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Morning BriefingWarum Trump Deutschland einen Gefallen getan haben könnte

Christian Rickens 07.04.2025 - 05:54 Uhr
Morning Briefing

US-Konjunktur: Rezession ist der neue Konsens / Rüstung und Infrastruktur: Problem Potenzialwachstum

07.04.2025
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser!

Die USA steuern im laufenden Jahr auf eine Rezession zu: Was noch in der vergangenen Woche als Extremszenario gegolten hätte, hat sich am Wochenende zur neuen Mainstream-Meinung unter Ökonominnen und Ökonomen entwickelt.

  • Michael Feroli, US-Chefvolkswirt von JP Morgan, schrieb am Freitag in einer Mitteilung an Kunden, er erwarte, dass das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den USA unter dem Einfluss der Zölle schrumpfen werde: „Für das Gesamtjahr erwarten wir nun ein reales BIP-Wachstum von minus 0,3 Prozent, nach zuvor 1,3 Prozent.“
  • Die deutsche Ökonomin und Wirtschaftsweise Ulrike Malmendier, die in Berkeley forscht und lehrt, sagte dem Handelsblatt, Trumps Politik sorge für enorme Unsicherheit. „Unternehmen investieren in einer solchen Lage nicht. Das ist Gift für die Wirtschaft und wird aus meiner Sicht der Hauptgrund dafür sein, dass die US-Wirtschaft eine Rezession erleben wird.“

Neue Nahrung erhielten die Rezessionsängste durch die harte Reaktion Chinas auf Trumps Zollankündigungen: Peking verhängte am Freitag unter anderem zusätzliche Zölle von 34 Prozent auf US-Einfuhren.

Und Europas Antwort? In Luxemburg kommen heute die Handelsministerinnen und -minister der 27 EU-Mitgliedstaaten zusammen, um sich über die Reaktion auf die Zölle auszutauschen. Voraussichtlich dürfte es auf erste gezielte Gegenmaßnahmen für US-Importe – von Zahnseide bis Diamanten – im Volumen von bis zu 28 Milliarden US-Dollar hinauslaufen.

Es ist schwer, Trumps Zollirrsinn irgendeinen positiven Aspekt abzugewinnen. Einen allerdings sehe ich. Die Schweizer Großbank UBS prophezeit durch die US-Zölle einen Rückgang des Wirtschaftswachstums in Europa um 0,5 bis einen Prozentpunkt. Der Rückgang der Exporte in die USA werde laut UBS zugleich die Preise in der Eurozone sinken lassen, was Spielraum für zusätzliche Zinssenkungen durch die Europäische Zentralbank schaffen könnte.

Der Bundestag hat eine Rekordsumme für Verteidigungsausgaben beschlossen. Foto: dpa

Was daran positiv sein soll? Wir erinnern uns: Der Bundestag hat eine erhebliche Ausweitung der Staatsausgaben beschlossen – 500 Milliarden Euro zusätzlich für Infrastruktur und Klimaschutz. Hinzu kommen sollen drastisch steigende Verteidigungsausgaben. Beide Ausgabenpakete wirken wie ein schuldenfinanziertes Konjunkturprogramm, das die deutsche Volkswirtschaft in normalen Zeiten schnell überfordern würde.

Der Hauptgrund: Das Potenzialwachstum in Deutschland beträgt laut Handelsblatt Research Institute lediglich noch 0,5 Prozent und könnte sich Prognosen des Sachverständigenrats zufolge bis zum Ende des Jahrzehnts auf 0,4 bis 0,3 Prozent pro Jahr verringern. Hauptursachen: schleppende Produktivitätsfortschritte und ein sinkendes Arbeitsvolumen.

Traurig, aber wahr: Dauerhaft höhere Wachstumsraten als ein halbes Prozent pro Jahr könnte die deutsche Volkswirtschaft im derzeitigen Zustand gar nicht mehr verkraften. Die Preise würden steigen, die Konjunktur liefe heiß.

Der Wachstumsdämpfer, den Trump uns nun verpasst, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die künftige Regierungskoalition ihre Ausgabenpläne umsetzen kann, ohne die Grenze des Potenzialwachstums zu überschreiten und die Inflation nach oben zu treiben.

Zugegeben: Aus der Sicht der vielen exportorientierten deutschen Unternehmen, denen gerade das US-Geschäft wegzubrechen droht, ist das ein schwacher Trost.

Zu den deutschen Konzernen, die in den vergangenen Jahren sehr gute Geschäfte in den USA gemacht haben, gehört die Deutsche Telekom. Die US-Tochter T-Mobile steuerte 2024 einen so großen Beitrag zum Umsatz und zum Gewinn des Gesamtkonzerns bei wie nie zuvor. Rund zwei Drittel des Umsatzes und zwei Drittel des Betriebsgewinns entfallen auf T-Mobile.

An der positiven Entwicklung will Konzernchef Tim Höttges auch die Aktionäre beteiligen. Bei der Hauptversammlung am 9. April in Bonn soll eine Dividende von 90 Cent je Aktie beschlossen werden. „Die höchste Dividende in der Geschichte der Telekom“, so Höttges.

Was uns direkt zu einem Makel in der Erfolgsbilanz der Telekom führt. „Die Deutsche Telekom ist der am höchsten verschuldete Konzern in Deutschland“, analysiert mein Kollege Stephan Scheuer. 2024 stieg die Summe der Nettofinanzverbindlichkeiten auf 137,3 Milliarden Euro (siehe Grafik). Ursache sind nicht etwa besonders hohe Investitionen – die waren bei der Telekom zuletzt rückläufig. Als Gründe für die höheren Schulden nennt die Telekom vielmehr Aktienrückkaufprogramme, Wechselkurseffekte sowie – Sie ahnen es – Dividendenausschüttungen.

Wir bleiben beim Thema Geld verteilen, das man eigentlich gar nicht hat: Die Tarifparteien im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen haben sich auf einen Abschluss verständigt. Die mehr als 2,5 Millionen Beschäftigten sollen ab dem 1. April eine lineare Erhöhung von drei Prozent erhalten. Ab 1. Mai 2026 soll eine weitere Erhöhung um 2,8 Prozent folgen. Für die Beschäftigten der Länder wird im Herbst gesondert verhandelt.

Teil des Einigungspakets sind auch flexiblere Regelungen zu Arbeitszeiten. Ab 2027 soll es einen zusätzlichen Urlaubstag geben. Zudem wird es für die meisten Beschäftigten möglich sein, Teile des 13. Monatsgehalts in bis zu drei freie Tage umzuwandeln.

Verkündung der Einigung in Potsdam (v.l.n.r.): Beamtenbund-Vizebundesvorsitzender Volker Geyer, die geschäftsführende Bundesinnenministerin Nancy Faeser, Verdi-Chef Frank Werneke und Karin Welge, Verhandlungsführerin der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA). Foto: Michael Bahlo/dpa

Weniger Arbeiten für mehr Geld also. Ich wage mal die Prognose: Dieser Tarifabschluss wird am mauen Potenzialwachstum in Deutschland nichts zum Besseren ändern.

Unser Finanzpolitik-Reporter Martin Greive sieht vor allem einen Faktor, der die deutsche Volkswirtschaft zunehmend lähmt: Die stetig steigenden Sozialabgaben. Greive:

Der Beitragssatz liegt jetzt bei 42 Prozent, könnte nächstes Jahr auf 43, übernächstes Jahr auf 44 und dann Richtung 50 Prozent steigen.

Seine Forderung: Statt sich ritualisierte Kämpfe um den Spitzensteuersatz zu liefern, sollten Union und SPD ihre Energie lieber darauf verwenden, den Anstieg der Sozialabgaben zu begrenzen.

Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, geht die anglikanische Kirchengemeinde St. Peter im nordenglischen Shipley neue Wege, um mehr Menschen für den Kirchgang zu begeistern: Die Gemeinde stellt ihr Gotteshaus als Austragungsort für Wrestling-Kämpfe zur Verfügung. Die Idee dazu stammt vom 37-jährigen Wrestler Gareth Thompson, für den die geskripteten Kämpfe viel mit der christlichen Botschaft gemein haben:

Als ich Christ wurde, begann ich, die Welt des Wrestlings durch eine christliche Brille zu sehen. Ich begann David und Goliath zu sehen. Ich begann, Kain und Abel zu sehen.

Ein Kampfabend in der Kirche zog laut AP knapp 200 Besucherinnen und Besucher an. Es stellt sich die naheliegende Frage, ob auch andere Institutionen mit Akzeptanzproblemen ihre Popularität durch Wrestling-Events steigern könnten.

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Würden zum Beispiel regelmäßige Fightnights im Willy-Brandt-Haus den schwindenden Zuspruch für die deutsche Sozialdemokratie lindern? Wo andere Kain und Abel sehen, ist der gedankliche Weg zu den Rivalen Lars Klingbeil und Boris Pistorius schließlich nicht weit.

Mit diesem Morning Briefing melde ich mich zurück zum Dienst. Ich freue mich darauf, Sie nun wieder allmorgendlich in den Tag zu begleiten, und wünsche Ihnen einen friedlichen Wochenauftakt.

Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens

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