Gastkommentar: Baustelle Deutschland – wir müssen mehr und produktiver arbeiten
Das alte Jahr mit einer neuen Regierung liegt hinter uns – aber zu Ende gebracht ist nichts. 2025 wurde endgültig klar, dass wir erst am Anfang der Renovierung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft stehen. Wie sehr die Regierung auch zu kritisieren ist, eines hat der Bundeskanzler nach den ersten acht Monaten im TV-Bürgertalk richtig formuliert: „Ich bin ein Bauarbeiter“ auf einer über die Jahre immer stärker „verknoteten“ Baustelle.
Schnelle Erlösung ist nicht in Sicht. Dennoch können und müssen wir jetzt stabile Fundamente und die richtigen Leitungen legen, um wieder mit einem attraktiven und wettbewerbsfähigen Gebäude auf den Weltmärkten zu punkten.
In der geoökonomischen Lage der vergangenen Jahre scheint Deutschland – einst Wachstumslokomotive zumindest Europas – wirtschaftlich nach hinten durchgereicht zu werden. Die Kombination aus US-Zöllen, Abhängigkeiten von China in den Lieferketten und teurer Energie macht uns zu schaffen. Ende 2025 liegt die Wirtschaftsleistung in etwa auf dem Niveau von 2019. Sechs Jahre ohne Wachstum.
Unser neues Mittelfristszenario allerdings zeigt Chancen: Deutschland kann die Wachstumskrise überwinden. Dafür muss sich aber einiges ändern. Sonst droht Dauerstagnation, gerade wegen der demografischen Entwicklung. Wir trauen Deutschland in der kommenden Dekade ein durchschnittliches Wachstum von 0,9 Prozent / pro Kopf 1,0 Prozent p.a. zu. Viel mehr wird allerdings nicht drin sein. Das Wachstum indes ist nur erreichbar, wenn wir zwei zentrale Voraussetzungen erfüllen:
Beim Zuwachs der Stundenproduktivität schaffen wir eine Trendwende. Der hatte in den letzten Jahren bei jährlich nur noch 0,2 Prozent gelegen. Im Szenario erwarten wir im Durchschnitt bis 2035 einen Wert von 1,1 Prozent jährlich. Das ist im historischen Vergleich nicht übermäßig viel, erfordert aber klare Prioritäten auf Innovation und Investitionen.
Konkret: Der Staat muss sich beim Sondervermögen endlich auf wertschöpfende Projekte konzentrieren. Vor allem aber muss der gewaltige Hebel privater Investitionen besser ermöglicht werden – etwa durch chancenorientierte Genehmigungsprozesse oder die Nutzung von Pensionsfonds zur Finanzierung. Statt alte Industrien zu subventionieren, müssen neue Technologien im Fokus der Förderung stehen.
Die Arbeitszeiten müssen steigen
Wir müssen dem Rückgang der Personen im erwerbsfähigen Alter auf dem Arbeitsmarkt entgegensteuern, das Potenzial besser ausschöpfen. Die Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter sinkt bis 2035 um sieben Prozent. Damit das Arbeitsvolumen nicht in gleichem Maße zurückgeht, müssen sowohl die Erwerbsquoten bei Frauen und Älteren als auch die durchschnittlichen Arbeitszeiten steigen. Das erfordert mutige politische Maßnahmen.
Wir gehen in unserem Szenario davon aus, dass über diese beiden Kanäle der demografisch bedingte Rückgang des Arbeitsvolumens zu einem guten Teil kompensiert werden kann. Konkret heißt das, dass Vollzeit wieder attraktiver werden muss – etwa durch steuerliche Anreize und bessere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und bei der Pflege. Nicht zuletzt wäre eine längere Lebensarbeitszeit gewinnbringend – für Wachstum, Arbeitskosten und die Rentenstabilität.
Ist dieses Szenario realisierbar? Ohne Ambition und Zumutungen wird es nicht funktionieren. Aber die Stellschrauben sind klar. Gleichzeitig gilt: Ohne eine Trendwende bei der Produktivität und eine bessere Ausnutzung des Arbeitskräftepotenzials wird es auf Sicht gar kein Wachstum mehr geben: Allein durch den demografischen Wandel fehlen uns ca. 0,7 Prozentpunkte Wachstum pro Jahr.
Da mag es trösten, dass wir mit schwachen Wachstumsraten nicht allein sind. Nur deshalb können wir bei Raten von einem Prozent jährlich weiterhin mitspielen. So erwarten wir für die USA mittelfristig eine Abschwächung des Wachstums auf 1,5 Prozent p. a., bei weiterhin leicht wachsender Bevölkerungszahl sind das je Einwohner nur 1,1 Prozent. Auch in China wird man sich an moderateres Wachstum gewöhnen. Die Bevölkerung schrumpft und altert stark. Die hohen Investitionsquoten werden sich nicht fortsetzen. Bis 2035 erwarten wir 3,1 Prozent p. a.
Zurück zum Hier und Jetzt auf unserer Baustelle Deutschland. Statt einen Herbst oder demnächst einen Frühling der Reformen auszurufen, gilt es 2026, die realen Hebel der Wettbewerbsfähigkeit zu ziehen. Es geht um Arbeit und Produktivität und um die Voraussetzungen dafür. Alle auf Baustellen wissen: Das braucht einen motivierten Kopf, einsatzbereite Muskeln und das passende Werkzeug. Auf geht’s, Herr Bau-Kanzler, auf geht’s, Baustelle Deutschland.
Der Autor: Christian Böllhoff ist geschäftsführender Gesellschafter der Prognos AG. Der Ökonom lebt in Berlin und Basel.
