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LandwirtschaftSpargelbauer suchen dringend Erntehelfer

Viele Saisonarbeiter aus dem Ausland dürfen wegen der Coronakrise nicht mehr einreisen. Spargel- und Gemüsebauer bangen um ihre Ernte und Existenz.Katrin Terpitz 27.03.2020 - 18:15 Uhr

Es fehlen erfahrene Erntehelfer aus Osteuropa.

Foto: Andreas Teichmann/laif

Düsseldorf. Bei Landwirt Stephan Kisters aus Geldern hat die Spargelernte am Donnerstag begonnen. Walbecker Spargel gilt weithin als Spezialität. Busladungen von Touristen kommen sonst jedes Frühjahr auch bei Kisters Spargelhof am Niederrhein vorbei. Doch seit dem Ausbruch des Coronavirus ist alles anders.

Normalerweise beschäftigt Kisters bis zu 25 Erntehelfer. „Fünf Rumänen waren schon auf dem Weg, aber jetzt wird ihnen die Einreise verwehrt“, erzählt der Landwirt. „Und viele Polen haben Angst zu kommen, weil sie bei der Rückkehr zuhause zwei Wochen in Quarantäne müssen“, klagt Kisters und macht klar: „Wir sind in unserer Existenz gefährdet, wenn wir nicht bald Saisonhelfer aus dem Ausland bekommen.“

Seit Mittwoch 17 Uhr gilt bis auf Weiteres ein Einreiseverbot für Saisonarbeitskräfte und Erntehelfer nach Deutschland. Die Regelung bezieht sich auf EU-Drittstaaten und solche, die Binnengrenzkontrollen vorübergehend wieder eingeführt haben. Diese Beschränkungen seien „zwingend erforderlich, um Infektionsketten zu unterbrechen“, betonte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums.

Wie mit Saisonkräften aus Polen und Tschechien verfahren werden soll, ist noch offen. Sie haben ohnehin Schwierigkeiten, nach Deutschland zu kommen. Seit Freitag müssen etwa polnische Berufspendler nach der Rückkehr in die Heimat 14 Tage in Quarantäne gehen. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bekommen polnische Saisonkräfte nun pro Tag 65 Euro Aufwandsentschädigung, damit sie bleiben.

Deutschen Landwirten bereiten die Corona-Regelungen massive Probleme. Normalerweise stellen knapp 300.000 Saisonkräfte vor allem aus Osteuropa sicher, dass hierzulande gesät und geerntet werden kann. Die fehlen nun.

Regeln für Zuverdienst gelockert

Auch Heinrich Thiermann aus dem niedersächsischen Kirchdorf, der im großen Stil Spargel und Erdbeeren anbaut, trifft dies hart. In der Erntespitze beschäftigt er sonst 600 bis 1000 Saisonkräfte. „Wir haben bisher nur 20 Prozent von den Leuten da, die uns gewöhnlich bei der Ernte helfen. Was wir nicht ernten können, lassen wir erst einmal wachsen.“

Das hat herbe finanzielle Folgen: Thiermann schätzt, dass sich seine Einnahmen halbieren werden. Normalerweise erntet er auf 500 Hektar etwa 3000 Tonnen Spargel. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hofft, dass sich im Inland genügend Erntehelfer finden.

Sie wirbt für Plattformen wie daslandhilft.de, die Arbeitssuchende und Landwirte zusammenbringen. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) prüft, ob Asylbewerber ohne Arbeitsverbot aushelfen können. Für Studenten, Kurzarbeiter und andere sind Zuverdienst-Regeln gelockert.

Auch bei Spargelbauer Kisters haben sich Leute gemeldet, die einspringen wollen. „Zum Sortieren oder Schälen lassen sich Ungelernte aus Deutschland einsetzen, nicht aber zum Spargelstechen“, meint er. Nach einem Tag seien viele wieder weg, weiß er aus Erfahrung. „Das ist harte Arbeit, die gelernt sein will.“ Seinen Spargel hat Kisters nun mit weißer reflektierender Folie abgedeckt, um die Ernte hinauszuzögern.

Zudem ist ungewiss, ob Landwirte ihren Spargel überhaupt kostendeckend verkaufen können. Denn die Gastronomie fällt als wichtiger Abnehmer weg. Der ganze Spargel drängt nun in den Einzelhandel, was die Preise drücken könnte, fürchten so manche. „Viele Discounter haben inzwischen Spargel und Gemüse in Peru und Griechenland geordert, was zusätzliche Konkurrenz für deutsche Landwirte bedeutet“, sagt Kisters.

Doch es geht längst nicht nur um das Edelgemüse Spargel. Kohlrabi, Erdbeeren, Kartoffeln – alles muss nun in die Erde. „Salat muss jetzt gepflanzt werden, sonst haben wir in vier bis sechs Wochen nichts zum Ernten“, sagt Kisters. Er sieht den gesamten Obst- und Gemüsebau in Deutschland durch fehlende Erntehelfer bedroht.

Kisters hofft auf Augenmaß der Politik und unbürokratische Soforthilfen, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Die dürfe sich nicht nach der Zahl der Festangestellten richten. Denn viele Landwirte wie er beschäftigen hauptsächlich Saisonkräfte.

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Landwirt Thiermann hat schon viele Krisen erlebt. Er hofft nun auf ein Umdenken in der Gesellschaft: „Ich habe das Gefühl, manche Menschen vergessen, wie lebensnotwendig eine Grundversorgung ist, bis eine Krise eintritt.“

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