Morning Briefing: „Unser Business-Development-Typ im Weißen Haus“
US-Schwäche, Europas Stärke: Gute Stimmung in der Tech-Branche
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser!
Die Stimmung am zweiten Tag der Handelsblatt Technology Experience Heilbronn (TECH) brachte gegen Abend der Wagniskapitalinvestor Tommy Oehl auf den Punkt. Er sprach von „unserem Business-Development-Typen im Weißen Haus“.
Während weite Teile der deutschen Industrie vor Donald Trumps nächster Zollkapriole zittern, hat sich in der hiesigen IT-Branche die Überzeugung durchgesetzt, dass die erratische Politik des US-Präsidenten gut fürs eigene Geschäft sein kann – und zwar in gleich dreifacher Hinsicht:
- Vom Schlagwort „Digitale Souveränitat“ erhoffen sich deutsche und europäische IT-Unternehmen zusätzliche Umsätze. So will die EU Rechenzentren für KI-Anwendungen mit Milliardensummen fördern. Und der neue Digitalminister Karsten Wildberger sagte auf der TECH: Für ihn sei es schwer verständlich, dass in Europa 75 Prozent aller Cloud-Daten in den Händen der sogenannten Hyperscaler seien – damit sind die drei größten Cloud-Anbieter Amazon, Microsoft und Google gemeint. Alle drei sitzen in den USA.
- Ausländische Studierende und auch Fachkräfte sind unter Trump nicht mehr ohne Weiteres in den USA willkommen. Die Harvard-Universität soll nach dem Willen der US-Regierung gar keine ausländischen Studierenden mehr annehmen dürfen. Europäische IT-Firmen und Universitäten hoffen dadurch auf einen unverhofften Vorteil im „War for Talent“ und auf Linderung des Fachkräftemangels.
- Und schließlich könnte Trumps „Liberation Day“, an dem er seine massiven Zollpläne verkündete, der deutschen Bundesregierung endgültig die Notwendigkeit von wachstumsfördernden Reformen vor Augen führen. In einer Befragung der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) unter 850 Vorständen und Geschäftsführern äußerten sich vor dem „Liberation Day“ am 2. April nur 39 Prozent der Topmanager optimistisch, dass Europa konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit ergreifen werde. Nach dem „Liberation Day“ waren es 71 Prozent.
Für Michael Brigl, Zentraleuropachef von BCG, war der 2. April „ein Wake-up-Call für mehr Geschlossenheit und Selbstbewusstsein“:
Der Konflikt zwischen den USA und seinen Handelspartnern wirke geschäftsfördernd, sagt auch der Mitgründer des wertvollsten deutschen Software-Start-ups Celonis, Bastian Nominacher: „Zum Beispiel werden unsere Lösungen zur Optimierung von Lieferketten seit Beginn des Zollstreits noch stärker nachgefragt.“
Reiche verspricht mehr Start-up-Förderung
Zur guten Laune der Tech-Branche trug bei, dass Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gestern in Heilbronn ankündigte, die Förderung aus ihrem Haus für junge Unternehmen verdoppeln zu wollen – unter anderem durch eine zügige Einführung des sogenannten Deutschlandfonds.
CDU/CSU und SPD hatten sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, einen Fonds mit mindestens zehn Milliarden Euro an Bundesmitteln einzurichten. Privates Investitionskapital soll diesen Deutschlandfonds dann auf insgesamt 100 Milliarden Euro Volumen hochhebeln.
Die Ausweitung der Innovations- und Start-up-Förderung muss Reiche allerdings noch durch die Haushaltsgespräche bringen.
Mir ist so viel Euphorie schon fast wieder unheimlich. Nur weil die USA sich ein Stück weit aus dem Rennen nehmen, heißt das noch lange nicht, dass Deutschland und Europa ihre unverhoffte Chance auch tatsächlich nutzen werden. Und mehr Start-up-Förderung kann keine wachstumsfördernden Strukturreformen ersetzen.
Das zumindest sieht auch Reiche so. „Es braucht natürlich strukturelle Reformen“, sagt sie.
SAP, Otto und Allianz für hartes Klimaziel
Rund 150 europäische Unternehmen und Investoren fordern, die Treibhausgasemissionen in der EU bis 2040 um mindestens 90 Prozent zu reduzieren. „Ein robustes Klimaziel und die Dekarbonisierung unserer Volkswirtschaften werden die Widerstandsfähigkeit der EU gegenüber Schocks, die Energiesicherheit und die Wettbewerbsfähigkeit verbessern“, schreiben die Firmen in einem offenen Brief an die EU-Institutionen. Zu den Unterzeichnern zählen unter anderem SAP, die Otto-Gruppe und die Allianz.
Hintergrund ist, dass es bislang nur zwei festgeschriebene Klimaschutzziele in der EU gibt:
- Die CO2-Emissionen sollen bis 2030 um 55 Prozent gegenüber 1990 sinken.
- Bis 2050 soll die EU klimaneutral werden – also nicht mehr Treibhausgase ausstoßen als wieder gebunden werden können.
Ein verbindliches Zwischenziel für 2040 gibt es bislang nicht.
Merz stimmt in Israel-Kritik ein
Nach den CDU-Außenpolitikern Johann Wadephul und Armin Laschet hat nun auch ihr Parteifreund Friedrich Merz seine Tonart gegenüber Israel deutlich verschärft. Der Bundeskanzler sagte: „Die Zivilbevölkerung derart in Mitleidenschaft zu nehmen, wie das in den letzten Tagen immer mehr der Fall gewesen ist, lässt sich nicht mehr mit einem Kampf gegen den Terrorismus der Hamas begründen.“ Deutschland müsse sich mit öffentlichen Ratschlägen an Israel so weit zurückhalten, wie kein zweites Land, aber:
Mehrere SPD-Abgeordnete forderten darüber hinaus einen Stopp der deutschen Waffenlieferungen an Israel. Ein Schritt, den die Union bislang ablehnt.
Deutschland hebt Reichweitenbeschränkung auf
Nicht nur in Sachen Israel hat Merz rhetorisch eine wichtige Linie überschritten. „Es gibt keinerlei Reichweitenbeschränkungen mehr für Waffen, die an die Ukraine geliefert worden sind, weder von den Briten, noch von den Franzosen, noch von uns, von den Amerikanern auch nicht“, sagte der Bundeskanzler auf einer Veranstaltung des WDR. Ob dies bedeutet, dass Deutschland weitreichende Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine liefert, wollte Merz nicht sagen. Anders als die Ampel-Koalition veröffentlicht die jetzige Bundesregierung ihre Waffenlieferungen an die Ukraine nicht mehr.
Vorfall in Liverpool kein Terroranschlag
Nachdem ein Auto in eine Menschenmenge in Liverpool gefahren ist, gehen die Ermittler derzeit nicht von einem Terroranschlag aus. Das sagte eine Vertreterin der Polizei. Das Auto war am Rande der Meisterfeier des FC Liverpool in die Menge gesteuert worden. Die Ermittler nahmen einen 53-jährigen Briten fest. Die Polizei suche nicht nach weiteren Personen.
Die Hintergründe des Vorfalls sind weiter unklar. 27 Menschen kamen nach Behördenangaben ins Krankenhaus. Mindestens zwei davon seien schwer verletzt.
Heidenheim siegt in Bundesliga-Relegation
Und ausnahmsweise noch eine Meldung vom Fußball: In einer dramatischen Schlussphase hat Heidenheim den Traum der SV Elversberg vom erstmaligen Aufstieg in die Fußball-Bundesliga platzen lassen. Heidenheim gewann durch ein Tor in der fünften Minute der Nachspielzeit das Relegationsrückspiel bei den Saarländern mit 2:1 und geht nach dem 2:2 im Hinspiel nun in seine dritte Saison in der Ersten Bundesliga.
Ich wünsche Ihnen einen Dienstag ohne Abstiegsangst.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens