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Asien Warum das Coronavirus die japanische Wirtschaft so schlagartig verändert

Masken tragen, Hände desinfizieren – Grippeprävention ist in Japan üblich. Doch nun revolutionieren die Japaner ihre Arbeitskultur im Kampf gegen das Virus.
22.02.2020 - 15:53 Uhr Kommentieren
Das Land hat seine bisher schon übliche Vorbeugung in den letzten Wochen noch einmal drastisch gesteigert. Quelle: dpa
Coronavirus in Japan

Das Land hat seine bisher schon übliche Vorbeugung in den letzten Wochen noch einmal drastisch gesteigert.

(Foto: dpa)

Tokio In Japan hat die Coronavirus-Epidemie anscheinend ein willkommenes Opfer gefordert: die Grippe-Saison. In der vergangenen Februar-Woche haben sich 60 Prozent weniger Menschen mit dem viralen Massenmörder infiziert als ein Jahr zuvor, meldet Japans Gesundheitsministerium. Die Nachrichtenagentur Kyodo spekulierte prompt, dass dies „der Angst der Öffentlichkeit vor dem neuen tödlichen Coronavirus“ zu verdanken sei. 

Tatsächlich hat das Land seine bisher schon übliche Vorbeugung in den letzten Wochen noch einmal drastisch gesteigert. Schon seit Jahren tragen Japaner in Bahnen Masken, um sich selbst zu schützen und vor allem eigene Viren nicht zu verstreuen. Zudem laden in vielen Gebäudelobbys, Büros, Restaurants und Geschäften Alkoholspender zum Desinfizieren der Hände ein.

Doch nun tragen auch die Unternehmen und Behörden mit radikalen Maßnahmen und Veränderungen der Arbeitskultur dazu bei, die Möglichkeit zu Ansteckungen massiv zu senken. Denn inzwischen schwingt im ganzen Land die Angst mit, dass die olympischen Sommerspiele von Tokio in eine andere Stadt verlegt werden könnten. 

„Ich sorge mich, dass Athleten aus anderen Ländern nicht kommen wollen, wenn sich die Lage in Japan verschlechtert“, sagt Musashi Imon, ein Angestellter der Tokioter Börse. Auch der japanische Virologe Hitoshi Oshitani von der Tohoku japanische Virologen will das Horrorszenario nicht ausschließen, das Japan ohne Erträge auf Milliardeninvestitionen sitzen bleiben könnte.

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    Noch übt er sich allerdings in Zuversicht. „Wahrscheinlich werden wir im Juli keine großen Ausbrüche haben“, meint er. Denn die Regierung, die Unternehmen und die Bevölkerung greifen die möglichen Infektionswege des Coronavirus wirklich auf breiter Front an.

    Selbst Pressekonferenzen werden abgesagt 

    Die Stadt Tokio lässt beim jährlichen Massenmarathon nur noch professionelle Läufer an den Start. Messen wie die Foto-Ausstellung CP+ werden eine nach der anderen gestrichen. Die Tokyo Game Show ersetzte am Freitag ihre Auftaktpressekonferenz für die Spielemesse im September durch eine dürre Pressenotiz, Nissan das Event für seinen erneuerten Minivan Roox durch eine Live-Übertragung im Internet.

    Auch intern greifen die Firmen durch: Eine Managerin eines Wertpapierhauses wurde nach der Rückkehr aus China für 14 Tage nach Hause geschickt, um dort die Inkubationszeit auszusitzen. „Ich habe mir dann ein Notebook eines Kollegen geliehen und von meiner Wohnung aus gearbeitet“, erzählt sie.

    Nur zum Einkaufen sei sie jeweils kurz nach draußen gegangen. Als Ersatz für ihre Dauerläufe am nahen Fluss kaufte sie sich ein Trainingsrad für die Wohnung.

    Nun arbeitet sie wieder in der Firma. Doch das Arbeitsklima hat sich schlagartig verändert. Die traditionelle Morgenkonferenz des Teams findet plötzlich digital statt. Der vortragende Mitarbeiter sitzt nun allein im Konferenzzimmer, der Rest wählt sich von den Arbeitsplätzen ein, meist mit Masken auf dem Gesicht.

    Der Atemschutz wurde sogar zu einem Werbegeschenk an die Schalterkunden des Brokers aufgewertet. Und die Masken dürften dankbar angenommen werden, denn in Drogerien sind sie inzwischen meist ausverkauft und werden – wenn vorrätig – nur rationiert abgegeben. 

    Telearbeit wird zum viralen Hit

    Der Broker ist damit Teil einer nationalen Massenbewegung. Selbstquarantäne für China-Rückkehrer ist weit verbreitet, China-Reisen werden meist gestrichen. Und viele Unternehmen, die bisher auf die Anwesenheit ihrer Mitarbeiter großen Wert legten, ermutigen die Belegschaft plötzlich dazu, von zuhause aus zu arbeiten. 

    Toyota beispielsweise veröffentlichte am 18. Februar eine umfassende Leitlinie, die sich für Japan wie ein Aufruf zu einer Kulturrevolution liest. Die Mitarbeiter sollen flexible Arbeitszeiten nutzen oder von zu Hause aus arbeiten, um Menschenansammlungen in vollgestopften Zügen zur Rushhour zu vermeiden. Unwichtige Geschäftstreffen und Seminare sollten gestrichen, interne Meetings verschoben oder durch Videokonferenzen ersetzt werden. 

    Noch ist offen, ob die Telearbeit vom politischen Slogan der Regierung tatsächlich zu einem dauerhaften viralen Hit wird. Ausgeschlossen ist es nicht. Immerhin nutzt die Regierung die Virusangst, um ihre nationale Kampagne zur Reform der Arbeitskultur zu fördern.

    In ihrem jüngst veröffentlichten Firmenleitfaden zum Umgang mit der Epidemie und Erkrankten führt ein prominent platzierter Link die Firmen zum „umfassenden Telework-Portal“ des Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt. Und einen Hinweis auf gebührenfreie Beratungshotlines gibt es gleich noch dazu.

    Die Maßnahmen kommen bei den Japaner gut an. Als Familienvater schätzt der Börsenangestellte Imon die Möglichkeit, mehr Zeit von zuhause aus arbeiten zu können. Und dies nicht nur, weil dies das Ansteckungsrisiko für sein Kind senken kann. Auch die Work-Life-Balance gleicht sich an. 

    Der Versicherungsmanager Seitaro Tasaki, der nun für eine zweite Karriere als Jurist studiert, nimmt diese neuen Wahlmöglichkeiten ebenfalls erfreut zur Kenntnis. Allerdings sieht er reihenweise Absage von Messen und Meetings kritisch. „Einige Treffen sind wichtig und sollten nicht gestrichen werden.“ 

    Noch harscher geht er allerdings mit dem Entschluss der Regierung zu Gericht, bisher nur Chinesen aus den Provinzen Hubei und Zhejiang die Einreise zu verweigern. „Das ist vielleicht verständlich, weil wir viele Verbindungen mit China haben und die Regierung die angespannten Beziehungen mit China verbessern will“, meint der 40-jährige. „Aber die Kontrollen sollten strikter sein.“ Andere Länder haben schließlich auch die Grenzen dichter gemacht. 

    Auch die laxe Behandlung der Passagiere vom Kreuzfahrtschiff Princess Diamond, auf der 3700 Passagiere und Crewmitglieder 14 Tage lang in Quarantäne leben mussten, irritiert zahlreiche Japaner. Bis Freitag wurden alle Passagiere, die negativ auf das Coronavirus getestet wurden, von Bord gelassen.

    Die Hongkongerin Yardley Wong beschwert sich auf Twitter, dass sie und andere ehemalige Passagiere auf einmal als „Gefahr für die Öffentlichkeit“ beschrieben werden. Denn viele Japaner fürchten offenbar, dass mit dem Menschen auch Viren von Bord gingen. 

    Tatsächlich ist das kleine Kreuzfahrtschiff mit 632 positiv getesteten Fällen und zwei Todesopfern der größte Virenhotspot außerhalb Chinas. Und das amerikanische Seuchenkontrollamt hat gewarnt, dass sich auch Passagiere aus der Quarantäne schon angesteckt haben könnten. Dabei hat Japan selbst mit lokalen Ansteckungen an Land schon genug zu kämpfen. 

    Bisher wurden landesweit 106 Virusträger registriert. Außerhalb Chinas hat nur Südkorea mehr Fälle. Denn dort ist die Zahl der Infizierten diese Woche nach einem lokalen Ausbruch des Coronavirus in der Millionenmetropole Daegu bis Freitag auf 204 gestiegen. 

    Mehr: Der Corona-Schock: Wie das Virus die Weltwirtschaft infiziert.

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