Verteidigung: Abwehr von Drohnen-„Jamming“ – Bundeswehr startet Wettbewerb
Berlin. Not macht erfinderisch: Weil russische Störsender ihre Drohnen vom Himmel holten, statteten die ukrainischen Streitkräfte die unbemannten Fluggeräte mir haarfeinen Glasfaserkabeln aus. Die Steuersignale werden über eine Drahtverbindung übertragen – und machen die Drohnen unempfindlicher gegen elektromagnetische Störversuche.
Diese kommen in verschiedenen Varianten daher. Beim sogenannten „Jamming“ lassen Störsignale die Funkverbindung zur Drohne abreißen, sodass sie abstürzt oder zur Landung gezwungen wird. Beim „Spoofing“ gaukeln Gegner der Drohne ein falsches GPS-Signal vor, um sie vom Kurs abzubringen.
Diese und weitere Varianten des elektronischen Kampfs sind eine Herausforderung, der sich in einem Drohnenkrieg auch die Bundeswehr stellen müsste. Deshalb suchen drei ihrer Zukunftseinheiten – die Cyberagentur, der Cyber Innovation Hub (CIH) und das Innovationslabor System Soldat – nun in einem Wettbewerb nach Ideen zur Abwehr elektronischer Bedrohungen.
Die an diesem Montag startende Spectra-Challenge richtet sich dabei nicht in erster Linie an Konzerne wie Rheinmetall oder große Forschungseinrichtungen wie die Fraunhofer-Institute. „Jeder kann mitmachen“, erklärt CIH-Chef Sven Weizenegger – die Start-up-Szene genauso wie Entwicklerinnen und Entwickler aus Forschung, Industrie oder Behörden. „Mit der Spectra-Challenge verknüpfen wir zivile Kreativität, militärischen Bedarf und technologische Entwicklung auf neuartige Weise“, sagt Christian Hummert, Forschungsdirektor der Cyberagentur.
Ein „Moonshot“-Track für Visionäre
Der Wettbewerb wird auf der KOINNO-Plattform des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie ausgeschrieben und verläuft auf zwei unterschiedlichen Pfaden, „Tracks“ genannt.
- Der Praxis-Track richtet sich an Teams, die schon in wenigen Monaten einsatznahe Prototypen entwickeln und vorführen können.
- Der sogenannte „Moonshot“-Track ist für Visionäre gedacht, die neue Denkansätze verfolgen und bestehende Paradigmen hinterfragen, aber vielleicht noch nicht über ein fertiges Produkt verfügen.
Allerdings bleibt nicht viel Zeit, um fertige Prototypen oder erste Konzeptideen präsentationsreif zu machen. Schon am 7. und 8. Oktober wird eine Fachjury bei den Pitch-Days in Erding die besten zehn Teams pro Pfad auswählen, die dann bis Ende November Zeit für die Ausarbeitung ihrer Lösung erhalten.
Dabei soll es auch ein intensives Coaching durch die Innovationsexperten der Bundeswehr und einen Austausch mit Praktikern aus der Truppe geben.
Vom 1. bis zum 5. Dezember werden dann in einer Praxiswoche die Ergebnisse unter realistischen Bedingungen getestet, demonstriert und bewertet. Für die drei besten Lösungsansätze gibt es Entwicklungshonorare von 100.000 Euro, 75.000 Euro und 50.000 Euro. Ziel ist, den gesamten Prozess von der Idee bis zum fertigen Produkt zu begleiten.
Die bundeseigene Cyberagentur – genauer: Agentur für Innovation in der Cybersicherheit – wurde im Sommer 2020 als Gesellschaft mit beschränkter Haftung gegründet und hat ihren Sitz in Halle an der Saale. Sie soll Schlüsseltechnologien und Innovationen für die innere und äußere Sicherheit nutzbar machen. Die Agentur mit knapp 100 Beschäftigten vergibt pro Jahr etwa 80 Millionen Euro für Forschungsprogramme.
Der Cyber Innovation Hub in Berlin wurde 2017 als Innovationseinheit des Bundesverteidigungsministeriums gegründet. Er versteht sich als Schnittstelle zwischen Bundeswehr und Start-up-Szene und bringt Innovatoren aus der Truppe und der Privatwirtschaft zusammen.
Das vor rund drei Jahren aufgebaute Innovationslabor System Soldat gehört zum Wehrwissenschaftlichen Institut für Werk- und Betriebsstoffe, das wiederum dem Koblenzer Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) unterstellt ist. Ein Schwerpunkt der Forschung im bayerischen Erding liegt in der Abwehr von Gefahren durch Klein- und Kleinstdrohnen.
In Erding wird derzeit auch das künftige Innovationszentrum der Bundeswehr aufgebaut, das Verteidigungsminister Boris Pistorius bei der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) im Februar angekündigt hatte.