Steuerschätzung: Deutlich weniger Einnahmen bis 2029 / Commerzbank: Orcel gegen Orlopp
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser!
Wer kennt das nicht: Kaum hat man sich Geld geliehen, wird es an anderer Stelle schon wieder knapp. Die Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden für die Jahre 2025 bis einschließlich 2029 werden insgesamt deutlich geringer ansteigen als bisher erwartet, erfuhr das Handelsblatt aus Regierungskreisen und dem Umfeld der Steuerschätzer.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) wird am Donnerstagnachmittag die neueste Steuerschätzung vorstellen. Darin wird voraussichtlich stehen, dass der Gesamtstaat bis 2029 einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag weniger einnehmen wird, als noch bei der Prognose im Herbst vorausgesagt. Das hat zwei Ursachen:
- Die Bundesregierung erwartet für 2025 eine Stagnation der Wirtschaftsleistung – es wäre das dritte Jahr in Folge mit Nullwachstum. In einer Wirtschaft, die nicht wächst, steigen auch die Steuereinnahmen nur langsam.
- Die rot-grüne Minderheitsregierung und die Union hatten sich im November darauf verständigt, inflationsbedingte Steuererhöhungen (die sogenannte „kalte Progression“) abzubauen und die Steuerfreibeträge anzuheben. Allein die Einnahmeausfälle aus diesen Maßnahmen belaufen sich auf gut 105 Milliarden Euro bis 2029.
Allerdings ist es für die Steuerschätzer dieses Jahr eine besondere Herausforderung, die Prognose zu erstellen. Denn obwohl die Wirtschaft schlecht läuft, sprudelten die Steuereinnahmen im ersten Quartal besonders üppig: Bund und Länder nahmen allein zwischen Januar und März 222 Milliarden Euro ein, das waren 11,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Selbst erfahrene Steuer- und Haushaltsexperten im Bundesfinanzministerium können sich nicht erklären, was die Gründe dafür sind.
Orcel gegen Orlopp
Unicredit-Chef Andrea Orcel verschärft kurz vor der Hauptversammlung der Commerzbank am Donnerstag den Ton im Übernahmekampf. In einem Statement von Orcel gegenüber dem Handelsblatt übte er scharfe Kritik an den Quartalszahlen der Commerzbank und damit auch an der Arbeit von Vorstandschefin Bettina Orlopp.
Unicredit sei zwar zufrieden, dass die Commerzbank im Februar einen neuen strategischen Plan vorgelegt habe und dass ihr Aktienkurs gestiegen sei, erklärte Orcel:
Die Commerzbank hatte ihren Gewinn im ersten Quartal um zwölf Prozent auf 834 Millionen Euro ausgebaut. Orcel bemängelt jedoch, dass der Gewinnanstieg allein auf Sondereffekte zurückzuführen sei. Rechne man die heraus, wäre der Gewinn der Commerzbank nicht um zwölf Prozent gestiegen, sondern um acht Prozent gesunken, erklärte Orcel.
Unicredit hat sich über Derivate mittlerweile Zugriff auf 28 Prozent der Anteile an der Commerzbank gesichert. Orcel würde Deutschlands zweitgrößte Privatbank am liebsten komplett übernehmen, während Orlopp für die Eigenständigkeit des 155 Jahre alten Geldhauses kämpft.
Bericht: Russische Wirtschaft marode
Die russische Wirtschaft befindet sich laut einem für die EU angefertigten Bericht in einem schlechteren Zustand, als die Regierung in Moskau einräumt. Trotz einer oberflächlichen Stabilität vertieften sich strukturelle Schwächen, hieß es in einer am Dienstag vorgestellten Analyse des Stockholm Institute of Transition Economics (Site). Ursache seien die Umstellung auf eine Kriegswirtschaft und die Auswirkungen westlicher Sanktionen. Der Bericht wurde als Hintergrundmaterial für die EU-Finanzminister angefertigt. Darin heißt es unter anderem:
Site-Direktor Torbjörn Becker äußert zudem Zweifel an der Zuverlässigkeit russischer Wirtschaftsdaten. Wenn die Inflation wirklich bei neun bis zehn Prozent liege, warum habe die Zentralbank dann einen Leitzins von 21 Prozent festgelegt, fragte er. Und gab selbst eine mögliche Antwort: Wenn man die Inflation offiziell zu niedrig ansetze, überschätze man die reale Wirtschaftsleistung.
Der Kreml würde die russische Wirtschaft mit dieser Methode größer erscheinen lassen, als sie tatsächlich ist. Naheliegend eigentlich für das Land, in dem man einst das Potemkinsche Dorf erfand.
Trump: Rubio reist nach Istanbul
Neues vom Blind Date des Jahres: US-Außenminister Marco Rubio wird laut Donald Trump an den möglichen Gesprächen zwischen der Ukraine und Russland in der Türkei teilnehmen. Der US-Präsident hatte zuvor seine eigene Teilnahme ebenfalls nicht ausgeschlossen.
Wolodymyr Selenskyj ist nach Angaben seiner Botschaft bereits auf dem Weg in die Türkei. Der ukrainische Präsident hatte erklärt, er werde zunächst in Ankara seinen türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdogan zu Gesprächen treffen und dann nach Istanbul weiterreisen. Dort will er am Donnerstag dem russischen Präsidenten Wladimir Putin begegnen – falls der denn auftaucht.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat Russland neue EU-Sanktionen angedroht, wenn es bis Ende der Woche keine Fortschritte bei den Verhandlungen mit der Ukraine gibt. Dann wolle Deutschland „gemeinsam auch auf europäischer Ebene für eine deutliche Verschärfung der Sanktionen eintreten“.
Airbnb vermietet jetzt auch Köche
Die Unterkünfte-Vermittlung Airbnb will stärker auf zusätzliche Serviceangebote setzen. So wird man sich über die App künftig zum Beispiel Fitnesstrainer oder professionelle Köche buchen können. „Hotels haben etwas, was wir nicht haben: Dienstleistungen“, sagte Airbnb-Chef Brian Chesky. Dieses Manko wolle Airbnb jetzt ausgleichen.
Das Angebot startet zunächst in 260 Städten mit zehn Kategorien. Unter dem Namen Airbnb Originals sollen zudem Erlebnisse mit den „interessantesten Leuten der Welt“ angeboten werden, sagte Chesky. Als Beispiel nennt Airbnb einen Besuch in Notre-Dame mit einer Architektin, die am Wiederaufbau der Pariser Kathedrale mitgearbeitet hat.
Die stille Krise der Baumärkte
Manchmal ist Wirtschaftsjournalismus am spannendsten, wenn er von Unternehmen und Marken handelt, die wir häufig nutzen, über die wir uns aber selten Gedanken machen. Baumärkte zum Beispiel. „Die Baumärkte haben gerade einige fette Jahre in der Coronazeit erlebt“, berichtet Philipp Hoog von der Handelsberatung BBE.
Übertüncht ... hihihi!
Inzwischen schrumpfen die Umsätze der Branche sogar. Lagen sie vor fünf Jahren nach Berechnungen des Handelsverbands noch bei 22,14 Milliarden Euro, betrugen sie im vergangenen Jahr nur noch 20,92 Milliarden. Hoog prognostiziert:
So wie die angeschlagene Baumarktkette Hellweg zum Beispiel. Wie unser Einzelhandelsexperte Florian Kolf erfuhr, wird Inhaber Markus Semer mindestens sieben weitere Filialen schließen. Zuvor hatte die Firma bereits das Aus für die Märkte in Hanau und Münster angekündigt.
Wenn ich in den Baumarkt gehe, handelt es sich meistens um eine Filiale von Bauhaus – einfach, weil sie in der Nähe liegt. Erst von Kollege Kolf habe ich erfahren, dass ich damit Kunde beim Marktführer bin. Jahrelang war Obi, heute mehrheitlich im Besitz der Tengelmann-Gruppe, nach Umsatz die Nummer eins der Branche. Doch im Geschäftsjahr 2023 zog Bauhaus an die Spitze – vor allem, weil das Unternehmen seine Flächenproduktivität in den vergangenen Jahren deutlich erhöhen konnte.
So erwirtschaftet Bauhaus, ein verschwiegenes Familienunternehmen mit Sitz in der Schweiz, einen Umsatz von mehr als 2300 Euro im Jahr pro Quadratmeter Verkaufsfläche. Das wird in der Branche nur noch übertroffen von Hornbach mit knapp 3000 Euro. Obi kommt dagegen nur auf etwa 1500 Euro pro Quadratmeter.
Echt der Hammer, was es über diese Branche alles Interessantes zu erfahren gibt!
Ich wünsche Ihnen einen malerischen Mittwoch.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens