Morning Briefing Plus – Die Woche: Sichere Rente: Der Wochenrückblick der Vize-Chefredakteurin
Guten Morgen allerseits,
16 Jahre lang war Norbert Blüm unter Kanzler Helmut Kohl Minister für Arbeit und Soziales. Nichts ist wohl so von seinem politischen Schaffen in Erinnerung geblieben, wie die Aussage „Denn eins ist sicher: Die Rente.“
Im April 1986 plakatierte Blüm sie eigenhändig auf eine Litfaßsäule in Bonn. Das Versprechen, das damals auf Tausenden Plakaten in Deutschland prangte, sollte ihn sein Leben lang begleiten – auch wenn er es später widerrufen musste.
Später widerrief der Politiker seine Aussage.
Foto: dpaUnd so fiel uns beim Brainstorming zum Cover für den aktuellen Wochenendtitel auch direkt Blüms Vermächtnis und der 1,64 Meter große Mann im Kittel auf der Leiter ein. Unser Chefreporter Geldanlage, Markus Hinterberger, analysiert dieses Mal nämlich unter anderem detailliert, was Sie tun müssen, damit Ihre Rente wirklich sicher ist.
Wie geht es nach so einem Brainstorming weiter, bei dem das Führungsteam, unser Textchef, Autorinnen und Autoren und viele mehr jede Woche Ideen für die Titelstories im Handelsblatt (zum Teil schon Wochen im Voraus) entwickeln? Unser Art Director Michel Becker, der natürlich auch immer dabei ist, und sich mit viel Kopf und Kreativität – und großer Gelassenheit – der Wochenend-Cover annimmt, sortiert alles und entwirft erste Vorschläge für das Titelbild zur nächsten großen Geschichte.
Dann überlegt er, welche von den Illustratorinnen und Illustratoren auf der Welt, mit denen wir zusammenarbeiten und die zum Beispiel auch für den „Economist“ oder das „Time Magazine“ zeichnen, die Besten für das Cover sein könnten – und gibt die Ideen an sie raus. Die Kreativ-Profis entwickeln unsere Vorschläge weiter und bringen eigene Entwürfe ein.
Liegen die Cover vor, schließt sich die Diskussion an. Michel schickt das Paket in die Runde mit der gleichsam formlosen wie fordernden Bitte um Feedback: „Was meint Ihr?“.
Es folgen viele Mails, noch mehr Gespräche und Telefonate, manchmal Grüppchenbildungen (auch kleinere Verschwörungen) und überfallartige Tests mit Kolleginnen und Kollegen im Newsroom: „Sagt, welches findet Ihr besser? Nicht lang nachdenken!“
Danach gilt es, all den mehr oder minder greifbaren Input in die Entwürfe einfließen zu lassen. Es wird dann eine Weile still – um den Kollegen Michel und auf den diversen Kanälen – bis ein Best-of steht. Das sah beim unserem aktuellen Wochenendtitel so aus.
Sobald die Cover-Vorschläge vorliegen, wird diskutiert.
Foto: HandelsblattSchließlich kommt es zum Showdown. Hier ein paar Auszüge:
- „Ich finde Blüm klasse, ist aber wahrscheinlich auch eine Altersfrage. Aber wenn Blüm: Ich überlese immer das ‚ist‘.“
- „Mir gefällt Variante zwei am besten – die reine Typo-Lösung, die man auch kapiert, wenn man Blüm nicht kennt.“
- „Die Typo-Lösung ist mir gefühlt zu laut. Sieht fast aus wie BILD.“
- „Aus meiner Sicht ist Blüm eine gute Idee. Sieht auch cool aus. Aber man versteht es nicht auf den ersten Blick. Ich habe gerade den Test gemacht. Vielleicht doch lieber der Liegestuhl.“
- „Wenn Norbert nicht mehr zu halten sein sollte, leg ich mich auf den Liegestuhl.“
- „Ich würde auch auf den Liegestuhl setzen, irgendwie passt das doch jetzt gut zum sonnigen Wochenende.“
Die Entscheidung, welches Cover es am Ende wird, trifft die Chefredaktion. Wir diskutieren vorher aber auch gerne nochmal untereinander. In dieser Woche ist es tatsächlich der Liegestuhl geworden – und Team Blüm in der Chefredaktion, zu dem auch ich gehörte, obwohl ich 1986 erst fünf Jahre alt war, gab sich überzeugt.
Immer mehr Menschen werden auch jenseits des Rentenalters arbeiten müssen, um ihren Lebensstandard zu sichern.
Foto: Getty Images [M]Um die Zeile auf dem Titelbild haben wir bis zur letzten Minute vor Andruck gerungen, wie fast immer. Dann wird es kuschelig um den Kollegen Michel, weil alle um ihn herumstehen, auf seinen Monitor starren und einzelne Wörter abwägen. Bis unser Chefredakteur Sebastian Matthes aufschaut und fragt „Jetzt haben wir’s, oder?“ und alle zufrieden nicken und an ihren Schreibtisch zurückgehen – ein bisschen erschöpft, aber glücklich.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1: Es sind historische Strafen, die die Abschlussprüferaufsichtsstelle, kurz Apas, im Zusammenhang mit dem Wirecard-Skandal gegen EY verhängt hat. Der Wirtschaftsprüfer darf in Deutschland zwei Jahre lang keine neuen Prüfungsmandate bei Unternehmen von öffentlichem Interesse übernehmen. Dazu zählen alle börsennotierten Firmen. Dazu kommt eine Geldstrafe in Höhe von 500.000 Euro. Die Apas bestätigte Anfang dieser Woche entsprechende Informationen des Handelsblatts.
Das zweijährige Wettbewerbsverbot ist für EY schmerzhaft. Lange galt EY als erfolgreicher Angreifer im Prüfungsgeschäft und hatte sich im Dax bis 2022 einen Marktanteil von 30 Prozent erarbeitet, wie die Grafik zeigt. Nun wird die Gesellschaft im kommenden Jahr noch weitere zwei Mandate rotationsbedingt abgeben müssen und kann vorerst keine neuen Mandanten gewinnen. Damit wird sich der Marktanteil halbieren.
2: In dieser Woche gab es gleich zwei spannende Hauptversammlungen in der Schweiz, die dort Generalversammlungen heißen: Als erste war die Credit Suisse am Dienstag mit ihrem letzten Aktionärstreffen in der 167-jährigen Geschichte der Bank dran. Es wurde die erwartete Abrechnung.
Einen Tag später folgte die UBS. Nach der Notübernahme des „Schnäppchens“ Credit Suisse dürfte die Bank in diesem Jahr einen rekordhohen Bilanzgewinn ausweisen. Das liegt an einer äußerst seltenen Position in den Büchern, dem sogenannten Badwill. Was es damit auf sich hat, das erklären wir Ihnen in unserer UBS-Analyse.
3: Das Ministertreffen des Ölkartells Opec plus stand erst für Montag auf dem Programm. Aber nicht nur deshalb kam die am Sonntagnachmittag verkündete Kürzung der Fördermengen um 1,7 Millionen Barrel am Tag überraschend. Sondern auch, weil die große Mehrheit der Experten erwartet hatte, dass das Kartell die Menge unverändert lässt.
„Es ist nicht übertrieben, von einem Schock für die Märkte zu sprechen“, schreibt unser Ressortleiter Finanzen, Michael Maisch, in seinem Kommentar. Die Kürzung sende eine ebenso klare wie für den Westen unangenehme Botschaft: „Die Opec wird ein Abrutschen des Ölpreises nicht dulden.“
4: Sie setzen in der Chinapolitik immer wieder unterschiedliche Akzente, sind jetzt aber zusammen nach Peking gereist. Die Rede ist von Ursula von der Leyen und Emmanuel Macron.
Während Frankreichs Präsident mit einer großen Wirtschaftsdelegation anrückte und Dutzende Verträge im Gepäck hatte, traf sich die EU-Kommissionschefin mit Vertreterinnen und Vertretern der europäischen Wirtschaft vor Ort, um sich von Problemen berichten zu lassen. Verhandlungsexperten sprechen von der „Good Cop, Bad Cop“-Taktik.
Die erhofften Zugeständnisse von Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping in puncto Ukraine bekamen beide nicht. Xi soll lediglich seine Bereitschaft erklärt haben, mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski zu telefonieren, wenn „Zeit und Umstände passen“.
Frankreichs Präsident und die EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen reisen für Gespräche mit Xi nach China.
Foto: IMAGO/PanoramiC5: Jens Ehrhardt arbeitet seit über einem halben Jahrhundert als Analyst und Fondsmanager. Trotz der jüngsten Turbulenzen rund um die Banken sieht der 81-Jährige die Aktienmärkte auf gutem Kurs. Durch den Anstieg des Dax auf ein neues Jahreshoch von 15.736 Punkten wurde Ehrhardt am Dienstag bestätigt, befürchtet allerdings, dass es im Mai vorbei sein dürfte mit der guten Stimmung an den Börsen, wie er uns im Interview sagte.
6: Die Zinswende der Notenbanken sorgt für Verwerfungen an Europas Immobilienmärkten. Schnell steigende Hypothekenzinsen in Kombination mit hoher Inflation und sinkenden Preisen für Wohnungen und Häuser überfordern immer mehr Immobilienbesitzer quer über den Kontinent. Das berichten unsere Korrespondentinnen und Korrespondenten.
Das liegt auch daran, dass in Ländern wie Schweden, Portugal und Polen die Zahl der Haushalte mit einem variablen Zinssatz für neue Hypotheken zu den höchsten in Europa zählt. Deswegen fordert mein Kollege Julian Trauthig in seinem Kommentar: „Schützt die Eigenheimbesitzer vor variablen Zinsen!“
Und er beschreibt, was Sie tun sollten, wenn der günstige Immobilienkredit ausläuft und die Anschlussfinanzierung ansteht.
Auch der Markt für Gewerbeimmobilien steht gerade im Fokus. Die Europäische Zentralbank weist in einem Report auf die Gefahren für die Finanzstabilität aus diesem Bereich hin. Konkret sieht die EZB Probleme bei Investmentfonds, die in Gewerbeimmobilien in Europa investiert sind. Warum, das lesen Sie in unserem Bericht.
7: Bundesfinanzminister Christian Lindner will den Start-up-Standort Deutschland stärken. Es geht um einen deutlich höheren Steuerfreibetrag, wenn junge Firmen ihre Mitarbeiter am Unternehmen beteiligen, aber auch um die Reform der viel kritisierten „Dry Income“-Besteuerung. Und: Von allen Vorteilen sollen künftig deutlich mehr Start-ups profitieren, da die Grenzen für die Zahl der Mitarbeiter, Alter und Umsatz der Firmen angehoben werden.
8: Während die Start-up-Szene Lindner für seinen Gesetzentwurf lobt, sitzt der Frust bei SPD und Grünen über den FDP-Chef tief. Denn wenn der Finanzminister „Nein“ zu höheren Ausgaben sagt, was er momentan konsequent tut, können die Koalitionspartner wenig ausrichten. Lindner stützt sich dabei auf neue Zahlen aus seinem Haus, die das Handelsblatt im Steuerfakten-Check analysiert hat – mit interessanten Erkenntnissen.
9: Was war das für ein skurriles Spektakel am Dienstag in New York. Donald Trump musste vor Gericht erscheinen, denn der Ex-US-Präsidenten ist in 34 Punkten angeklagt. Es geht um Unterlagenfälschung im Zusammenhang mit Schweigegeldzahlungen an die ehemalige Porno-Darstellerin Stormy Daniels. Trump plädiert, wer hätte das gedacht, auf „nicht schuldig“.
Nur wenige Stunden später wetterte der 76-Jährige in seinem Golfklub in Mar-a-Lago, Florida, die Anklage gegen ihn sei eine „massive Wahlbeeinflussung“. Den nächsten Gerichtstermin hat Richter Juan Merchan für den 4. Dezember angesetzt. Viel Zeit also, damit wir uns alle wieder etwas beruhigen können. Besser ist das.
Ich wünsche Ihnen schöne Ostern und ein paar geruhsame Feiertage mit Liegestuhl-Wetter!
Herzliche Grüße
Ihre
Kirsten Ludowig
Stellvertretende Chefredakteurin Handelsblatt
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