Dacia Duster im Autotest: Alles eine Frage des Anspruchs
Alleine im vergangenen Jahr fanden 13.000 Duster in Deutschland einen Abnehmer.
Foto: Sebastian SchaalDüsseldorf. „Geht ja gar nicht!“, rufen die einen und drehen sich weg. „Interessant. Was kostet der denn?“, fragen die anderen und schauen sich dieses Auto genauer an. Das war 2010, als Dacia mit dem Duster einen wahren Preisbrecher in das modische SUV-Becken warf. Der Wagen mit viel schwarzem Plastik außenrum polarisierte, die rumänische Renault-Tochter legte in der Werbung nochmals ordentlich nach.
Der Slogan „Das Anti-Statussysmbol-Auto“ war eine selbstbewusste Spitze gegen die Konkurrenz, traf aber ganz offensichtlich den Nerv der Autokäufer: 400.000 verkaufte Duster in vier Jahren können nicht irren.
Doch auch im preisbewussten Segment gilt der alte Spruch von Stillstand und Rückschritt, deshalb hat Dacia seinem einzigen Allrad-Modell nach vier Jahren Bauzeit eine kleine Schönheitskur gegönnt – und sich dabei von dem einstigen Leitspruch etwas entfernt.
Es ist wirklich Chrom im neuen Waben-Kühlergrill, der uns da entgegenglänzt. Auch das modern und fesch gestaltete Innenleben der Scheinwerfer zeigt, dass sich hier jemand Gedanken um den optischen Auftritt des Dusters gemacht hat. Nach dem vollkommen pragmatischen Anti-Statussymbol-Auto, das nur fahren können musste, sieht das nicht mehr aus.
Nicht umsonst hat Dacia den Werbeslogan geändert, jetzt ist von „Deutschlands günstigstem SUV“ die Rede. Der Grundpreis von 10.490 Euro schlägt sogar noch den russischen Beitrag Lada Taiga (ab 11.250 Euro), wobei der Lada auch eher Geländewagen als SUV ist.
Zurück zum Duster. Nach der kleinen Überraschung an der Front wandern die Blicke an der Seite des Wagens entlang und entdecken einen weiteren Beleg dafür, dass der überarbeitete Duster doch etwas mehr auf sein Aussehen und seinen Status achtet: die neuen Seitenschweller. Die Anbau-Teile in Alu-Optik wirken geradezu sportlich, als wollten sie dem Duster ein paar Muskeln verleihen.
Schade nur, dass dieser optische Blender einen handfesten Nachteil bringt: An den ausladenden Schwellern streifen beim Ein- und Aussteigen gerne die Hosenbeine entlang – nicht gerade die sauberste Angelegenheit. Der Spruch „Wer schön sein will, muss leiden“ galt bislang eher wohl für Fahrer, die sich zum Flanieren in der Stadt in ihre brettharten und tiefen Sportwagen schlängeln mussten. Nun offenbar auch für die Piloten eines Dacia Dusters.
Der überarbeitete Duster achtet auf sein Äußeres. Ja, es gibt jetzt wirklich Chrom-Optik im Kühlergrill.
Foto: Sebastian SchaalSo ein unnötiger Schweller mag eine vernachlässigbare Kleinigkeit sein, doch sie ist eine von vielen Kleinigkeiten, die im Duster – speziell im Innenraum – auffallen. Was jetzt folgt, mag nach einer langen Mängelliste klingen. Doch bei jedem Detail kommt es auf den eigenen Anspruch an, ob man damit leben will oder nicht.
Dieser kleine Schriftzug am Heck und der Wählschalter im Innenraum sind die einzigen Hinweise auf den Allrad-Antrieb. Wirklich benötigt haben wir ihn in unserem Test nicht.
Foto: HandelsblattVor dem ersten Losfahren müssen die Außenspiegel eingestellt werden. Das geht im Duster ab Werk elektrisch. Nur leider ist das Einstell-Hebelchen in der Mittelkonsole unter dem Handbremshebel versteckt und nur mit Verrenkungen zu erreichen.
Ähnliches gilt für die Verstellung der Sitzlehne: Das Einstellrad sitzt nicht außen an der Lehne, sondern innen. Dort ist aber das 1,5 Liter große Ablagefach im Weg (Serie ab Ausstattung Lauréate), was wieder eine Verrenkung erfordert. Die anspruchsvolle Sicht: „Sowas geht ja gar nicht!“ Die pragmatische Sichtweise: „In meinem Privatauto stelle ich einmal den Sitz ein, und dann stört mich das nicht.“ Entscheiden Sie selbst.
Wenn mit mehr oder weniger großem sportlichem Aufwand Sitz und Spiegel eingestellt sind, offenbaren sich weitere Schwächen in der Bedienung: Zahlreiche Dreh- und Kippschalter, etwa für die Regelung des Allrad-Antriebs, den Tempomaten oder den Eco-Modus scheinen nicht da angebracht worden zu sein, wo es für den Fahrer besonders sinnvoll ist, sondern wo gerade Platz war.
Und das ist meist sehr tief, um nicht zu sagen fast schon im Fußraum. Immerhin: Die Schalter für die elektrischen Fensterheber sind im Zuge der Modellpflege von der Mittelkonsole in die Türen gewandert.
Solche kleine Schotter-Einlagen schafft der Duster auch ohne 4x4 – und ist dann um satte 1.900 Euro günstiger.
Foto: Sebastian SchaalAuch das Touchscreen-Navi (Serie in der Top-Ausstattung Prestige, 180 Euro Aufpreis bei Lauréate), das uns in anderen Dacia-Modellen wie dem Sandero oder dem Logan MCV nicht nur durch sein Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugte, ist im Duster Teil unserer Mängelliste: In dem SUV-Cockpit ist der berührungsempfindliche Bildschirm deutlich tiefer montiert als etwa im Logan. Da das Display nur einen begrenzten Blickwinkel hat, kann es der Fahrer nicht optimal ablesen, die Spiegelungen sind zu stark. Die einfache Menüführung ist allerdings nach wie vor ein großer Pluspunkt.
Viele Ablagen im Innenraum
Das Radio kann wahlweise über den Touchscreen oder den oft bemängelten und Renault-typischen Knubbel hinter dem Lenkrad bedient werden. Letzterer ist vor allem Gewöhnungssache, deshalb bleibt er in der Mängelliste außen vor.
Im Innenraum ist vieles aus anderen Dacia-Modellen bekannt. Im Duster summiert sich das allerdings zu einer erheblichen Liste an kleinen Mängeln.
Foto: Sebastian SchaalPositiv sind die zahlreichen Ablagen im Innenraum. Sie ahnen es schon, es folgt ein großes Aber: Die Cupholder vor dem Schalthebel sind nur für 0,33-Liter-Dosen oder einen Kaffeebecher zu gebrauchen. Wegen der ausladenden Mittelkonsole ist selbst eine gewöhnliche Halbliter-Flasche zu hoch. Das Ablagefach oben im Armaturenbrett ist zwar praktisch, aber mangels Deckel die ganze Zeit offen.
Ein Punkt, mit dem ich persönlich gar kein Problem habe: Dacia verbaut immer denselben Drehzahlmesser, egal ob Benziner oder Diesel. So reicht die Skala bis 7.000 Umdrehungen, bei dem von uns gefahrenen 110-PS-Selbstzünder ist aber schon bei 5.000 Schluss.
Schon eher stört da der mangelnde Seitenhalt und die sehr kurzen Sitzflächen der Bestuhlung. Allgemein sind Kurven und Seitenkräfte nicht die besten Freunde des Dusters. Während zahlreiche Vertreter dieser Fahrzeuggattung vor allem das „S“ in SUV betonen, könnte man hier den ersten Buchstaben ersatzlos streichen. Die Lenkung ist zu teigig, die Rückmeldung an den Fahrer zu indifferent, um hier von „Sport“ zu sprechen.
Der Kofferraum der Allrad-Version schluckt 440 Liter, bei den Modellen mit Frontantrieb sind es 475 Liter. Bei umgeklappter Rücksitzlehne werden daraus 1.631 Liter.
Foto: Sebastian SchaalDafür überzeugt das Fahrwerk mit seinem Komfort, die Federung dämpft die meisten Unebenheiten gelassen weg. So zeigt der Duster echte Reisequalitäten, auch die Fahrgeräusche halten sich für ein Auto dieser Preisklasse in Grenzen. Außerdem bietet er auch für Mitreisende auf der Rückbank ordentlich Platz, im Kofferraum lassen sich bis zu 440 Liter Gepäck verstauen.
Nur der Motor fühlt sich auf der Autobahn nicht ganz so wohl. Der Durchzug ist so zäh wie ein alter Kaugummi. Bei konstant gefahrenen 130 km/h schwankte der Verbrauch zwischen 7,8 und 8,3 Litern, je nach Steigung oder Gefälle – da hilft auch der lang übersetzte Spar-Gang des sechsstufigen Schaltgetriebes wenig.
Das können moderne Diesel-Direkteinspritzer deutlich besser als das von Renault zur Verfügung gestellte 1,5-Liter-Aggregat.
Wenn wir auf etwas bei dem Testwagen verzichten könnten, dann wäre es sicher der Allrad-Antrieb. So wie 95 Prozent der SUVs gefahren werden, ist er schlichtweg nicht nötig. Zudem macht auch der 4x4-Antrieb aus dem Dacia keinen waschechten Geländegänger: Das System im Duster kann maximal 50 Prozent der Antriebskraft an die Hinterräder weiterleiten, Differenzialsperren fehlen aber.
So taugt der Allrad für verschneite Hügel, matschige Feldwege und regennasse Wiesen, für mehr reichen Technik und Bodenfreiheit nicht aus.
Zumal sich der Verzicht auf den Allrad-Antrieb im wahrsten Sinne des Wortes auszahlt: Die 4x2-Variante des Duster 110 dCi steht mit stolzen 1.900 Euro weniger in der Liste als die 4x4-Version unseres Testwagens. Wenn schon sparen, dann auch konsequent.
Fazit
Der Duster überzeugt mit seinem Platzangebot, sowohl für die Passagiere als auch das Gepäck. Trotz des hohen Verbrauchs ist der 110-PS-Diesel empfehlenswert, zumal dann auch die Ausstattung wenig zu wünschen übrig lässt. Beim Duster gibt es nach wie vor sehr viel Auto für wenig Geld.
Nur leistet er sich bei dem Spagat zwischen einem sehr preiswert und dennoch anspruchsvollem Gefährt zahlreiche kleine Schwächen. Wie schwer die jeweils ins Gewicht fallen, kommt auf die persönlichen Vorlieben an – alles eine Frage des Anspruchs eben.
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