Großbritannien: Ein „Öko-Populist“ führt die Grünen zu historischem Erfolg
Berlin. Zack Polanski, der neue Parteivorsitzende der Grünen in England und Wales, rappt in einem Tiktok-Video – und sieht dabei aus, als hätte er wirklich Spaß daran. „Lasst uns Hoffnung wieder zur Normalität machen!“, ruft Polanski.
Dabei steht Großbritannien derzeit nicht gerade für Hoffnung. Hohe Lebenshaltungskosten zwingen viele Menschen, von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck zu leben. Im Sommer breiteten sich Anti-Einwanderungsproteste im ganzen Land aus und gipfelten in der größten rechtsextremen Demonstration seit Jahrzehnten. Und wieder einmal befindet sich die Regierung, die erst vergangenes Jahr mit überwältigender Mehrheit gewählt wurde, in einer Krise.
Doch trotz dieser Lage – oder vielleicht sogar gerade deswegen – stieg Polanski in den Reihen der Grünen auf. Und seither läuft es für die Grünen besser denn je. Seit seiner Wahl im September zum Parteichef ist die Popularität der britischen Grünen sprunghaft gestiegen.
Nach jahrelangem Schattendasein ist die Zahl der Parteimitglieder in den vergangenen drei Monaten um 100.000 auf 170.000 gestiegen. Die Grünen könnten in den kommenden Monaten zum ersten Mal überhaupt in den Umfragen die Arbeiterpartei Labour überholen.
Polanski zeigt eine bemerkenswerte Abkehr vom Trend. Europaweit haben Ökoparteien derzeit einen schweren Stand. Vor allem die Grünen in Deutschland sind so unpopulär wie seit langer Zeit nicht mehr. Der Druck auf die Grünen-Spitze vor dem Parteitag am kommenden Wochenende in Hannover ist groß. Umso genauer schauen sie auf Polanskis Erfolg. Wie ist ihm ein solcher Aufschwung gelungen? Und was können die deutschen Grünen davon lernen?
Vermögensteuer, Verstaatlichung, Legalisierung
Polanski fällt auf, nicht nur durch Rap-Videos. Sondern auch durch Klarheit in seinen Positionen. In Anlehnung an den ähnlich progressiven Zohran Mamdani, dem neuen Bürgermeister von New York, verspricht der selbsternannte „Öko-Populist“, seine Partei in eine radikale und entschieden linke Richtung zu führen.
Polanski vertritt unverblümt linke Ansichten, die in der britischen Politik selten zu hören sind. Er plädiert für eine Vermögensteuer. Er sagt, dass Wasserversorger wieder in öffentliches Eigentum überführt werden müssen. Er will sogar Drogen legalisieren, auch harte Drogen. „Man braucht jemanden wie Zack, der etwas Mutiges unternimmt. Das entspricht dem Zeitgeist“, sagt ein Vertreter der britischen Grünen.
Und Polanskis Erfolg basiert auf der direkten Ansprache der Leute. In den sozialen Medien gehen seine Videos oft viral. Er beteiligt sich an Tiktok-Trends, seine Instagram-Seite ist voller reposteter Interview-Clips und knackiger Kamerabeiträge. Seine Aussagen sind kurz, kämpferisch und direkt.
Durch die Ansprache von Wählern über Plattformen wie Tiktok und Instagram greifen die Grünen auch in die jüngere Wählerschaft der Labour-Partei ein – eine Gruppe, auf die die Arbeiterpartei traditionell gesetzt hat. Laut einer Umfrage von ITV News und Savanta sind die Grünen mittlerweile die bevorzugte Partei der 18- bis 25-Jährigen, deren Unterstützung sich von 16 Prozent im März auf 32 Prozent im November verdoppelt hat.
„Verantwortungsvolle Antworten, anstatt zu sensationalisieren“
Der Erfolg der Grünen wird davon beflügelt, dass sie in der Vergangenheit nicht erfolgreich waren. Ähnlich wie bei den rechtspopulistischen Parteien ist es auch für sie ein Vorteil, als Rebellen auftreten zu können, weil sie bislang nie regiert haben. Polanski kann sich mit der wachsenden Zahl britischer Wähler identifizieren, die das System als gescheitert ansehen, ohne selbst beschuldigt zu werden, Teil dieses Systems zu sein.
Das ist ein Problem, mit dem vor allem die Grünen in Deutschland zu kämpfen haben. Sie haben bis zum Frühjahr regiert, und ihre Bilanz gilt als nicht sonderlich erfolgreich. Das haben die Wähler abgestraft, die Grünen sind in der Opposition gelandet.
Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Chantal Kopf allerdings glaubt nicht daran, dass Polanskis Ansatz ihrer Partei helfen kann, sich wieder aufzurichten. „Populismus und Polarisierung sind das Problem und nicht die Lösung“, sagt die Politikwissenschaftlerin.
Es brauche prodemokratische, proeuropäische Parteien von Mitte-links bis Mitte-rechts, die zusammenstünden. Der Anspruch der Grünen müsse es sein, „verantwortungsvolle Antworten zu geben, anstatt Probleme in den sozialen Medien nur zu sensationalisieren“.
Auch in Großbritannien gibt es Befürchtungen, die Grünen könnten durch ihren deutlichen Schwenk nach links einen Teil ihrer bisherigen Wählerschaft verprellen. Doch unter den Parteimitgliedern scheint das die Minderheit zu sein. Sie verweisen auf die weit verbreitete Meinung in allen Teilen des Vereinigten Königreichs, dass das Zweiparteiensystem aus Labour und den konservativen Tories nicht mehr funktioniere.
„Das Feedback, das wir erhalten, zeigt, dass unsere Mitgliederzahlen überall steigen, sowohl in ländlichen als auch in städtischen Gebieten“, sagt der Insider von den britischen Grünen. „Ich denke also, es gibt keine Anzeichen dafür, dass dies ein Grund zur Sorge ist.“
Premier Starmer öffnete Flanke für die Grünen
Was es den britischen Grünen auch leichter macht als den Deutschen: In Großbritannien gibt es keine Partei weit Linksaußen so wie die Linkspartei in Deutschland. Würden die deutschen Grünen so sehr nach links rücken wie Polanski, konkurrierten sie noch stärker mit der Linkspartei.
Polanski hingegen kann sich voll auf bisherige Labour-Wähler konzentrieren. Die Popularität von Premierminister Keir Starmer ist auf einen historischen Tiefstand gesunken. Nach den Wahlen 2024 hatten die Labour-Wähler große Hoffnungen. Zuvor hatten aus ihrer Sicht 14 Jahre lang Tory-Regierungen zu Sparmaßnahmen und damit zum Zusammenbruch der öffentlichen Daseinsvorsorge beigetragen.
Doch Starmer erfüllte den Wunsch nach linker Politik nicht. Stattdessen reagierte er auf den Aufstieg von „Reform UK“ unter der Führung des Brexit-Vaters Nigel Farage. Starmer reagierte mit einer Reihe von harten Maßnahmen in den Bereichen Einwanderung, Sozialleistungen und Reformen der Behindertenrente.
Clive Lewis ist Labour-Abgeordneter für Norwich South und ein offener Kritiker seiner Partei. Er glaubt, dass das „Chaos“ der Regierung zum Aufstieg von Polanski und den Grünen geführt hat: „Wir haben es mit einer Labour-Führung zu tun, die sich auf den reformfreundlichen Teil unserer Wählerschaft konzentriert und unsere linke Flanke völlig ungeschützt lässt.“
Labour habe Polanski die Möglichkeit gegeben, zu ihrer Anhängerschaft zu sagen: ‚Wir sind die Partei für euch.‘ Lewis kritisiert: „Das hätte nicht passieren dürfen. Wir haben es ihm leicht gemacht.“
Scarlett Maguire ist Geschäftsführerin des Meinungsforschungsunternehmens Merlin Strategy und hat Untersuchungen zu dieser Wählergruppe durchgeführt, wer diese Wähler sind. „Das sind keine Wähler, die nur ein bisschen unzufrieden mit Labour sind. Sie haben sich komplett von ihr abgewandt“, sagt Maguire.
Ex-Labour-Politiker schließt sich Grünen an
Ähnlich wie in Deutschland stehen Themen wie Palästina, Transgender-Rechte und Migration im Mittelpunkt vieler linker, junger Wähler. Viele Wähler „fühlten sich in Bezug auf Gaza betrogen, sogar noch mehr als in Bezug auf die Umwelt, und wollten daher, dass diese moralischen Werte widergespiegelt werden“, so Maguire.
Rob Yates wurde 2019 zum Labour-Stadtrat für Margate im Thanet District Council gewählt und war sogar Bürgermeister der Stadt. Im September dieses Jahres gab er bekannt, dass er Labour verlassen und sich den Grünen anschließen werde.
„Sie haben dieses moralische Rückgrat“, sagt Yates. Es sei interessant, jemanden zu sehen, dessen Werte so klar seien: „Das sind progressive Werte, die meiner Meinung nach das Beste von Großbritannien repräsentieren.“
Wie erfolgreich Polanskis Kalkül, sich nach links zu orientieren, auf Dauer funktionieren wird, muss sich noch zeigen. Die Parlamentswahlen sind noch einige Jahre entfernt. Aber Polanski sagt der Labour-Partei bereits selbstbewusst: „Wir sind hier, um euch zu ersetzen.“