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AtomkraftTaiwans Energiekrise – Warum der grüne Wandel stockt

Die Volksabstimmung zur Atomkraft ist gescheitert – doch auch bei Wind- und Solarenergie kommt Taiwan kaum voran. Schuld sind politische Blockaden, verfehlte Anreize und China.Klaus Bardenhagen 24.08.2025 - 16:25 Uhr Artikel anhören
Das abgeschaltete Atomkraftwerk Maanshan: Beste Strandlage, eingerahmt von Windkrafträdern – ein Symbol für Taiwans Energiekrise. Foto: picture alliance / Anadolu

Taipeh. „Taiwan braucht Atomkraft!“, fordern Hunderte Menschen am Freitagabend in Taiwans Hauptstadt Taipeh. Sie halten Schilder hoch, auf denen „Zustimmung“ steht. Es ist der Abend vor dem Volksentscheid, bei dem über eine Abkehr vom Atomausstieg des Inselstaats abgestimmt wird.

Die Stimmung der Menschen vor Ort ist eindeutig. Etwa bei einem Künstlerpaar, das aus dem Umland angereist ist. „Atomkraft ist sauberer als Kohle und billiger als erneuerbare Energie“, sagt Raza Chen. Und Lupus Liu betont: „Taiwan sollte sich nicht auf Energieimporte verlassen.“

Am Ende scheitert das Referendum, obwohl sich mehr als 73 Prozent der Teilnehmer für die Atomkraft ausgesprochen hatten. Es kamen aber nur 4,3 Millionen Jastimmen statt der notwendigen fünf Millionen zusammen. Dabei gilt die Energieversorgung als Schwachstelle des hochindustrialisierten, von China bedrohten Taiwans mit seinen mehr als 23 Millionen Einwohnern. Auch weil der Ausbau erneuerbarer Energien kaum noch vorankommt.

Drei Atomkraftwerke trieben einst Taiwan an. Mitte der 1980er erzeugten sie mehr als die Hälfte des Stroms. Nach dem Ende ihrer 40-jährigen Laufzeiten wurde eines nach dem anderen abgeschaltet – der Atomausstieg war ein Wahlversprechen der Regierungspartei DPP (Democratic Progressive Party), auch als Reaktion auf eine starke Anti-Atom-Bewegung nach der Reaktorhavarie in Fukushima. 2016 wurde neben dem Atomausstieg auch angeordnet, dass Taiwans Strom 2025 zu 20 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammen soll.

Im Mai dieses Jahres ging dann als letzter Reaktor das AKW Maanshan vom Netz, gelegen an der Südspitze der Insel direkt neben einem Badestrand. Doch wurden die Zweifel lauter, ob Taiwan sich den Verzicht wirklich leisten kann. Denn 2024 lag der Anteil der Erneuerbaren erst bei rund elf Prozent. Die Opposition beantragte die Volksabstimmung mit der Forderung: Falls es keine Sicherheitsbedenken gibt, soll Maanshan wieder ans Netz gehen.

Beste Voraussetzungen für erneuerbare Energien

Dahinter steckt auch ein potenziell kritisches Problem, das über den Nachhaltigkeitsaspekt hinausgeht. So stammten 93 Prozent der gesamten Energie Taiwans aus fossilen, per Schiff importierten Energieträgern: Öl, Kohle und Flüssiggas (LNG). Seit 2022 probt China immer wieder mit großen Manövern offen eine Seeblockade, die diese Importe verhindern würde.

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Ob Atomkraft diese Gefahr von Energieknappheit kostengünstig entschärfen könnte oder ob sie im Gegenteil weitere unkalkulierbare Risiken zu hohen Kosten brächte, darüber wird in Taiwan seit vielen Jahren debattiert.

Entsprechend vorsichtig reagierte Präsident Lai Ching-te von der DPP auf das Ergebnis des Volksentscheids: Zwar seien AKW in Taiwan momentan Geschichte. Aber das könne sich auch wieder ändern, falls die Akzeptanz steige, die Technologie sicherer werde und weniger Atommüll anfalle.

Unabhängigkeit und Durchhaltevermögen versprechen erneuerbare Energien. Die Insel bietet dafür gute Voraussetzungen: Etwa auf der Höhe der Sahara gelegen, scheint die Sonne hier kräftig. Und in der Meerenge, die Taiwan von China trennt, weht konstant ein starker Wind.

Taiwan war lange der Darling der Offshore-Industrie im Asien-Pazifik-Raum.
Raoul Kubitschek
Vorsitzender der Taiwan Renewable Energy Alliance

Der Ausbau von Solar- und Windenergie lief einige Jahre prächtig – die Kapazität stieg von 1,2 beziehungsweise 0,7 Gigawatt installierter Leistung 2016 auf 14,3 respektive 3,9 GW (davon drei GW Offshore) 2024. Unternehmen aus Deutschland, Dänemark und Japan boten bei Auktionen auf den lukrativen Offshore-Markt mit. Aktuell ist Taiwan das Land mit der siebtgrößten installierten Offshore-Kapazität. Sie entspricht etwa einem Drittel der deutschen.

„Taiwan war lange der Darling der Offshore-Industrie im Asien-Pazifik-Raum“, sagt auch Raoul Kubitschek. Der Deutsche lebt seit 18 Jahren in Taiwan und ist Vorsitzender der Taiwan Renewable Energy Alliance, einer Lobby für grüne Energie. Doch die Goldgräberstimmung endete jäh: „Irgendwann stürzte das total ab, wegen der Pandemie, der Inflation und verfehlter Politik.“

Prioritätenliste mit Unternehmen für den Ernstfall

Ausländische Unternehmen mussten taiwanische Firmen als Dienstleister und Zulieferer ins Boot holen. Das erhöhte die Kosten. Als dann die Regierung die garantierten Einspeisetarife abschaffte, waren neue Projekte kaum noch zu finanzieren. Nach Kritik aus der EU versprach die Regierung, die Lokalisierungs-Vorgaben aufzuweichen. Viele Firmen haben sich aber bereits aus Taiwan zurückgezogen, RWE etwa 2023. Als sicher gilt, dass auch Chinas immer unverhohlenere Drohungen für zusätzliche Verunsicherung bei Unternehmen und Banken sorgten.

Gleichzeitig steigt der Energiehunger, vor allem in der strategisch unverzichtbaren Halbleiterindustrie. Zu allem Überfluss ist Taiwans zentralisiertes Stromnetz instabil und anfällig für Schwankungen und Attacken. „Es ist zurzeit etwas deprimierend“, sagt Kubitschek.

Auch der Ausbau der Solarenergie stockt, nachdem sich die installierte Kapazität seit 2021 etwa verdoppelt hatte. Auf vielen Dächern von Schulen und Fabriken glitzern nun Module, bei großen Neubauten sind sie vorgeschrieben, für Eigenheimbesitzer gibt es Zuschüsse. Zugleich entstanden in ländlichen Regionen große Freiflächenanlagen.

Doch die einfach zu erschließenden Solar-Standorte seien größtenteils abgegrast, sagt Kubitschek. „Der Boom flacht sich jetzt völlig ab.“ Größte Hemmnisse seien zentralisierte Genehmigungsprozesse und überlappende Zuständigkeiten von Wirtschafts- und Agrarministerium. „Das gehört viel stärker in lokale Verantwortung.“

Generell hat Kubitschek den Eindruck, Taiwans Behörden stellten die Energieversorgung noch immer primär als wirtschaftspolitisches Problem dar – statt als Frage der nationalen Sicherheit.

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Diese Sicht kann Tsaiying Lu, Energieexpertin beim regierungsfinanzierten Thinktank DSET, nicht teilen. Die Behörden hätten auf die veränderte Bedrohungslage reagiert. Im Krisenfall werde die Regierung Kohlekraftwerke aus der Reserve hochfahren und Elektrizität rationieren, sagt sie. „Es gibt Listen, welche Firmen und Branchen Priorität hätten.“ Mit solchen Maßnahmen könne Taiwan mindestens 40 Tage ohne Energieimporte überstehen – in gängigen Szenarien genug Zeit, damit die US-Marine aufseiten Taiwans eingreifen könnte.

Als Schwachstelle sieht Lu aber, ebenso wie Kubitschek, die Infrastruktur. Die Komponenten im Stromnetz seien zu eng miteinander verzahnt und damit störungsanfällig. Dabei denken die Experten nicht nur an militärische Angriffe. Auch Sabotageakte, Cyberattacken oder die in Taiwan häufigen Taifune und Erdbeben könnten das Netz zusammenbrechen lassen. Nötig sei Dezentralität, sagt Lu. Mehr Microgrids, Energiespeicher und Umspannwerke würden das Netz widerstandsfähiger machen, nach dem Vorbild der Ukraine.

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