Morning Briefing: Urteil aufgehoben – kommt Filmproduzent Weinstein jetzt auf freien Fuß?
Überraschender Freispruch: Urteil gegen Harvey Weinstein aufgehoben
Liebe Leserinnen und Leser,
Erstens: Ein Bundeskanzler, insbesondere ein sozialdemokratischer, wird nicht gewählt, um Arbeitgeberverbänden nach dem Munde zu reden.
Zweitens: Es soll tatsächlich schon vorgekommen sein, dass Unternehmenslobbyisten ihr Klagelied anstimmen, um Subventionen abzugreifen.
Drittens: Nur weil jemand Volkswirt ist, hat er nicht automatisch recht (auch wenn es mir selbst bisweilen schwer fällt, das zu glauben). Diese drei Prämissen waren unseren Reportern durchaus bewusst, als sie sich an die Recherche über das zunehmend zerrüttete Verhältnis zwischen Olaf Scholz und „der Wirtschaft“ gemacht haben, konkret zu Topmanagern, Unternehmern und Verbänden sowie ökonomischen Expertinnen und Experten.
Exemplarisch ablesen lässt sich die Entfremdung an den öffentlichen Scharmützeln zwischen Scholz und Siegfried Russwurm, dem Präsidenten des Industrieverbands BDI. Anfang April attackiert Russwurm Scholz: Anders als Robert Habeck und Christian Lindner höre der Kanzler der Wirtschaft nicht zu. Deutschland habe „zwei verlorene Jahre“ hinter sich.
Bei der Eröffnung der Hannnover Messe kontert Scholz: „Wenn Sie mich fragen, lieber Herr Russwurm, dann waren das zwei Turnaround-Jahre“, und schiebt hinterher: „Kleine Bitte: Lassen Sie uns den Wirtschaftsstandort Deutschland stark machen und nicht schlechtreden.“
Am Tag darauf die erneute Erwiderung: „Die Industrie befindet sich in einem besorgniserregenden Abwärtstrend“, so Russwurm: „Das ist keine Schwarzmalerei, das ist das Vorzeigen der Fakten.“ „Die Klage ist des Kaufmanns Lied“, sagt Scholz gerne und schnell schwingt bei ihm der Verdacht mit, dass beschwerdeführende Unternehmensvertreter vor allem staatliche Vergünstigungen herausholen wollen – etwa einen günstigeren Industriestrompreis.
Doch auch Mitglieder des Sachverständigenrats der „Wirtschaftsweisen“ fertigt Scholz recht brüsk ab, wenn sie auf Probleme etwa bei der künftigen Finanzierung der Renten hinweisen. Im Zweifel weiß es der Kanzler besser als seine ökonomischen Beraterinnen und Berater.
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass der Kanzler sich die bundesrepublikanische Welt malt, wie sie ihm gefällt: mit einer kleinen Wachstumsdelle wegen all der Probleme, die man von der Vorgängerregierung geerbt hat, aber einer ansonsten kerngesunden Unternehmenslandschaft.
Es war paradoxerweise der Grüne-Wirtschaftsminister Robert Habeck, der diesen Eindruck korrigiert und dem gescholtenen Russwurm beispringt. „Die Situation ist so anspruchsvoll, dass wir uns nicht zurücklehnen dürfen, sondern weiter hart arbeiten müssen“, so Habeck kürzlich: „Darauf haben, denke ich, Herr Russwurm und die Wirtschaft hingewiesen, und das sieht niemand in der Regierung anders.“
Beim Handelsblatt übrigens auch nicht.
Ein Gericht in New York hat die Verurteilung des ehemaligen Filmproduzenten Harvey Weinstein wegen Sexualverbrechen aufgehoben. Das Gericht gab am Donnerstag in einer überraschenden Entscheidung der Berufung des 72-Jährigen statt, weil der damalige Richter einen Fehler gemacht habe: Er habe die Staatsanwaltschaft Aussagen von Frauen einbringen lassen, die behaupteten, Weinstein habe sie angegriffen, obwohl sie nicht Teil der Anklage gewesen seien. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte gegenüber dem Magazin „The Daily Beast“, man werde „alles in unserer Macht Stehende tun, um diesen Fall erneut zu verhandeln“. Weinstein verbüßt derzeit eine jahrzehntelange Haftstrafe.
Der erste Weinstein-Prozess markierte einen Meilenstein der Rechtsgeschichte – auch deshalb, weil die ehemalige Hollywood-Größe vor allem auf Basis der Aussagen von Zeuginnen für schuldig befunden wurde, obwohl er selbst stets seine Unschuld beteuerte. Materielle Beweise spielten in dem Verfahren eine untergeordnete Rolle.
Die Google-Mutter Alphabet hat am Donnerstag die erste Dividende der Firmengeschichte in Höhe von 0,20 Dollar je Aktie angekündigt. Außerdem will der Internet-Konzern eigene Aktien im Volumen von 70 Milliarden Dollar zurückkaufen. Alphabet-Titel stiegen daraufhin im nachbörslichen US-Handel um fast 13 Prozent.
Das US-Militär hat vor der Küste des Gazastreifens mit dem Bau eines temporären Hafens zur Lieferung von Hilfsgütern begonnen. Pentagon-Sprecher Pat Ryder sagte gestern, realistischerweise solle der Hafen Anfang Mai einsatzfähig sein. Die US-Regierung hatte Anfang März angekündigt, das US-Militär wolle wegen der humanitären Notlage einen schwimmenden Pier vor der Küste errichten, an dem Handelsschiffe mit Hilfsgütern anlegen könnten.
Achtung, Triggerwarnung – wer sich ums Weltklima sorgt, könnte die folgende Meldung als belastend empfinden: Der europäische Flugzeugbauer Airbus fährt die Produktion seines Langstrecken-Modells A350 angesichts der hohen Nachfrage weiter nach oben. Bis 2028 sollen zwölf der Flugzeuge im Monat gebaut werden, wie Vorstandschef Guillaume Faury ankündigte. Bisher hatte Airbus sich eine Zielmarke von zehn A350 pro Monat bis 2026 gesetzt – schon das wäre eine Verdoppelung. Faury bekräftigte zudem das Ziel, die Produktion des kleineren A320neo bis 2026 auf 75 Flugzeuge im Monat hochzuschrauben. Branchenkreisen zufolge wären das etwa eineinhalb Mal so viele wie heute.
Auch im Inneren der Flugzeuge tut sich was: Die Lufthansa will ihren angekratzten Ruf als Premium-Airline mit 27.000 neuen Sitzen für Langstreckenflüge und besserem Service bereichern. Der erste Airbus A350 mit der neuen Kabinenausstattung soll am 1. Mai von München Richtung Vancouver abheben – ursprünglich hatte die Lufthansa den Start im vergangenen Jahr angepeilt.
Das Unternehmen zielt vor allem auf den Komfortanspruch von Passagieren, die Business oder Erste Klasse buchen. Neue Sitze mit etwas größerem Abstand gibt es aber auch für Economy-Passagiere. An der Bordverpflegung in der Economy-Klasse auf der Kurz- und Mittelstrecke wird laut Lufthansa-Chef Carsten Spohr ebenfalls gearbeitet:
Allerdings warnt Spohr vor zu hohen Erwartungen. Dem Handelsblatt sagte er:
Da seien selbst recht geringe Zusatzkosten für Catering spürbar.
Die klimafreundlichste Art der Weltreise ist – zumindest für Hamburgerinnen und Hamburger – eine Fahrraddtour in die Speicherstadt mit einem Besuch des Miniatur-Wunderlands. Drei Gründer und ihr Team bauen dort seit rund 20 Jahren an einer stetig weiter wuchernden Modelleisenbahn, die immer neue Teile der Erde nachbildet.
Gestern Abend eröffnete das monegassische Fürstenpaar Albert und Charlène mit ihren Kindern den Abschnitt Monaco, inklusive Formel-Eins-Rennen, Fürstenpalast, Casino und Yachthafen. Ob auch das deutlich weniger glamouröse jährliche Treffen der Rückversicherungsbranche in Monaco im Modell verewigt wurde, werde ich Ihnen nach meinem nächsten Besuch berichten. Im Miniatur-Wunderland versteht sich, nicht im echten Fürstentum. Ich wünsche Ihnen einen Wochenausklang ohne Großschäden.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens
PS: In dieser Woche haben wir Sie gefragt, wie sinnvoll das Anti-Tiktok-Gesetz ist. Eine Auswahl der Leserkommentare finden Sie hier.