater mit drei Kindern und fahre eine V-Klasse als Diesel – mir ist es peinlich, aber wo sind die Alternativen?“
Benjamin Vordemfelde
Angst vor mangelnder Reichweite oft nicht rational
„Ich habe zwei E-Autos, die ich wann immer möglich mit meiner Solaranlage auflade. Die Angst vor der mangelnden Reichweite ist oft nicht rational. Ich frage immer nach dem Fahrprofil und erhalte oft die Antwort: ‚Einmal im Monat an die Ostsee oder hauptsächlich Stadt‘. Das schafft jedes E-Auto.“
Stephan Fester
Haltungsdauer entscheidend
„Im Sinne der Nachhaltigkeit sollten für E-Autos nicht mehr die Verkaufszahlen, sondern die Haltungsdauern relevant sein. E-Autos werden die Nutzung eines Fahrzeugs sowie das, was ich hierzu beschaffen werde, grundlegend ändern. Nur ist das weder in der Verbraucherwahrnehmung noch in den Herstellerstrategien angekommen.
E-Autos bieten die Möglichkeit, dass ich mir für den Zeitraum von 25 bis 30 Jahren ein Fahrzeug zulege, vorausgesetzt, es gibt ein modulares Konzept, um relevante Komponenten wie Batterie und Steuerungssysteme im Sinne eines dedizierten Lifecycle-Managements zu tauschen.“
Thorsten Leplow
Ich bleibe bei meinem Golf
„Ich habe noch kein E-Auto und so schnell wird sich das auch nicht ändern. Ich bin 26 Jahre alt und nun seit drei Jahren in meinem Beruf. Ich habe bis vor Kurzem noch im Elternhaus gewohnt, das wäre der einzige Ort gewesen, wo ich privat die Möglichkeit zur Ladung meines Stromers gehabt hätte.
Sollte ich jetzt mein Masterstudium beginnen, sehe ich überhaupt keine Möglichkeit mehr, ein E-Auto zu unterhalten oder mich mit den Widrigkeiten in Bezug auf Reichweite, Kosten etc. herumzuschlagen. Da bleibe ich ruhigen Gewissens bei meinem Golf, der mich nach drei Minuten Aufenthalt an der Tankstelle auch wieder 600 Kilometer weit bringt, und nicht nach zwei Stunden Ladezeit kaum 400 Kilometer.“
Simon Mayer
Warum sollte es Deutschland nicht schaffen?
„Warum sollte es Deutschland nicht schaffen, 15 Millionen E-Autos auf die Straße zu bringen? Es sagt doch keiner, dass es deutsche E-Autos sein müssen. Wenn die deutsche Autoindustrie den Markt nicht ganz verpennen will, muss sie sich von der Hochpreisstrategie für wenige Käufer verabschieden und Autos bauen, die den breiten Markt bedienen – auf Kosten der Marge.
E-Mobilität wird keine Leitindustrie (wenn es so etwas überhaupt gibt) werden. Das ist eher ein Narrativ und Marketingsprache der Autoindustrie, um den jeweiligen Bundesregierungen Subventionen aus dem Ärmel zu ziehen. Deutschland wird andere Märkte zur ‚Leitindustrie‘ erklären und entwickeln müssen, zum Beispiel erneuerbare Energien.
Zurzeit werde ich kein E-Auto anschaffen, zu teuer und nicht sinnvoll. Der Alte muss halt länger halten. Totes Kapital ‚Auto‘ kann ich sinnvoller nutzen. Zur Mobilität muss Deutschland den ÖPNV ausbauen und vor allem keine Subventionen der Autoindustrie hinterherwerfen.“
Klaus Fuchs
E-Autos sprengen Familienbudget
„Die Automobilhersteller orientieren sich leider in ihrem Entwicklungsfokus nur an der eigenen Profitrate. Die ist natürlich sehr hoch bei extremen Luxusautomobilen, die natürlich auch ihre Käufer und Käuferinnen finden. Allerdings ist die Anzahl dieser Multimillionäre und Multimillionärinnen begrenzt.
Wo bleiben die günstigen Elektrofahrzeuge für die Millionen von ganz normal verdienenden Familien, die auch gerne auf Elektromobilität umsteigen würden, es sich aber schlichtweg nicht leisten können? Ja, für sie nachhaltige, langlebige, alltagstaugliche E-Fahrzeuge in vom Familienbudget bezahlbaren Preisklassen zu entwickeln, es würde sich auf lange Sicht auch bei kleinen Profitraten lohnen … aber nur wenige Manager scheinen den Unternehmenserfolg über die eigene Vertragslaufzeit hinaus im Blick zu haben.“
Marianne Schweinesbein
Zögern und Zaudern
„Ob in sieben Jahren 15 Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen rollen, ist eine Frage, die der Markt entscheiden wird. Mein erstes Elektroauto habe ich 2016 erworben. Seit 2020 sind wir komplett elektrisch unterwegs. Und es ist heute bereits kein Abenteuer mehr, damit auf große Urlaubsfahrt zu gehen. Meine Befürchtung ist allerdings, dass sich Deutschland durch Zögern und Zaudern abermals in einem wichtigen Zukunftsmarkt selbst den Ast abgesägt hat. Somit besteht für mich kaum Hoffnung, dass wir zum Leitmarkt für E-Mobilität werden.“
Norbert Schulze
Das Verbrennerzeitalter ist bei uns vorüber
„Vor fünf Jahren endete das Verbrennerzeitalter in unserem Haushalt. Und es gibt absolut keinen Grund zurückzukehren. Niedrige Verbrauchskosten, keine permanenten Wartungskosten mehr, umweltfreundlich, komfortabel und leise. Das preiswerteste Auto seit Jahrzehnten.
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Ich kann aus persönlichem Erleben viele der Bedenken gegenüber E-Autos nicht nachvollziehen. Allerdings ist die Lösung (leider) immer noch Tesla und nicht VW oder BMW. Nur Tesla liefert eine vernünftige Software und ein funktionierendes Schnellladenetz. Abseits der Tesla-Bubble herrscht automobiles Mittelalter. Sozusagen Ionity und Co. als Donnerbalken versus Tesla Supercharger-Netzwerk als moderne Badewelt.“
Ralph Treitz
Ausländische Konkurrenz voraus
„Die Misere der Elektromobilität hat mehrere Elternteile. Da ist zum einen die deutsche Autoindustrie, die ihre Ressourcen lieber in die betrügerische Umgehung von Regulierungsauflagen gesteckt hat als in die tatsächliche Verbesserung bestehender und die Entwicklung neuer Antriebssysteme und dadurch gegenüber ihrer Konkurrenz um viele Jahre ins Hintertreffen geraten ist. Nun fehlen Know-how, Batterien, Ladestationen, Mikrochips und Software, während amerikanische und asiatische Modelle in Massen in den internationalen Markt vorstoßen.
Aber auch die Bundesregierung (frühere ausdrücklich eingeschlossen) hat es versäumt, die Autoindustrie durch Subventionen und großzügige Förderung sowie härtere und konsequent durchgesetzte Auflagen in die richtige Richtung zu schieben.
Solange ich auf ein deutsches Elektromodell mehr als ein halbes Jahr warten muss und dann noch deutlich höhere Leasingraten bezahlen soll als für einen Benziner und ich dieses Auto dann wegen der fehlenden Infrastruktur nur im Stadtverkehr einsetzen kann, ist ein Elektroauto für mich jedenfalls noch nicht interessant.“
Roland Stamm
Ladeinfrastruktur der ‧entscheidende Schlüssel
„Schnellladen an Fernstraßen ist mittlerweile unproblematisch. Mein E-Auto ist deshalb alltagstauglich, weil ich privilegiert zu Hause laden und morgens mit voller Batterie losfahren kann. Während Stellplätze direkt am (eigenen) Haus recht einfach mit Strom versorgt werden können, ist die ungleich aufwendigere Stromversorgung von Sammelstellplätzen für die meisten Eigentümer unerschwinglich und für Mieter kaum wirtschaftlich sinnvoll; Laternenparker haben kaum eine Chance auf einen fußläufig erreichbaren und freien öffentlichen Ladepunkt.
Die Förderung privater Ladepunkte beziehungsweise öffentlicher Ladepunkte vor der Haustür sind meines Erachtens der entscheidende Schlüssel für Neuzulassungen und auch den Gebrauchtkauf von E-Autos – wer würde denn ein Smartphone nutzen, wenn man es zu Hause nicht aufladen könnte?“
Markus Müller-Martini
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