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AbzugspläneKabuls Wirtschaft lebt vom Militär

Die wirtschaftlichen Aussichten für Afghanistan nach dem Truppenabzug sind trist. Prognosen halten den Staat ohne Hilfe für kaum lebensfähig. Der US-Senat warnt, es drohe eine „schlimme wirtschaftliche Depression“.Till Hoppe, Mathias Brüggmann 08.10.2011 - 17:34 Uhr Quelle: Handelsblatt ePaperArtikel anhören

Die afghanische Wirtschaft produziert kaum Exportgüter.

Foto: AFP

Düsseldorf/Berlin. Als „aufregend“ und „romantisch“ bezeichnete Ex-Präsident George W. Bush die Arbeit der Helfer in Afghanistan einmal. Vielen der Betroffenen dürfte heute eher ein anderes Adjektiv in den Sinn kommen: frustrierend. Denn auch zehn Jahre nach dem Beginn des von Bush angeordneten Einsatzes ist Afghanistan Lichtjahre davon entfernt, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen.

Zwar gibt es einige Erfolge, die von den Regierungen der internationalen Koalition gern in den Vordergrund gerückt werden: So hat sich die Zahl der Kinder versiebenfacht, die eine Schule besuchen. Die Gesundheitsversorgung wurde verbessert, zudem kommt die Wirtschaft des Landes durchaus voran: Seit 2002 hat sich das Bruttoinlandsprodukt auf rund 18 Milliarden Dollar in diesem Jahr vervierfacht. Entsprechend wachsen die Staatseinnahmen aus Steuern und Zöllen.

Dennoch stellt die International Crisis Group (ICG) fest: „Trotz Milliarden an Hilfen sind die staatlichen Institutionen weiterhin fragil und nicht in der Lage, der Mehrheit der Bürger grundlegende Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen und ihre Sicherheit zu garantieren.“ Bislang sei keine erfolgversprechende Strategie erkennbar, wie bis zum Truppenabzug 2014 ein lebensfähiger Staat aufzubauen sei, kritisiert der Think Tank.

Der US-Senat warnte im Juli in einem Lagebericht, Afghanistan drohe nach dem Abzug eine „schlimme wirtschaftliche Depression“. Das Ausmaß der Abhängigkeit des Landes ist tatsächlich dramatisch: Nach Schätzungen der Weltbank werden 97 Prozent der Wirtschaftsleistung durch Ausgaben für das ausländische Militär und die internationalen Helfer erwirtschaftet. Zudem wird die Hälfte aller Waren importiert, weil die heimische Wirtschaft zu wenig produziert. Die Folge ist ein riesiges Handelsbilanzdefizit.

Anschläge auf deutsche Soldaten
Ein Geländewagen fährt in der Nähe des deutschen ISAF-Camps in Kabul auf eine Mine. Ein deutscher Soldat stirbt.
In Kabul werden bei einem Selbstmordattentat vier Bundeswehrsoldaten getötet und 29 verletzt. Ein mit 150 Kilogramm Sprengstoff beladenes Taxi explodierte neben einem Bundeswehrbus.
In der Provinz Tachar bei Kundus kommen bei einer Entwaffnungsaktion im Distrikt Rustak zwei deutsche Soldaten ums Leben. Die Soldaten waren in eine Sprengfalle geraten.
In Kabul reißt ein Selbstmordattentäter einen Bundeswehrsoldaten mit in den Tod, zwei weitere werden verletzt.
Bei einem Selbstmordanschlag eines Taliban- Terroristen auf einem Markt in Kundus werden drei Soldaten einer Fußpatrouille getötet, zwei weitere verletzt.
Bei einem Selbstmordanschlag nahe Kundus werden drei Soldaten verletzt, zwei von ihnen schwer. Einer stirbt Anfang Oktober 2009 an den Spätfolgen.
Eine Patrouille der Bundeswehr gerät in der Nähe von Kundus in eine Sprengfalle. Ein Soldat stirbt, drei weitere werden verletzt.
Zwei deutsche Soldaten sterben bei einem Selbstmordanschlag nahe der Stadt Kundus. Die radikal-islamischen Taliban bekennen sich zu dem Anschlag.
In der Nähe der Stadt Kundus gerät eine Patrouille der Bundeswehr in einen Hinterhalt. Ein deutscher Soldat kommt ums Leben, vier weitere werden verletzt.
Nach einem Feuergefecht in der Region Kundus sterben drei Bundeswehrsoldaten. Sie waren bei einem Ausweichmanöver mit ihrem Transportpanzer umgekippt.
Bei schweren Gefechten im Unruhedistrikt Char Darah südwestlich von Kundus-Stadt werden drei Bundeswehrsoldaten getötet. Acht weitere Deutsche werden schwer verletzt.
Bei zwei Anschlägen nahe Baghlan fallen vier Bundeswehrsoldaten. Drei sterben in ihrem gepanzerten Fahrzeug „Eagle IV“ bei der Detonation einer ferngezündeten Sprengfalle. Ein Oberstabsarzt kommt ums Leben, als sein gepanzertes Sanitätsfahrzeug von Aufständischen beschossen wird.
Ein Selbstmordanschlag der Taliban reißt einen Bundeswehrsoldaten in den Tod. Sechs Soldaten werden verletzt, davon zwei schwer.
Bei einem Blutbad im Bundeswehr-Außenposten „OP North“ in der Provinz Baghlan tötet ein afghanischer Soldat zwei deutsche Bundeswehr-Angehörige. Es gab mehrere Schwerverletzte.
Bei einem Sprengstoffanschlag auf eine deutsche Patrouille in Afghanistan wird ein Bundeswehrsoldat getötet. Ein weiterer Soldat und ein afghanischer Übersetzer werden verletzt. Der Anschlag ereignete sich in der Unruheprovinz Kundus.
Bei einem Anschlag auf ein Treffen des Gouverneurs der Provinz Tachar unter anderem mit Bundeswehr-Soldaten werden mindestens zwei Deutsche getötet, nach afghanischen Angaben sogar drei. Der deutsche Kommandeur der Internationalen Schutztruppe Isaf in Nordafghanistan, General Markus Kneip, wird demnach verletzt.

Die einzigen nennenswerten Exportgüter - von Opium abgesehen - sind Trockenfrüchte, Saatgut und Teppiche. Auf dem Doing Business Index der Weltbank landet Afghanistan in einer Liste von 183 Staaten auf Platz 167. Als größte Hindernisse gelten neben der schlechten Sicherheitslage übermäßige Bürokratie, Korruption und eine unzuverlässige Politik.
Experten machen aber auch grobe Fehler der ausländischen Geberländer verantwortlich: Sie stellten Afghanistan nur einen Bruchteil der Summen zur Verfügung, die sie für die Militäreinsätze ausgaben. Laut dem Finanzministerium in Kabul hat die internationale Gemeinschaft seit 2002 Gelder von 90 Milliarden Dollar versprochen, aber erst 57 Milliarden Dollar ausgezahlt.

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Die Hilfen seien weitgehend eingesetzt worden, um militärisch eroberte Gebiete kurzfristig zu stabilisieren, kritisiert die ICG. Tragfähige Strukturen habe man jedoch kaum errichtet. Da nur jeder fünfte Dollar an afghanische Institutionen floss, sind lokale Behörden nun kaum in der Lage, das Land selbstständig zu verwalten.
Rohstoffboom als Ausweg.

So beschränkt sich die Hoffnung auf gigantische Rohstoffvorkommen: Lithium, Eisen, Gold und Kupfer im Wert von mehr als einer Billion Dollar wurden am Hindukusch entdeckt. Als erste schlugen die Chinesen zu und sicherten sich mit Aynak die weltgrößte Kupfermine. Seither wächst in Afghanistan die Furcht vor einer Entwicklung wie im Kongo: Dort trieb der Wettlauf um Rohstoffe die lokalen Kriegsherren in Kämpfe um die Vorherrschaft. Der für Afghanistan zuständige US-General David Petraeus sieht dennoch „atemberaubende Möglichkeiten“. Denn neben den reichen Vorkommen strategisch wichtiger Rohstoffe ist Afghanistan auch ein wichtiges Transitland für Pipelines in Zentralasien.

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