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Al-Baghdadi und Islamischer StaatDem IS-Anführer auf der Spur

Vom Hörsaal ins Gefängnis, von der Haft zum meistgesuchten Mann der Welt: Ein Reporterteam hat sich auf Spurensuche des IS-Anführers al-Baghdadi begeben. Wer ist der Terrorist, den die ganze Welt fürchtet?Kevin Knitterscheidt 19.02.2015 - 15:33 Uhr Artikel anhören

Im Juli 2014 tritt Abu Bakr al-Baghdadi erstmals in Erscheinung. In einer Moschee im irakischen Mossul bekräftigt er seinen Anspruch auf das Kalifat, also die Stellvertretung Allahs auf Erden, und damit auf die Herrschaft über alle gläubigen Muslime.

Foto: ap

Düsseldorf. Er hat Osama Bin Laden als meistgesuchten Mann der Welt beerbt. Bekannt war dennoch bisher nur wenig über Abu Bakr al-Baghdadi, den selbsternannten Kalifen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Nun ist ein Team von Süddeutscher Zeitung (SZ) und ARD im Irak auf Spurensuche gegangen: Wer ist dieser Mann, den sogar Al-Qaida für seine grausamen Verbrechen verurteilt, wo kommt er her, wie wurde er, was er ist?

Es sind vor allem Dokumente, die diese Fragen beantworten sollen. Unauffällige Dokumente, wie al-Baghdadis Abiturzeugnis und sein erster Personalausweis, seine Staatsbürgerschaftsurkunde und seine Studienbewerbung. In monatelanger Recherche hat das Team sie zusammengetragen, zum Teil unter Mithilfe der Behörden im Irak, wo al-Baghdadi der SZ zufolge vor rund 44 Jahren in Samarra geboren wurde; nur 15 Kilometer entfernt von der heutigen Frontlinie zwischen dem Irak und dem IS.

Seine Kindheit verläuft demnach unauffällig. Als Sohn einer Bauernfamilie – „weder arm noch reich“, so der Bericht – habe Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri, wie al-Baghdadi bürgerlich heißt, seine Nachmittage gern mit Fußballspielen verbracht. Schon damals sei er jedoch machtbesessen gewesen, zitiert die ARD einen ehemaligen Nachbar: „Er wollte immer der Anführer sein.“

Laut seiner Staatsbürgerschaftsurkunde wurde al-Baghdadi als Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri in Samarra geboren. In einer monatelangen Recherche haben die Süddeutsche Zeitung und die ARD zahlreiche persönliche Dokumente des Terrorfürsten zusammengetragen.

Foto: NDR

Heute führt al-Baghdadi einen erbarmungslosen „Heiligen Krieg“ im Irak, in Syrien und seit kurzem auch in Libyen. Viele tausend Menschen sind Opfer der grausamen IS-Justiz geworden, verstümmelt, versklavt oder ermordet.

Kaum ein anderer Terrorist geht so rigoros auch gegen Abweichler in den eigenen Reihen vor. So berichtet ein 14-jähriger Syrer, der vom IS als Selbstmordattentäter angeworben wurde, dem NDR-Magazin „Weltspiegel“: „Sie sagen, wer keinen Treueeid auf den Kalifen geschworen hat, stirbt als Ungläubiger.“

Dabei scheint al-Baghdadi zunächst eine gemäßigte Laufbahn einzuschlagen. Anders als die meisten hochrangigen Terroristen, wie Osama bin Laden (Bauunternehmer) oder dessen Nachfolger Aiman az-Zawahiri (Chirurg), genoss der IS-Führer eine theologische Ausbildung.

Laut al-Baghdadis Schulabschlusszeugnis von 1991 war der meistgesuchte Terrorist der Welt ein guter Schüler. Besonders Mathematik und Geografie lagen ihm. Schwach war al-Baghdadi in Englisch. Sein Betragen bewerten die Lehrer als „anständig“.

Foto: NDR

Nach dem Abitur, das er mit 481 von 600 Punkten erst im zweiten Anlauf absolviert, zieht al-Baghdadi laut SZ nach Bagdad, um dort an der Universität für Islamisches Recht zu studieren. Weil seine Abschlussnote für ein Jurastudium nicht reicht, schreibt er sich für Rechtsprechung ein. Später wechselt er zu Koranwissenschaft.

Heute hilft ihm seine Ausbildung dabei, die fürchterlichen IS-Verbrechen zu rechtfertigen. Zuletzt verteidigte der IS die Verbrennung des jordanischen Kampfpiloten Muaz al-Kasaesbeh nach Kritik aus den eigenen Reihen mit einer überaus großzügigen Auslegung des Korans, in dem Mohammed diese Form der Bestrafung eigentlich ausdrücklich verbietet: „Niemand darf mit dem Feuer bestrafen außer Gott.“

Neben zahlreichen Dokumenten förderte die Recherche von SZ und NDR auch neues Bildmaterial zutage. Bis zum ersten öffentlichen Auftritt al-Baghdadis waren lediglich zwei Fotos des IS-Anführers bekannt.

Foto: NDR

Bis zu Beginn des Irakkriegs bleibt al-Baghdadi nach den Recherchen von SZ und ARD eher unauffällig. Dann folgt ein Bruch, der möglicherweise Hinweise darauf gibt, wie aus dem unbekannten Jungen aus Samarra der einflussreichste Terrorist der Welt werden konnte: 2003 wird al-Baghdadi in das amerikanische Bucca-Gefängnis im südlichen Irak gebracht und aus unbekannten Gründen inhaftiert.

Hier habe der damalige Theologiestudent zahlreiche irakische Militärs, radikale Prediger und ehemalige Geheimdienstler kennengelernt, so die SZ. So sei die fast die gesamte derzeitige Führungsriege des IS damals gemeinsam im Bucca-Gefängnis eingesperrt gewesen. Das Camp der Amerikaner trägt daher im Irak heute einen Spitznamen: „die Akademie“.

Schon nach zehn Monaten wird al-Baghdadi im Dezember 2004 wieder entlassen. Aber erst zweieinhalb Jahre später, pünktlich nach seiner Promotion über „Die einzigartigen Perlen bei der Erläuterung des Schatibi-Gedichts“, geht er in den Untergrund. Offenbar habe die Al-Qaida-Führung im Irak ihn gedrängt, sein während der Haft unterbrochenes Studium vorher zu beenden, zitiert die SZ einen Insider aus der salafistischen Szene in Bagdad.

Während seines Studiums engagiert er sich in der Bagdader Al-Zaidan-Moschee als Muezzin. Es ist die Moschee des Hasspredigers Scheich Omar, der später vor den Amerikanern flüchten muss, weil er die sunnitische Gemeinde gegen Schiiten aufhetzt. Al-Baghdadi bleibt zu diesem Zeitpunkt laut den Ergebnissen des Rechercheverbundes noch völlig unbehelligt.

Nach seinem Abschluss an der Universität für Islamisches Recht – Note „sehr gut“, 82 von 100 möglichen Punkten – kämpft al-Baghdadi zunächst für den irakischen Ableger von Al-Qaida und wird später Mitglied des „Mudschaheddin Schura-Rates“. Damit ist er verantwortlich für die Auslegung der Scharia, das religiöse Recht des Islam.

Erst jetzt gewinnt die Terrorkarriere des al-Baghdadi richtig an Fahrt: Womöglich aufgrund seines wissenschaftlichen Hintergrunds wählen die irakischen Al-Qaida-Terroristen al-Baghdadi im Mai 2010 zum Emir, vermutet das Reporterteam.

Dann geht alles schnell. Nach ersten Kampferfolgen und zahlreichen Besetzungen in Syrien greift der IS den Nordirak an. Im April 2013 wird der „Islamische Staat“ ausgerufen. Im Juli desselben Jahres, fast zehn Jahre nach seiner Entlassung aus dem Bucca-Gefängnis, tritt Abu Bakr al-Baghdadi erstmals öffentlich in Erscheinung: beim Freitagsgebet in einer Moschee in Mossul.

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In einer Videoaufzeichnung bekräftigt er seinen Anspruch, Führer aller gläubigen Muslime zu sein. Bis dahin sind lediglich zwei Fotos von al-Baghdadi öffentlich geworden, berichtet die BBC.

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