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DIHK-Präsident im Interview„Unsere Mittelständler sind mit Herzblut dabei“ – Wie Betriebe versuchen der Ukraine helfen

Der Präsident des DIHK, Peter Adrian, will mit der Initiative #WirtschaftHilft den Menschen in der Ukraine helfen. Das Engagement der Unternehmen wachse von Tag zu Tag.Thomas Sigmund 04.03.2022 - 08:01 Uhr Artikel anhören

„In vielen Belegschaften unserer deutschen Betriebe arbeiten Menschen mit ukrainischen Wurzeln – und dann will der ganze Betrieb helfen.“

Foto: dpa

Berlin. Herr Adrian, der DIHK hat angesichts des Ukrainekriegs die Aktion #WirtschaftHilft ins Leben gerufen. Was wollen Sie damit erreichen? 
Der Krieg in der Ukraine erschüttert auch uns Unternehmerinnen und Unternehmer. Viele wollen und können helfen, um das menschliche Leid wenigstens hier und da zu lindern. Wir wollen mit unserer Aktion „Wirtschaft hilft“ diese Aktivitäten bündeln und über das Netzwerk der IHKs vor Ort so weit wie möglich unterstützen. Wir haben in jeder IHK Ansprechpartner, an die sich Unternehmen mit Fragen wenden können. Und unsere Organisation ist auch mit der Politik sowie Institutionen und Vereinen vor Ort gut vernetzt. 

Wie groß ist denn das Engagement der deutschen Wirtschaft?
Das Engagement wächst von Tag zu Tag – nicht nur die großen Betriebe, auch viele sehr kleine und auch unsere Mittelständler sind hier mit Herzblut dabei. Viele Unternehmen helfen bei der Versorgung mit Hilfsgütern. Es bringen sich nicht nur Unternehmen mit eigenen Kontakten und Geschäftsbeziehungen in die Ukraine ein. In vielen Belegschaften unserer deutschen Betriebe arbeiten Menschen mit ukrainischen Wurzeln – und dann will der ganze Betrieb helfen. Bei meinem Münchener IHK-Präsidentenkollegen Klaus Josef Lutz fährt in drei Tagen der erste von 20 Sattelschleppern los. Bei meinem DIHK-Vize Rolf Stoffels wiederum fahren Kleinbusse mit Hilfsgütern an die ukrainische Grenze und bringen auf dem Rückweg Menschen in Sicherheit.

Viele Unternehmen engagieren sich bereits vor Ort. Wie sieht das konkret aus? 
Manche Unternehmen stellen Fahrzeuge zur Verfügung, um gesammelte Spenden in die Ukraine zu bringen, andere stellen selbst Lebensmittel oder medizinische Güter zur Verfügung, wiederum andere Unternehmen zahlen Löhne in der Ukraine weiter, obwohl der Betrieb stoppt. Und Firmenchefs geben Sonderurlaub, wenn Mitarbeiter Verwandte an der Grenze abholen wollen.  

Was brauchen denn die Geflüchteten am dringendsten?
Die Menschen kommen zu uns nach Deutschland aus einer ganz schwierigen Kriegssituation, oft sind es ja Frauen und Kinder. Sie brauchen neben Aufnahme und Unterbringung vor allem menschliche Unterstützung. Betriebe können bei beidem helfen, indem sie Wohnungen zur Verfügung stellen oder organisieren, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Unternehmen Geflüchtete zunächst bei sich zu Hause aufnehmen. Auch bei den ersten Schritten in Deutschland zu Behörden und Einrichtungen wird vor Ort viel geholfen.  Das wissen wir aus der Erfahrung mit Geflüchteten in der Vergangenheit, zum Beispiel aus den Mitgliedsunternehmen des Netzwerks „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ von DIHK und dem Bundeswirtschaftsministerium.

Dann geht es um die Integration am Arbeitsmarkt. Was erwarten Sie sich hier von der Bundesregierung? 
Es ist gut, dass die europäische und die deutsche Politik hier eine Vereinfachung des Zugangs zum Arbeitsmarkt angekündigt haben. Denn klare Aufenthaltsregelungen und eine unbürokratische Arbeitserlaubnis sind entscheidende Elemente, wenn sich die Frage nach Ausbildung und Beschäftigung insbesondere für geflüchtete Ukrainerinnen stellt. Das nächste Thema ist dann die Sprache, hier brauchen wir unbürokratische Sprachangebote vor Ort und auch in digitalen Formaten, denn deutsche Sprachkenntnisse sind in vielen Bereichen des Arbeitsmarkts entscheidend. Aber wir wollen als IHK-Organisation auch selbst einen Beitrag leisten – etwa durch Informationen über die in der Regel guten beruflichen Qualifikationen in der Ukraine. Hier hilft uns, dass wir mit der IHK Fosa eine eigene Stelle zur Anerkennung von ausländischen Abschlüssen haben.

Es gibt rund 2000 deutsche Unternehmen in der Ukraine mit rund 50.000 Mitarbeitern. Was hören Sie von diesen Firmen über die Lage vor Ort? 
Das normale Wirtschaftsleben ist inzwischen weitgehend zum Erliegen gekommen. Infrastruktur ist zerstört, Transportwege sind unterbrochen. Unternehmen machen sich zugleich große Sorgen um das Wohl ihrer Belegschaften in der Ukraine. Auch ist vielfach völlig unklar, ob man die eigenen Niederlassungen, Maschinen und Einrichtungen jemals wieder wird nutzen können. Durch die Unterbrechung in der Ukraine ergeben sich auch erste Engpässe für die weitere Produktion in Deutschland, etwa im Automobil-Bereich. 

Welche Konsequenzen ziehen die Unternehmen in der Ukraine? 
Derzeit versuchen die Betriebe, vor allen Dingen Kontakt zu ihren Belegschaften in der Ukraine zu halten. Auch werden die Löhne zunächst fortgezahlt. Leider ermöglicht die aktuelle Konfliktsituation keine mittelfristige Planung. Es ist ja überhaupt nicht absehbar, wie es weitergeht.

Russlands Präsident Wladimir Putin lässt sich von den Wirtschaftssanktionen des Westens noch nicht beeindrucken. Muss der Westen etwa beim Zahlungssystem Swift noch mal nachschärfen? 
Die EU hat nicht nur bei Swift weitreichende Sanktionen beschlossen, die schon wirken und deren Wirkung sich in den nächsten Tagen verstärken wird. Gerade die Sanktionen im Technologiebereich werden in einigen Wochen Auswirkungen in Russland zeigen. Ich habe den Eindruck, dass die Politik hier derzeit verantwortungsvoll agiert. 

Die große Abhängigkeit von russischen Energielieferungen macht insbesondere Deutschland verletzlich. Wir groß sind Ihre Sorgen, dass wir die Versorgungssicherheit nicht mehr gewährleisten können? 
Die Versorgungssicherheit gerade im nächsten Winter ist auch in der Wirtschaft eine große Sorge, aber auch jetzt schon sind die deutlich gestiegenen Energiepreise eine große Belastung und Gefahr für viele energieintensive Betriebe. Es ist daher richtig, dass die Bundesregierung alle Möglichkeiten prüft, um durch zusätzliche Energieimporte aus anderen Teilen der Welt sowie durch die Reaktivierung oder Weiternutzung von Kohlekraftwerken die Situation zu verbessern. Aber machen wir uns nichts vor: Die Situation im Energiebereich wird bis auf Weiteres fragil sein. 

Sollte die deutsche Wirtschaft angesichts der Lage ihr Russlandgeschäft nicht komplett einstellen?
Aktuell ist die Verunsicherung überall groß, weil niemand weiß, was passieren wird. Ich gehe davon aus, dass die Handelsbeziehungen drastisch runtergefahren werden. Zugleich treibt viele Unternehmen die Sorge um ihre Belegschaften in Russland um – und in manchen Fällen auch die Existenz des gesamten eigenen Unternehmens hier in Deutschland. Es ist auch ein Unterschied, ob ich eine eigene Fabrik in Russland komplett schließe oder nur aktuell Lieferungen einstelle. Auch die EU-Kommission schlägt ja mit den aktuellen Sanktionen nicht alle Türen für die Zukunft zu.  

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Gehört zu dieser Verantwortung, dass deutsche Manager ihre Aufsichtsratsposten in russischen Banken und Unternehmen räumen? 
Ich erwarte, dass es auch hier zu einer drastischen Korrektur kommt – im Zweifel sogar noch deutlicher. Denn hier hängen in der Regel ja nicht unmittelbar unternehmerische Existenzen oder Belegschaften in Deutschland dran. 

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