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Coronakrise Erntehelfer fehlen – Angst vor Versorgungslücken bei Obst

Seit der Schließung der Außengrenzen fehlen in Deutschland Hundertausende Erntehelfer. Agrar- und Innenministerium suchen nach Lösungen.
02.04.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
In ganz Deutschland fehlen Erntehelfer. Quelle: imago images/Agentur 54 Grad
Spargelfelder

In ganz Deutschland fehlen Erntehelfer.

(Foto: imago images/Agentur 54 Grad)

Berlin Ulrich Benedix kann sich vor Arbeit kaum retten. Weil die Menschen derzeit mehr zu Hause sind, kaufen sie auch mehr regional produziertes Fleisch, glaubt der Geschäftsführer des landwirtschaftlichen Mehrfamilienbetriebs Agro Saarmund. Das Unternehmen verkauft das Fleisch der eigenen Rinder und Schweinefleisch aus anderen Betrieben. 20 Prozent höher fällt sein Absatz in der Coronakrise im Vergleich zu den „normalen“ Zeiten aus. 

„Ich suche händeringend Mitarbeiter“, sagt Benedix, der das Unternehmen seit dem vergangenen Sommer führt. „Keine Chance.“ Er ist heilfroh, dass von der Handvoll Polen und Ukrainer, die für ihn Fleisch zerlegen, nur einer zu Hause geblieben ist. Sonst wäre die Arbeit noch weniger zu schaffen.

So wie Benedix geht es derzeit vielen Landwirten in ganz Deutschland. Eile ist angesagt. Viele müssen in den nächsten Tagen endgültig entscheiden, welche Obst- und Gemüsesorten angebaut werden. Außerdem ist die Spargelernte angelaufen. In dieser Situation trifft das von der Bundesregierung verhängte Einreiseverbot für ausländische Saisonarbeiter Obst-, Gemüse- oder Weinanbauer, aber auch Tierhalter und Schlachtbetriebe hart.

„Wir brauchen unsere erfahrenen und bewährten Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa, die seit vielen Jahren zu uns kommen“, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied dem Handelsblatt. „Das sind erfahrene Mitarbeiter. Die kann man nicht von heute auf morgen ersetzen. Ohne die wird es nicht gehen.“ Der Einreisestopp müsse so kurz wie möglich gehalten werden, fordert Rukwied und verspricht: „Unsere Betriebe sind bereit, jegliche Maßnahmen zum Infektionsschutz umzusetzen und zu implementieren, um ihre Mitarbeiter zu schützen.“

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    Auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) machte am Mittwoch noch einmal deutlich, dass es ohne Saisonarbeitskräfte und Erntehelfer aus dem Ausland nicht gehe. Sie sei deswegen mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) im Gespräch, sagte sie im ARD-Morgenmagazin. „Wir müssen eine Lösung finden, wir können die Bauern hier nicht hängen lassen“, sagte Klöckner.

    Die Arbeitsgruppe Ernährung und Landwirtschaft der Unions-Bundestagsfraktion wandte sich in einem Brandbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und forderte eine Lockerung der Einreisebeschränkungen für Saisonarbeitskräfte aus Rumänien und anderen EU-Mitgliedstaaten. Die von der EU-Kommission empfohlene bevorzugte Abfertigung von Saisonarbeitskräften für die Landwirtschaft müsse in Deutschland unverzüglich umgesetzt werden, heißt es in dem Schreiben der Abgeordneten, das dem Handelsblatt vorliegt. „Deshalb ist das Einreiseverbot für Saisonarbeitskräfte unverzüglich aufzuheben.“

    EU macht Druck

    Die EU-Kommission hatte am Montag Leitlinien für die Personenfreizügigkeit von systemrelevanten Arbeitskräften veröffentlicht. Darin werden die Mitgliedstaaten aufgefordert, spezifische Verfahren zur Gewährleistung eines reibungslosen Grenzübertritts für Saisonarbeitskräfte einzuführen, die für Pflanz- oder Erntearbeiten dringend gebraucht würden.

    Durch Schnellverfahren wie Fiebertests, für die die Betroffenen ihr Fahrzeug nicht verlassen müssten, und die Einrichtung besonderer Fahrspuren könne sichergestellt werden, dass die Saisonarbeitskräfte ihre Zielbetriebe ohne weitere Berührung und ohne Zeitverlust erreichen können, heißt es dazu in dem Brandbrief der Agrarpolitiker.

    Denn es ist nicht davon auszugehen, dass helfende Hände aus dem Inland alle jetzt anstehenden landwirtschaftlichen Arbeiten erledigen können. Saisonarbeitskräfte stellen fast ein Drittel der Beschäftigten in der Landwirtschaft. Die Arbeitsagenturen bemühten sich zwar, den Bedarf der Landwirtschaft zu decken, hatte der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele, am Dienstag betont. So gebe es ja etwa für Kurzarbeiter die Möglichkeit, sich als Erntehelfer zu verdingen, ohne dass der Lohn auf das Kurzarbeitergeld angerechnet werde.

    Grafik

    Bereits zuvor hatte Scheele im Handelsblatt-Interview aber Erwartungen gedämpft, dass jetzt massenhaft Arbeitslose die in der Landwirtschaft anfallenden Arbeiten übernehmen könnten. „Das hat auch früher nicht funktioniert“, sagte Scheele.

    Die Bauern seien zwar dankbar für die Solidarität und Unterstützung aus der Bevölkerung, sagte Bauernvertreter Rukwied. Viele Menschen wollten aber offenbar nur in Teilzeit aushelfen oder an einzelnen Wochentagen. „Erntehelfer ist aber ein Vollzeitjob. Das ist eine ziemliche Hürde“, sagte Rukwied. Zudem wollten natürlich viele von ihnen schnellstmöglich in ihren eigentlichen Beruf zurück und würden dann ausfallen.

    Seehofers Ressort weist auf arbeitslose Flüchtlinge hin

    Das Bundesinnenministerium hatte noch am Montag betont, dass die Einreisebeschränkungen von Saisonarbeitern nicht für grenzkontrollfreie Binnengrenzen zu Polen, Tschechien und der Slowakei gelten. Der Großteil der Erntehelfer sind aber Rumänen, für die – genau wie für Bulgaren – der Einreisestopp gilt.

    Seehofers Ressort weist aber darauf hin, dass es Ende Februar in Deutschland 156.000 arbeitslos gemeldete anerkannte Flüchtlinge gab. Weitere 264.000 Schutzberechtigte nähmen zwar noch an Integrationskursen oder anderen Fördermaßnahmen teil, könnten aber zumindest zeitweise ebenfalls eingesetzt werden. Und auch noch nicht anerkannten Asylbewerbern könne unter bestimmten Bedingungen eine Beschäftigungserlaubnis erteilt werden.

    Die Landwirte hoffen aber, dass sie möglichst rasch wieder auf die bewährten Kräfte aus Ost- und Südosteuropa zurückgreifen können. Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln wie Brot, Fleisch, Kartoffeln und Milch hält Bauernpräsident Rukwied zwar nicht für gefährdet. Es könne aber bei verschiedenen Kulturen im Obst- und Gemüsebereich zu Versorgungslücken und Ausfällen kommen. „Diese Verknappung wird auch Auswirkungen auf den Preis haben.“

    Auch der Vorstandsvorsitzende des Agrarkonzerns Baywa, Klaus Josef Lutz, forderte, die Grenzen für Saisonarbeitskräfte aus dem europäischen Ausland schnellstens wieder zu öffnen: Andernfalls riskiere die Bundesregierung, „dass in den kommenden Wochen und Monaten ganze Produktketten speziell bei Obst und Gemüse ausfallen könnten und eine umfassende Versorgung nicht mehr gewährleistet ist“.

    Mehr: Viele Saisonarbeiter aus dem Ausland dürfen wegen der Coronakrise nicht mehr einreisen. Spargel- und Gemüsebauer bangen um ihre Ernte und Existenz.

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