Energiewende: Die Wasserstoff-Revolution gerät ins Stocken
Berlin. Klimafreundlicher Wasserstoff soll zum Energieträger der Zukunft werden – doch die Transformation stockt. Das belegen am Mittwoch veröffentlichte Zahlen des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Uni Köln (EWI).
Demnach haben in Deutschland bislang nur Wasserstoff-Produktionsanlagen (Elektrolyseure) mit einer Kapazität von 0,3 Gigawatt den Status „in Bau“ oder „finale Investitionsentscheidung liegt vor“ erreicht. Die Diskrepanz zu den mittelfristigen Zielen ist gewaltig. Bereits bis 2030 sollen nach den Plänen der Bundesregierung zehn Gigawatt fertiggestellt sein.
Deutschland befinde sich beim Thema Wasserstoff erst am Anfang eines langen Weges, sagte Gabriel Clemens, Geschäftsführer von Eon Hydrogen. Es bestehe eine große Lücke zwischen geplanten Projekten und finalen Investitionsentscheidungen.
Das EWI ermittelt die Daten im Auftrag von Eon. Der Energiekonzern erstellt auf Basis der Daten seine halbjährliche Wasserstoff-Bilanz.
Nur wenn aus allen Projekten Realität wird, lassen sich die Ziele erreichen
Das EWI führt seit 2019 eine Datenbank zu Wasserstoff-Projekten in Deutschland. Erfasst werden alle Vorhaben ab einer bestimmten Größenklasse, die öffentlich angekündigt wurden. Die EWI-Daten reichen aktuell bis Februar 2024. Das Volumen der angekündigten Projekte hat sich laut EWI von August 2023 bis Februar 2024 von 8,7 Gigawatt auf 10,1 Gigawatt erhöht. „Nur wenn alle geplanten Projekte bis 2030 auch tatsächlich verwirklicht werden, lässt sich das Ziel der Bundesregierung erreichen“, sagte Tobias Sprenger vom EWI.
Die Bundesregierung verfolgt ehrgeizige Pläne: Grüner Wasserstoff, der durch Elektrolyse unter Einsatz von Strom aus erneuerbaren Quellen hergestellt wird, gilt als Schlüssel zur Transformation der Industrie. Er soll in den kommenden Jahren in der Industrie Erdgas, Erdöl und Kohle schrittweise ersetzen.
Nach Einschätzung der meisten Experten hat Deutschland das Potenzial, den künftigen Bedarf an klimaneutralem Wasserstoff zu 30 Prozent selbst zu decken. Das soll mit den zehn Gigawatt Elektrolysekapazitäten möglich werden. Der restliche Bedarf an klimaneutralem Wasserstoff soll aus dem Ausland importiert werden. Dazu werden Wasserstoff-Partnerschaften mit Ländern geschlossen, die großes Potenzial zur Erzeugung von grünem Wasserstoff haben.
Zertifizierung von Wasserstoff bleibt ein Problem
Die Gründe für die ausbleibenden Investitionsentscheidungen sind vielfältig. Eon verweist auf die noch immer bestehenden Unsicherheiten bei der Zertifizierung von klimaneutralem Wasserstoff. Außerdem vergehen oft Jahre von der Beantragung der Fördermittel bis zum Bewilligungsbescheid.
Hinzu kommt, dass es bislang keine nennenswerte Wasserstoff-Leitungsinfrastruktur gibt. Solange aber unklar ist, wann der Wasserstoff vom Elektrolyseur zum Abnehmer geliefert werden kann, bleiben die Investitionen aus. Die Ampelkoalition hat zwar erst kürzlich die Weichen für den Aufbau eines 9700 Kilometer langen Wasserstoff-Kernnetzes gestellt. Im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens wurde aber das Ziel, das Netz bis 2032 fertigzustellen, um fünf Jahre auf 2037 verschoben.