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CoronaIm Blindflug durch die Pandemie: Was die 100.000er-Marke über die Omikron-Welle aussagt

Die hochansteckende Omikron-Variante treibt die Fallzahlen auf nie gekannte Höhen. Das wirkt beunruhigend, zeigt aber nicht das komplette Bild.Jürgen Klöckner 20.01.2022 - 06:28 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Die mittlerweile dominierende Omikron-Variante treibt die Fallzahlen in Rekordhöhe.

Foto: dpa

Berlin. Die Corona-Fallzahlen in Deutschland erreichen wegen der hochansteckenden Omikron-Variante ungekannte Höhen. So meldete das Robert Koch-Institut (RKI) am Mittwoch erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie mehr als 100.000 Infektionen binnen eines Tages. Am Donnerstag registriert es 133.536 neue Fälle binnen 24 Stunden, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt mittlerweile bei 638,8.

Den Höhepunkt der fünften Welle erwartet Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hingegen erst Mitte Februar, sagte er gegenüber RTL. Steigen die Infektionszahlen bis dahin in dem jetzigen Tempo weiter, dürfte die Zahl der Neuinfektionen dann bei weit über 400.000 täglich liegen. Zuletzt hatten sich die Fallzahlen etwa alle zwei Wochen verdoppelt.

Die große Frage ist nun, was diese immense Zahl über das Pandemiegeschehen in der fünften Welle aussagt. Sie ist zwar beunruhigend, zeigt aber nicht das komplette Bild – was auch erklärt, warum vor dem Bund-Länder-Treffen am kommenden Montag keine schärferen Coronamaßnahmen im Gespräch sind. Im Gegenteil: In Bayern kippte der Verwaltungsgerichtshof die 2G-Regel im Einzelhandel.

Die reine Fallzahl verlor bereits in der dritten und vierten Welle an Aussagekraft, da sich die Zahl der Infektionen durch die steigende Impfquote immer weiter von der Zahl der schweren Fälle entkoppelt hat. RKI-Chef Lothar Wieler sprach vor Kurzem von einer „neuen Phase der Pandemie“. Die Fallzahlen seien durch Omikron weniger entscheidend – und auch weniger zuverlässig.

„Bei der Masse an Infektionen müssen wir damit rechnen, dass die Infektionszahlen weniger gut erfasst werden“, sagte er. Die Gesundheitsämter seien so belastet, dass sie mit der Kontaktnachverfolgung und Meldung von Fällen nicht mehr hinterherkämen.

Labore am Limit

Zudem kommen die PCR-Testkapazitäten an ihre Grenzen, sodass schon jetzt nicht mehr jeder mit einem Risikokontakt einen solchen Test erhält. Auf dem Höhepunkt der Welle sei deswegen die Sieben-Tage-Inzidenz „weniger vollständig“, erklärte Wieler. Gleiches gelte für die Hospitalisierungsrate und die Angaben zum Impfstatus.

Sprich: Die Fallzahlen dürften derzeit deutlich über den vom RKI gemeldeten Infizierten liegen. Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Christine Aschenberg-Dugnus, sprach gegenüber dem Handelsblatt von einer „hohen Dunkelziffer“.

Denn bei Geimpften und Geboosterten sei der Verlauf bei einer Infektion oft asymptomatisch. „Das heißt, sie wird von den Betroffenen oftmals gar nicht wahrgenommen und manchmal sogar nur durch Zufall entdeckt“, warnte Aschenberg-Dugnus.

Fliegen wir also im Blindflug durch die fünfte Welle? „Davon würde ich nicht sprechen“, sagte Markus Scholz, Epidemiologe an der Universität Leipzig, dem Handelsblatt. „Aber es gibt deutliche Schwierigkeiten bei der Bewertung der Lage.“ Timo Ulrichs, Epidemiologe an der Akkon-Hochschule Berlin, schließt sich dieser Einschätzung an: „Die Lage wird immer schwerer einzuschätzen, je weiter wir uns dem Peak der Omikron-Ausbreitung nähern.“

Unklar ist vor allem, wie sich die hohen Infektionszahlen bis dahin auf die Kliniken und die kritische Infrastruktur auswirken. Schulen bereiten sich mit Notfallplänen auf die drohende Personalnot vor. Vor einer ähnlichen Situation stehen Polizei, Feuerwehr und andere Einrichtungen wie Gas- und Wasserwerke.

Am Mittwoch veröffentlichte Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK-Krankenkassen lassen erahnen, welche Branchen die Krankenstände besonders treffen. So mussten sich in den Bereichen Erziehung, Arzt- und Praxishilfe sowie in der nicht ärztlichen Therapie im relativen Vergleich die meisten Angestellten aufgrund einer Infektion krankschreiben lassen.

Die Daten beziehen sich allerdings auf den Zeitraum März 2020 bis November 2021, als die Omikron-Variante noch kaum verbreitet war. Experten rechnen aber mit einem ähnlichen Bild in der derzeitigen Lage.

Personalausfälle im Gesundheitsbereich könnten in den nächsten Tagen und Wochen zum akuten Problem werden, sagte Epidemiologe Ulrichs. Der Überlastungspunkt lässt sich allerdings schwer bestimmen. Es fehlt ein Indikator dafür, zumal es keine Daten über die Belastungsgrenze der Einrichtungen gibt. Auch hier herrscht also Blindflug.

Kliniken-Auslastung schwer vorherzusagen

Recht gute Daten gibt es hingegen für die Auslastung der Krankenhäuser mit Coronapatienten. Hier spiegelt sich das Infektionsgeschehen bislang nicht wider. Die Intensivbettenbelegung ist laut Intensivmedizinervereinigung Divi seit der ersten Dezemberhälfte von rund 5000 Patientinnen und Patienten auf zuletzt 2664 gesunken. Auch die Zahl der offiziell vom RKI gemeldeten Coronatoten war in den vergangenen Tagen rückläufig.

Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 316 Todesfälle mit oder aufgrund von Corona verzeichnet. Hohe Infektionszahlen schlagen sich erst mit Verzug in den Kliniken nieder, weil bis zur Einlieferung eines Patienten Zeit vergeht. Zuletzt mussten laut RKI auch nur etwa halb so viele Menschen wegen Corona in eine Klinik wie Ende November – mit leicht steigender Tendenz.

„Bundesweit hat sich die Omikron-Variante noch nicht wesentlich auf die Auslastung der Normalstationen niedergeschlagen“, sagte der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, dem Handelsblatt. Die Belegung gehe sogar in den meisten Bundesländern zurück. Es gebe also Grund zur Hoffnung, „dass wir nicht in eine Situation kommen wie in der Delta-Welle oder wie in Großbritannien, wo viele Kliniken den Katastrophenfall ausrufen mussten“.

Ausschließen lässt sich die Überlastung des Gesundheitswesens während der fünften Welle nach Meinung von Experten allerdings nicht. In Ländern wie Großbritannien lag die Krankenhausbelegung zwar deutlich unter jener in der Delta-Welle. Da die Bevölkerung dort allerdings besser immunisiert ist als hierzulande, lässt sich die Entwicklung nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen.

Unklar ist auch, wie sich der mildere Verlauf von Omikron auf die Liegezeiten im Krankenhaus und damit die Belegungszahlen auswirkt. „Hier gibt es zwar erste Daten, die aber noch unzureichend sind“, sagte Epidemiologe Scholz. Zudem verschiebt sich das Altersspektrum stark in Richtung jüngere Patienten. „Diese erkranken zwar mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit schwer, haben aber zum Beispiel längere Liegezeiten auf den Intensivstationen.“

Unterschiede zwischen Altersgruppen

Tatsächlich liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in der Gruppe der 5- bis 14-Jährigen derzeit bei 1227,7 und bei den 15- bis 34-Jährigen laut RKI bei 929,8 (Stand: Mittwoch). Das dürfte auch mit dem Ende der Weihnachtsferien zusammenhängen. Schüler werden regelmäßig getestet.

Es infizieren sich allerdings vergleichsweise wenig ältere Menschen, die besonders anfällig für schwere Verläufe sind. Hier lag die Inzidenz zuletzt bei 122,1 (Stand: Mittwoch). Sollten sich deutlich mehr Ältere infizieren, könnte das zu einem deutlichen Anstieg bei der Zahl der Schwerkranken und damit auch der Intensivbettenbelegung führen.

„Gerade bei den hohen Fallzahlen von Omikron wäre es jetzt besonders wichtig, zu wissen, wie groß der Anteil gefährlicher Verläufe ist“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Tino Sorge (CDU), dem Handelsblatt.

Angesichts der unklaren Datenlage fordert er, die Krankenhausinzidenz „um weitere Parameter zu ergänzen“. Die Zahl gilt als wichtigster Indikator für das Pandemiegeschehen, sei aber bei Omikron „eventuell nicht gut genug“.

Trotz hoher Neuinfektions-Zahlen ging die Belegung der Intensivstationen zuletzt zurück.

Foto: dpa

„Wir brauchen möglichst schnell einen fortlaufenden Überblick zur Auslastung der normalstationären Kapazitäten“, sagte Sorge. „Er muss digital und regional differenziert eine tagesaktuelle Übersicht bieten.“ So könnten drohende Engpässe rechtzeitig erkannt werden.

Als Vorbild könne das Divi-Register dienen. „Zusätzlich werden wir präziser erfassen müssen, wo die Arztpraxen an Belastungsgrenzen geraten“, sagte Sorge. Auch der ambulante Sektor dürfte durch die hohen Omikron-Fallzahlen stärker gefordert werden als zuvor. Ebenso wichtig sei ein Überblick über die Funktionsfähigkeit der kritischen Infrastrukturen.

„Ob Energieversorgung, Sicherheitsbehörden oder Gesundheitssektor: Wir werden bei hohen Fall- und Quarantänezahlen ein präzises Lagebild zu Personalausfällen in kritischen Infrastrukturen brauchen“, forderte der CDU-Politiker. Erfahrungsgemäß lägen den einzelnen Ländern dazu die besten Daten vor. „Es wäre sinnvoll, sie in einem bundesweiten Lagebild zu bündeln.“

Entscheidend für die kommenden Wellen dürfte auch eine deutlich höhere Impfquote sein, die die Wahrscheinlichkeit für schwere Verläufe dramatisch senkt. Die Zahl der täglichen Impfdosen geht allerdings zurück, wie das RKI am Mittwoch mitteilte. Rund 73 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft, 48,3 Prozent haben einen sogenannten Booster erhalten.

Für den kommenden Herbst und Winter ist das nach Ansicht von Gesundheitsminister Lauterbach zu wenig. Der SPD-Politiker drängt auf eine allgemeine Impfpflicht. Bis spätestens Mai müsse diese umgesetzt sein, um in der kalten Jahreszeit noch eine Wirkung zu erzielen, sagte er.

Umso überraschender ist es, dass die Werbeausgaben der Bundesregierung Ende des vergangenen Jahres drastisch zurückgefahren wurden. Gab das Gesundheitsministerium im September 2021 noch 26,4 Millionen Euro für Werbemaßnahmen aus, waren es im Oktober nur noch knapp fünf Millionen und im November noch knapp zehn Millionen Euro.

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Für das erste Quartal 2022 beantragte das Ministerium hingegen wieder ein Budget von insgesamt 60 Millionen Euro. Das geht aus einer Anfrage des Linken-Politikers Christian Görke an das Bundesgesundheitsministerium hervor, die dem Handelsblatt vorliegt. „Es war ein sträflicher Fehler der Großen Koalition, zu Beginn der vierten Welle die Werbekampagne so drastisch zurückgefahren zu haben“, sagte Görke. „Es war überfällig, dass die Ampel das ändert und wieder in Werbung und Aufklärung investiert.“

Mit Blick auf den Einsatz der Gelder sei man allerdings noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen zu sein. Für Plakate und Print wurde 2021 fast 20-mal so viel Geld ausgegeben wie für digitale und soziale Medien. Auch dies gehöre zu den Gründen für das Scheitern der Impfkampagne, sagte Görke. „Wenn Impfen der Ausweg aus der Krise ist, dann muss die Ampel-Kampagne jetzt aber noch viel stärker auf die zugeschnitten werden, die bisher nicht erreicht wurden.“

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