Abzugspläne: Kabuls Wirtschaft lebt vom Militär
Die afghanische Wirtschaft produziert kaum Exportgüter.
Foto: AFPDüsseldorf/Berlin. Als „aufregend“ und „romantisch“ bezeichnete Ex-Präsident George W. Bush die Arbeit der Helfer in Afghanistan einmal. Vielen der Betroffenen dürfte heute eher ein anderes Adjektiv in den Sinn kommen: frustrierend. Denn auch zehn Jahre nach dem Beginn des von Bush angeordneten Einsatzes ist Afghanistan Lichtjahre davon entfernt, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen.
Zwar gibt es einige Erfolge, die von den Regierungen der internationalen Koalition gern in den Vordergrund gerückt werden: So hat sich die Zahl der Kinder versiebenfacht, die eine Schule besuchen. Die Gesundheitsversorgung wurde verbessert, zudem kommt die Wirtschaft des Landes durchaus voran: Seit 2002 hat sich das Bruttoinlandsprodukt auf rund 18 Milliarden Dollar in diesem Jahr vervierfacht. Entsprechend wachsen die Staatseinnahmen aus Steuern und Zöllen.
Dennoch stellt die International Crisis Group (ICG) fest: „Trotz Milliarden an Hilfen sind die staatlichen Institutionen weiterhin fragil und nicht in der Lage, der Mehrheit der Bürger grundlegende Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen und ihre Sicherheit zu garantieren.“ Bislang sei keine erfolgversprechende Strategie erkennbar, wie bis zum Truppenabzug 2014 ein lebensfähiger Staat aufzubauen sei, kritisiert der Think Tank.
Der US-Senat warnte im Juli in einem Lagebericht, Afghanistan drohe nach dem Abzug eine „schlimme wirtschaftliche Depression“. Das Ausmaß der Abhängigkeit des Landes ist tatsächlich dramatisch: Nach Schätzungen der Weltbank werden 97 Prozent der Wirtschaftsleistung durch Ausgaben für das ausländische Militär und die internationalen Helfer erwirtschaftet. Zudem wird die Hälfte aller Waren importiert, weil die heimische Wirtschaft zu wenig produziert. Die Folge ist ein riesiges Handelsbilanzdefizit.
Die einzigen nennenswerten Exportgüter - von Opium abgesehen - sind Trockenfrüchte, Saatgut und Teppiche. Auf dem Doing Business Index der Weltbank landet Afghanistan in einer Liste von 183 Staaten auf Platz 167. Als größte Hindernisse gelten neben der schlechten Sicherheitslage übermäßige Bürokratie, Korruption und eine unzuverlässige Politik.
Experten machen aber auch grobe Fehler der ausländischen Geberländer verantwortlich: Sie stellten Afghanistan nur einen Bruchteil der Summen zur Verfügung, die sie für die Militäreinsätze ausgaben. Laut dem Finanzministerium in Kabul hat die internationale Gemeinschaft seit 2002 Gelder von 90 Milliarden Dollar versprochen, aber erst 57 Milliarden Dollar ausgezahlt.
Die Hilfen seien weitgehend eingesetzt worden, um militärisch eroberte Gebiete kurzfristig zu stabilisieren, kritisiert die ICG. Tragfähige Strukturen habe man jedoch kaum errichtet. Da nur jeder fünfte Dollar an afghanische Institutionen floss, sind lokale Behörden nun kaum in der Lage, das Land selbstständig zu verwalten.
Rohstoffboom als Ausweg.
So beschränkt sich die Hoffnung auf gigantische Rohstoffvorkommen: Lithium, Eisen, Gold und Kupfer im Wert von mehr als einer Billion Dollar wurden am Hindukusch entdeckt. Als erste schlugen die Chinesen zu und sicherten sich mit Aynak die weltgrößte Kupfermine. Seither wächst in Afghanistan die Furcht vor einer Entwicklung wie im Kongo: Dort trieb der Wettlauf um Rohstoffe die lokalen Kriegsherren in Kämpfe um die Vorherrschaft. Der für Afghanistan zuständige US-General David Petraeus sieht dennoch „atemberaubende Möglichkeiten“. Denn neben den reichen Vorkommen strategisch wichtiger Rohstoffe ist Afghanistan auch ein wichtiges Transitland für Pipelines in Zentralasien.