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Morning Briefing Plus – Die WocheDer Viessmann-Deal – Der Rückblick des Chefredakteurs

Der Heizungsbauer verkauft sein Kerngeschäft an den US-Konzern Carrier Global. Das dadurch ausgelöste Beben reichte bis nach Berlin.Sebastian Matthes 29.04.2023 - 08:00 Uhr
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Foto: Handelsblatt

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Willkommen zurück zu unserem gemeinsamen Blick auf die wichtigsten Nachrichten der Woche, und damit sind wir auch schon im nordhessischen Allendorf im beschaulichen Edertal. Dort ereignete sich ein ziemliches Beben, als bekannt wurde, dass der Heizungsbauer Viessmann, der wichtigste Arbeitgeber der Region, sein Kerngeschäft an den US-Konzern Carrier Global verkauft.

Wie es dazu kam und was bei Viessmann hinter verschlossenen Türen in den vergangenen Wochen alles los war, das lesen Sie in unserem aufwendig recherchierten Report „Max, Dave und der Deal ihres Lebens“. Die Details sollten Sie kennen, bevor wir weitermachen.

Foto: Dpa, Imago, PR (2)

Denn das Beben reichte weit über Allendorf hinaus – bis nach Berlin, wo Heizungen zuletzt ohnehin mehr die Gemüter als die Zimmer erhitzten: Von einem „Ausverkauf der deutschen Wärmepumpe“ war die Rede, einer Wärmewende mit der „Brechstange“. Auf der anderen Seite wurden der Verkauf und die möglicherweise sinkenden Preise für Verbraucher gefeiert. Wirtschaftsminister Robert Habeck verstieg sich sogar zu der Aussage, die Übernahme prüfen zu wollen. Was da in Berlin abging, war jedenfalls kein Glanzstück der politischen Debatte.

Dabei war all das absehbar. Und damit meine ich nicht einmal die Hinweise auf den Verkauf, denen meine Kollegen Arno Schütze und Catiana Krapp seit Wochen nachgingen. Hinweise, wonach das Unternehmen einen Börsengang prüft, gab es lange. Einige Banker raunten auch von grünen Bonds, die das Unternehmen begeben könnte. Andere brachten schon vor Wochen einen Verkauf ins Spiel.

Um zu sehen, dass dieser Markt vor einer Revolution steht, musste man eigentlich nur im März nach Frankfurt fahren, zur ISH Messe, einer Art Weltausstellung der Heizungsbranche.

Natürlich war Viessmann dort mit einem gigantischen, 1700 Quadratmeter großen Stand vertreten. Doch der Messestand mit seiner Veranstaltungsbühne samt Livestream und stolzen Darbietungen der neuesten Wärmepumpen-Innovationen war umstellt von ähnlich großen Ständen von Mitsubishi, Daikin und Samsung – Hersteller aus Asien, die eine immer größere Rolle in Deutschland spielen. Und die in der Lage sind, um ein Vielfaches größere Stückzahlen zu produzieren als die deutschen Produzenten. Diesem Druck sah sich das 106 Jahre alte Familienunternehmen nicht mehr gewachsen.

Und auch einer anderen Sache war das Familienunternehmen nicht mehr gewachsen: dem politischen Druck. Das „regulatorische Umfeld“ habe für die Verkaufsentscheidung durchaus „eine wichtige Rolle“ gespielt, sagte CEO Max Viessmann diese Woche meinen Kolleginnen – in seinem ersten Interview nach Bekanntwerden des Deals. Ein klares Signal nach Berlin.

Nach dieser Woche bleiben fünf Lehren:

  • Habeck und Scholz tragen natürlich eine Mitschuld an dem Viessmann-Verkauf. Die Politik hat den Wandel bestellt – nun wird er geliefert. Mit all seinen Konsequenzen.
  • Was wir hier erleben, ist aber auch ein technologischer Strukturwandel, der sich lange angekündigt hatte. Auch schon vor der Heizungs-Verbotsdebatte haben die Verkäufe von Wärmepumpen massiv zugelegt. Und die ähneln in ihrer Technologie eher Klimaanlagen, bei denen wiederum Asiaten und Amerikaner führend sind. Wer seit Jahrzehnten auf Gasheizungen spezialisiert ist, bekommt da einfach Schwierigkeiten.
  • Der Fall Viessmann zeigt auch, dass sich Familienunternehmen mitunter schwer damit tun, neue Technologien schnell zu skalieren. Das ist gerade in Osteuropa zu besichtigen, wo alle Hersteller neue Wärmepumpenwerke hochziehen. Der Unterschied: Die Fabriken der Asiaten produzieren dreimal so viele Geräte wie die der Deutschen.
  • Grund für das Skalierungsproblem der Deutschen ist auch das fehlende Geld, das sich zum Beispiel US-Firmen oft über die Börse besorgen. In Europa fehlt diese Kultur – zudem sind die Bewertungen niedriger. Viessmann hat diese Option bis Februar zwar verfolgt, den Schritt dann aber verworfen, wie Handelsblatt-Recherchen zeigen.
  • Auch mit Kooperationen tun sich Mittelständler in Deutschland schwer. Offenbar hatte Viessmann immer wieder versucht, andere Hersteller für eine Zusammenarbeit zu gewinnen, erfuhr das Handelsblatt. Doch die anderen machten dicht. Jeder wollte nur seine Technologie schützen. Auch Vorstöße zur Übernahme von Wettbewerbern in Europa scheiterten.

Blickt man aus der Perspektive der Familie auf den Deal, hätte es für den Verlauf übrigens keinen besseren Zeitpunkt geben können. Der Bedarf nach Wärmepumpen ist (auch politisch getrieben) riesig, das Angebot immer noch viel zu klein – eine Lücke, die mächtige, internationale Player füllen wollen. Dieser Marktzugang ist ihnen Milliarden wert. Noch.

Foto: dpa

Bleibt die Frage, was die Familie mit dem Geld nun anstellen wird. Max Viessmann interessiert sich seit Jahren für junge Technologiefirmen, er ist bestens in der Berliner und Münchner Start-up-Szene vernetzt, ist dort als Ratgeber und Mentor geschätzt. Und wer weiß, vielleicht wird ein Teil des Milliarden-Erlöses die Basis eines neuen Fonds, der in junge Tech-Firmen investiert, denen dann das Skalieren von neuen Technologien besser gelingt als Viessmann selbst.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1: Seit Monaten spaltet eine Frage die Länder der Europäischen Union: Wie lässt sich der EU-Stabilitätspakt reformieren, an den sich ohnehin schon niemand mehr hält? Sie erinnern sich: Es geht um die Regeln zur Neuverschuldung der Euro-Länder. Am Mittwoch legte die EU-Kommission den lang erwarteten Gesetzentwurf vor. Die Regeln sollen demnach flexibler werden. Bundesfinanzminister Christian Lindner ist dagegen. Er fordert verbindliche Mindestvorgaben. Er findet die Regeln zu lasch. Er weiß genau, dass die EU in den vergangenen 20 Jahren bei Verstößen nicht ein einziges EU-Land sanktioniert hat, obwohl es klare Regeln gibt. Sie hat einfach immer neue Ausnahmen erfunden. Ausgerechnet diese Kommission soll nun mit jedem Land Schulden-Abbaupläne entwickeln? Na dann.

2: Reporterinnen und Reporter unseres Unternehmensressorts recherchieren nicht nur hinter den Kulissen der wichtigsten Unternehmen. Sie analysieren regelmäßig auch die Bilanzen der Konzerne. Denn die verraten mitunter mehr als die Führungskräfte der Unternehmen in langen Interviews. Diese Woche war zunächst Bayer dran, und der Handelsblatt-Bilanzcheck zeigte sehr eindrucksvoll, wie groß der Druck ist, der auf dem neuen Chef lastet. Dann noch BASF, wo der Druck nicht kleiner ist – auch durch das enorme China-Risiko. Und dann ist da noch Merck, der erfolgsverwöhnte Chemie- und Pharma-Riese, der massiv investieren muss, um seine Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahre fortsetzen zu können.

3: Ich komme gerade aus einer Redaktionskonferenz, in der wir die Berichterstattung rund um Künstliche Intelligenz für die nächsten Monate besprochen haben. Es wird dabei auch um die ganz großen Fragen gehen: Die Zukunft des Arbeitsmarktes, das Bewusstsein von Maschinen – und die Transformation, die Unternehmen jetzt schon spüren. Aber wir nähern uns dem Mega-Thema KI auch ganz praktisch. Mein Kollege Stephan Scheuer etwa zeigt hier zum Beispiel, mit welchen Anwendungen die Revolution heute schon in Softwareentwicklung, Marketing und im Bildungssystem beginnt.

4: Das Thema hat auch die vergangene Woche beherrscht. Während die großen Tech-Konzerne ihre überraschend guten Zahlen präsentierten, beschäftigten sich die Analysten vor allem mit der Frage, wie viele Minuten die Tech-CEOs über KI sprachen. Hier ist mir vor allem der Facebook-Mutterkonzern Meta aufgefallen – mit einem bemerkenswerten Ansatz: Während Google, Microsoft und Amazon ihre Algorithmen geheim halten, will Meta seine KI-Infrastruktur offenlegen. Dahinter steht eine der spannendsten Debatten der Gegenwart: Sollten die Algorithmen nach dem Open Source Prinzip offen sein? Oder droht dann erst recht der Missbrauch dieser so mächtigen Technologie?

5: Bei unserem Luftfahrt-Reporter Jens Koenen häufen sich die Beschwerden. Wenn er über die Lufthansa schreibt, dann melden sich Dutzende frustrierte Kunden. Sie klagen über eigentlich alles. Verspätungen. Miesen Service. Und Probleme bei der Buchung. Das war für uns der Anlass den „verratenen Passagier“ auf unseren Titel zu heben. Denn wirtschaftlich läuft es ziemlich gut für den Konzern. In ihrer Geschichte hatte die Lufthansa nur in sieben Jahren einen höheren Betriebsgewinn. Nun will das Unternehmen mit der Übernahme der italienischen Airline ITA und demnächst vielleicht der portugiesischen Fluggesellschaft Tap weiter wachsen, was die Komplexität noch vergrößern dürfte. Im großen Wochenend-Report zeichnet Jens Koenen das Bild eines überforderten Konzerns, der zwar finanziell erfolgreich ist, dafür aber bei den Kunden immer öfter durchfällt.

6: Das Chaos auf dem deutschen Wohnungsmarkt ist ein Chaos mit Ansage – verursacht von der Politik. Aber wie gehen eigentlich andere Länder mit der Wohnungsknappheit um? Dafür haben wir Handelsblatt-Korrespondinnen und Korrespondenten in ganz Europa losgeschickt, um die verschiedenen Ansätze zu analysieren. Und so viel vorab: Mit Markt haben viele dieser Strategien wenig zu tun. Umso mehr mit drakonischen Strafen für die Eigentümer.

7: Sie ist zweifellos eine der interessantesten Figuren im politischen Berlin: Franziska Brantner. Die Grünen-Politikerin ist parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, und sie hat die Rolle in gewisser Weise neu erfunden, schreibt mein Kollege Julian Olk in einem Porträt über die „heimliche Ministerin“. Brantner versteht sich dabei nicht bloß als Repräsentantin, sie ist mittendrin in den operativen Themen des Ministeriums. Brantner führt Verhandlungen, intern, extern, national, international. Treibt Strategien im Haus voran, ist für entscheidende Themen von Habecks politischer Agenda verantwortlich. Von dieser Frau werden wir noch viel hören.

Foto: Imago (3)

8: Am Dienstag kündigte US-Präsident Joe Biden an, bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr für eine weitere Amtszeit antreten zu wollen. Jede Generation habe einen Moment, in dem sie für Demokratie und Freiheit einstehen müsse. „Ich glaube, dies ist unserer“, schrieb Biden auf Twitter. Welche Chancen er hat, woran er scheitern könnte und inwiefern wirtschaftliche Entwicklungen die Wahl beeinflussen, beschreibt US-Korrespondentin Annett Meiritz.

9: Seit wenigen Tagen ist Indien nun das größte Land der Erde. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich dort zum ersten Mal ankam. Auf dem alten Flughafen von Bombay, wie Mumbai damals noch genannt wurde. Im Februar 2001 war das, mitten in der Nacht. Und ich hatte keine Ahnung, auf was ich mich einließ. Doch mich zog das Land sofort in seinen Bann. Die Jahrtausende alte Kultur, die Menschen, das Essen, die unglaublichen Landschaften – und, ja, auch das Chaos.

Ich bin in den Jahren danach immer wieder dort gewesen. Erst als Tourist, habe mit dem Rucksack große Teile des Hinterlandes erkundet, von Kerala bis Kashmir. Für meine Diplomarbeit habe ich dann sechs Monate quer durchs ganze Land recherchiert. Und auch als junger Reporter bin ich später häufig nach Indien gereist, um über den immer wieder stockenden Aufstieg zu schreiben. Nun hat Indien China bei der Bevölkerungszahl überholt.

Unter Premierminister Modi könnte Indien zur neuen Wirtschaftssupermacht heranwachsen.

Foto: Handelsblatt

Aus diesem Anlass hier noch einmal der Lesetipp für die großartige Titelgeschichte unseres Asienreporters Mathias Peer, der in Indien wochenlang recherchiert hat, falls Sie in der Osterzeit im Urlaub waren und die Geschichte verpasst haben. Er hat Unternehmer getroffen, Expats gesprochen - und einige der wichtigsten Wirtschaftszentren besucht, die ich teils zuletzt vor 20 Jahren gesehen habe. Herausgekommen ist ein höchst lesenswertes Porträt eines Landes, dass seinen eigenen Aufstieg eigentlich nur noch selbst aufhalten kann.

Ihnen allen ein schönes Wochenende.

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Herzlichst
Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt

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