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Mercedes GLE Coupé im Handelsblatt-TestNicht nötig, aber machbar

Das GLE Coupé von Mercedes zwingt sich Betrachtern optisch auf, kann seine Stärken aber auch gut verbergen. Die Schwächen sind offensichtlich: Zu viel Gewicht, zu viel Hinterteil, zu viele Gänge, zu viel Geld.Marc Renner, Frank G. Heide 03.08.2017 - 08:52 Uhr Artikel anhören

Auch auf den Verdacht hin, als Chauvi zu gelten: Der GLE ist sowas wie der Kardashian unter den Crossovern.

Foto: Frank G. Heide

Düsseldorf. Der erste Blick geht auf den Hintern. Nicht des Fahrers. Des hyanzinth-roten SUV-Coupés. Ein paar Schritte herum um den Mercedes GLE 350d 4matic, die Augenbrauen kurz hochgezogen, kommt die Reaktion meiner Frau schnell, aus vollem Herzen und klingt wie eine Mischung aus Respekt, Ablehnung und Begeisterung zugleich: „Was ist das denn für ein Schlachtschiff – da brauchst Du ja ein Kapitänspatent für!“

So wie sie hat nahezu jeder Bekannte, der mich mit dem GLE Coupé sieht, einen flotten Spruch auf den Lippen. Das Auto provoziert. Selten Unflätiges. Manchmal Missfallen. Oft Bewunderung. Immer Emotionen: „Was 'ne Wuchtbrumme“ (der autobegeisterte Nachbar), „Was fährst Du denn da für eine Zuhälterkarre?“ (der Tenniskollege), „Boooaaah, ist der cool!“ (der 14-jährige Klassenkamerad der Tochter).

Alles zusätzlich beeinflusst von der durch die AMG-In- und Exterieur-Ausstattung aufgepimpte Optik des 258 PS-starken 3-Liter-Diesels. Aber der Vergleich mit dem Schiff hat es dann vielleicht doch am besten getroffen. Nicht nur wegen der beeindruckenden Außenmaße.

4,90 Meter lang, fast 2,13 Meter breit und dank des Airmatic-Pakets bis zu 1,77 Meter hoch rollt er auf 21-Zoll-Felgen daher - da brauchen Menschen unter 1,60 Meter Körpergröße schnell mal eine Trittleiter zum Einsteigen. Auch so mancher nicht mehr ganz so bewegliche Senior bekommt seine Schwierigkeiten.

Unerreichbarer Vogelschiss

Der Vogelschiss auf dem Dach ist da auch nicht mehr so ohne weiteres mit einem Handstreich entfernt. Und der Getränkeeinkauf für die Party am Wochenende wird sicher nicht am Platzangebot im Kofferraum scheitern: 650 Liter, bei umgeklappten Sitzen bis zu 1.720 Liter passen rein.

Möglicherweise scheitert die Bevorratung aber an der Ladekante des Schiffs, die so hoch ist wie eine Kaimauer: Bierkästen ins Auto und zu Hause wieder über die zusätzlichen 20 Zentimeter vom Ladeboden zur Kofferraumöffnung heraus zu hieven, ist nur was für Leute mit kerngesundem Rücken und definiertem Bizeps.

BMW hat die Mode erfolgreich angefangen, schwere SUV stilistisch mit Coupés zu verbinden. Mercedes-Benz macht es nach. Bei den Stuttgartern heißt das Modell GLE Coupé. Und es spaltet die Betrachter sofort. Man liebt oder hasst den Wagen, niemand ist er egal.

Foto: Frank G. Heide

Gut, dass wenigstens die serienmäßig elektrisch ausschwenkende Kofferraumklappe die Sache etwas erleichtert. Wer die allerdings manuell am Kofferraumdeckel statt über den Funkschlüssel oder per Knopfdruck vom Fahrersitz aus öffnen will, der muss gerne erst mal im Bordhandbuch nachschlagen. Denn die Vorrichtung verbirgt sich gut getarnt hinter dem unteren Rand des Deckels.

Wie der Kapitän eines Luxusdampfers fühlt man sich auf dem Fahrersitz. Die Übersicht auf den Verkehr ist beeindruckend. Ist das Luftfederfahrwerk voll ausgefahren, blickt man wie von der Brücke von oben auf das Geschehen, wo ängstliche Kleinwagen versuchen, noch rechtzeitig Platz zu machen.

Eine Enttäuschung ist natürlich der Blick nach hinten, an C-Säule und Kopfstützen vorbei durch das Schießschartenheckfenster. Wo der Testwagen endet, lässt sich beim besten Willen nicht erahnen. Doch wo Ozeanriesen der Hafenlotse zu Hilfe eilt, greifen beim GLE die Sicherheitssysteme und Assistenten ein.

Die wichtigsten Fragen und Antworten
Alltagstauglich?
Das schönste Detail?
Enttäuschend?
Ist er`s wert?
Sound?
Konfiguration
Vorbildlich?
Was sagt der Nachbar?
Wer guckt?
Wie fährt er sich?
Wo gehört er hin?

Dank aufmerksamer Sensoren und Warnpieper, dank der obligatorischen Rückfahrkamera mit 360-Grad-Rundumsicht, hochauflösenden Bildern auf dem hochauflösenden 8-Zoll-Display (20,3 cm) des Command Online-Systems (3.510 Euro Aufpreis) und dank großen Außenspiegeln behält der Käpt'n alles im Blick, was Lack und Ladegut gefährlich nahe kommen könnte. Dann muss er sich nur noch trauen. Aber das ist wohl eine Frage der Zeit bzw. der Eingewöhnung.

Beim getesteten GLE stimmt sie, die alte Binsenweisheit, die den Nachteil von Coupés gegenüber Limousinen beschreibt. Denn den GLE gibt es ja auch als "normales" SUV, und das ist dann nicht nur 6.000 Euro günstiger. Es ist auch übersichtlicher und nimmt mehr Zuladung mit. So ist der GLE als Coupé weniger eine Kopf-, als eine Bauchentscheidung.

Foto: Handelsblatt

Finanzierungsbeispiel
Kaufpreis
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Laufzeit
Gesamtlaufleistung
Eff. Jahreszins
Monatl. Leasingrate
Gesamtbetrag für die Laufzeit
Konfiguration

Aus der Schar der teuren und emsig bemühten Assistenten, etwa für Spurhalten, Totwinkel und Bremsen, ragt nach unseren Erfahrungen der Abstands-Assistent klar heraus. Die Distronic erleichtert dem Stau- und Stop-and-go-geplagten GLE-Piloten das Leben spürbar: Zuverlässig hält sie den eingestellten Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug, bremst selbstständig ab und beschleunigt bei freier Spur wieder auf voreingestelltes Tempo. Eine Wonne gerade im täglichen Berufsverkehr.

Dort stellt sich aber auch heraus, dass unser Schiff eher Zerstörer als Schnellboot ist. Wie über einen Binnensee bei Flaute gleitet der Benz sanft selbst über Asphalt, der von der klammen Kommune vernachlässigt wurde. Hin und wieder gestikulieren aufgeregte Kleinwagenfahrer wild, weil sie annehmen, wir hätten sie übersehen, aber das würden wir natürlich niemals tun. Obwohl die hohe Sitzposition und das starke Dieseldrehmoment von bis zu 620 Newtonmeter uns schon das Gefühl geben, wir könnten ganz kommod alles glattbügeln, was im Weg ist.

Wenn außer der souveränen Drehmomententwicklung des Triebwerks noch was ein dickes Lob verdient hat an diesem Auto, dann ist es die Rückfahrkamera mit ihren superscharfen Bildern und sinnvollen Perspektiven. Nicht GLE-spezifisch, aber echte Daimler-Qualität.

Foto: Frank G. Heide

Von hier oben aus erlebt man die Beschleunigung als angemessen zügig, im leeren Zustand wollen immerhin 2,26 Tonnen beschleunigt werden. Eine 9-Gang-Automatik schaltet in nahezu jeder Fahrsituation quasi unmerklich hoch und wieder runter. Sie manuell bedienen zu wollen, über die Schaltpaddles im Lenkrad, ist allerdings keine gute Idee, man hat dann stets mit zwei Gängen zu viel zu tun, was auch viel zu stressig ist für diesen GLE.

Im Bedarfsfall bringt der V6-Motor des einzigen Diesel der GLE Coupé-Reihe die Insassen dabei binnen 7 Sekunden von 0 auf 100 km/h und knapp unter 230 km/h in der Spitze. Aber auch wer vorsichtiger mit dem Gaspedal umgeht, für den werden die vom Hersteller angegebenen 8,0 Liter innerorts und 7,2 kombiniert eher ein Wunschtraum bleiben. Aber das ist man ja eigentlich längst von nahezu allen Autos gewohnt. Gut, dass der große 93-Liter-Tank trotzdem eine akzeptable Reichweite sicher stellt.

Unangenehm fällt dagegen dem nicht auf Mercedes voreingestellten Fahrer im Comfort-Fahrmodus auf, was ein Schiff eigentlich vor allem auszeichnet: Das Auto scheint fast ein wenig zu schwimmen, so weich und indirekt gehen Luftfederung und Lenkung zur Sache. Von den Autos der Münchener Konkurrenz etwa ist man da eine etwas straffere Abstimmung gewohnt.

Man mag nicht viel sehen vom Triebwerk des 350d, aber man spürt umso mehr. Vom gemütlichen und halbwegs genügsamen Cruisen bis zur Raserei ist alles drin mit diesem 258-PS-Sechszylinder-Diesel, der für Alltagsaufgaben mehr als nur gerüstet ist.

Das Drehmoment von satten 620 Newtonmeter steht ab 1600 Touren zur Verfügung, entsprechend früh kann die Automatik völlig ruckfrei die nächste Fahrstufe einlegen.

Foto: Frank G. Heide

Ein Kurvenräuber ist dieser Oligarchen-Express natürlich nicht, die 21-Zöller mit mindestens 275 Millimeter breiter Bereifung rollen am liebsten geradeaus und gemütlich. Zwar kann der GLE auf Abruf auch mal sprinten, aber die Karosse neigt sich eben SUV-typisch zur Seite, die gewaltige Masse drängt in Kurven nach außen, und auf der Bremse spürt man sich auch.

Gelände kann der serienmäßig und permanent Allradgetriebene (Kraftverteilung 50:50) auch, er hält dazu einiges an aktiven und passiven Fahrhilfen parat und informiert über Untergrundbeschaffenheit, Fahrwinkel, Bodenfreiheit und ähnliches detailreich per Monitor. Aber wir müssen zugeben: Mehr als eine flache Wiese haben wir ihm nicht zugemutet. Weil wir auf dem Standpunkt stehen, dass die Mehrheit seiner Besitzer dieses Auto sowieso nie schlammig sehen will.

Böse Zungen könnten behaupten, auch hier würden Abgase beschönigt. Bei den modernen Daimler-Dieseln hat es schon eine gewisse Tradition, dass die Chromblende gar kein Auspuffrohr mehr beinhaltet, nur noch Show ist. Technisch könnte man das also auch weglassen. Aber dann würde es nicht nach Doppelendrohr aussehen. Irgendwie auch ein Sinnbild für das ganze Auto.

Foto: Frank G. Heide

Während die AMG-Line-Ausstattung des mit Extras auf mehr als 100.000 Euro hochgerüsteten Testwagens mit dickem Leder, schwarzen Carbon und roten Ziernähten fast ein wenig zu sportlich und wegen des schwarzen Dachhimmels vor allem recht duster rüberkommt, erfüllen Sitze und Cockpitausstattung auf jeden Fall den Anspruch Premium. Ein nettes Detail: der temperierte Cupholder in der Mittelkonsole, der für den Aufpreis von 250 Euro das Getränk auf Knopfdruck wahlweise kühlt oder warm hält. Klare Sache: Eine Erfindung, die aus Amerika kommt, der dortige Markt ist für den Erfolg des Wagen mindestens so wichtig wie der asiatische.

Hierzulande, so nimmt Daimler an, werde wohl jeder dritte GLE-Käufer sich für die Coupé-Form entscheiden, die klare Mehrheit wird also dem bekannten klassischen GLE in kastigerer SUV-Form treu bleiben. Coupé-Käufer, so besagt eine alte Binsenweisheit, würden für weniger Auto mehr Geld bezahlen. Im Fall des GLE stimmt das auffallend: Fast 6.000 Euro teurer als der SUV-Bruder ist das Schrägheck, das nicht nur hinten weniger Platz für Passagiere bietet, sondern auch weniger Ladung mitnimmt. Der GLE-Coupé-Kauf ist somit eine klare Bauch-, keine Kopfentscheidung.

Fazit: SUV, die niemand braucht, die viele Käufer aber unbedingt haben wollen, die gibt es schon. Daimler fügt dieser Auswahl mit dem GLE Coupé einen Nachahmer des BMW X6 hinzu, dessen Erfolg beim Kunden selbst BMW-Chefverkäufer scharenweise erstaunte. Man kann über solche Ozeanriesen in Binnenkanälen stundenlang streiten. GLE-Interessenten raten wir stattdessen: Vergleichen Sie das Coupé bei einer Probefahrt mit dem klassischen GLE. Sie könnten überrascht werden, wie schwer auf einmal die Nachteile der vermeintlich schöneren Karosse wiegen.

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