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Abiturprüfung

Die Abiturprüfungen haben in Deutschland überall stattgefunden – oder liegen in den letzten Zügen.  

(Foto: dpa)

Bildung So gehen die Schulen in Europa mit dem Coronavirus um

Deutsche Schüler verlieren weit weniger Schulzeit als ihre europäischen Freunde. Soziale Gerechtigkeit spielt jedoch nahezu in jedem Land eine wichtige Rolle.
19.05.2020 - 11:45 Uhr Kommentieren

Berlin, London, Madrid, Paris, Rom, Paris In Deutschland stürmt Sachsen bei der Schulöffnung voran: Ab dieser Woche dürfen dort alle Grundschüler wieder zur Schule gehen – jeden Tag – und in den Klassen sich sogar ohne Abstandsgebot aufhalten. Eigentlich sollte der Schulbesuch für die Klassen eins bis vier auch Pflicht sein – nach einer Gerichtsentscheidung schaltete das Kultusministerium am Wochenende jedoch auf Freiwilligkeit um. 

Die anderen deutschen Bundesländer beobachten das Experiment im Freistaat genau. Sie alle agieren vorerst weit vorsichtiger: Kinder gehen nur in Schichten und kleineren Gruppen zur Schule. Wann wieder normaler Unterricht stattfindet, ist unklar. Zuerst wurden die Abschlussklassen zurückgeholt, dann tendenziell eher die Älteren, die Jüngeren später. Die Abiturprüfungen jedoch haben überall stattgefunden – oder liegen in den letzten Zügen. Gemessen an unseren europäischen Nachbarn, die von Corona weit härter getroffen wurden, liegt Deutschland bei der Beschulung allerdings weit vorn

In Italien müssen vor den langen Ferien nur die 463.000 Abiturienten noch mal in die Schule. Für den 17. Juni hat das Schulministerium für das Zentralabitur eine mündliche Prüfung angesetzt – die Klausuren wurden für dieses Jahr abgeschafft. Basis ist nun ein Referat, für das die Schüler drei Wochen Zeit hatten. Alle müssen Gesichtsmasken tragen.

Alle anderen der rund 8,5 Millionen Schüler werden versetzt und kehren erst im September zurück in die Schulen – nach einem halben Jahr Corona-frei: „Aufgrund der gesundheitlichen Bedingungen kann das Schuljahr nicht in den Schulen beendet werden“, verfügte Ministerin Lucia Azzolina.

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    Veraltetes Schulsystem in Italien rächt sich

    Die Eltern sind empört, der Protest ist groß: „Wieso wird die Erziehung der Kinder nicht als nationaler Notstand betrachtet?“, klagt eine Mutter in einem Chat. Seit am 4. Mai der Produktionsstopp aufgehoben wurde, haben die arbeitenden Eltern das Problem der Kinderbetreuung.

    Da die in Italien traditionell verpflichteten Großeltern zur Risikogruppe gehören, fallen sie als Aufsichtspersonen aus. Die Furcht vor Ansteckung ist in Italien mit mehr als 30.000 Corona-Toten besonders groß.

    Für den Schulstart im September gibt es bisher nur Empfehlungen und Planspiele sowie verkleinerte Klassen oder die Teilung in Tele-Unterricht und Schulbesuch. Eventuell sollen die älteren Lehrer – die große Mehrheit ist in Italien über 50 – den Fernunterricht übernehmen.

    Aber die von der Ministerin eingesetzte Expertengruppe hat noch kein Ergebnis, und es fehlt die politische Entscheidung. Nicht einmal der exakte Termin im September steht, auch ob es Nachprüfungen gibt, ist unklar.  

    Unterricht in den Ferien ist kein Thema, denn die Lehrer sind stark gewerkschaftlich organisiert. In Italien rächt sich in der Coronakrise das veraltete Schulsystem mit zentraler Steuerung aus Rom, schlecht bezahlten Lehrern und den extrem langen dreimonatigen Sommerferien – auch wenn es dafür keine Oster- und Herbstferien und auch an Weihnachten nur eine Woche Ferien gibt. 

    Debatte über soziale Gerechtigkeit

    Reformen sind nicht in Sicht, auch gibt es kaum Geld für Bildung. Der Vorgänger von Ministerin Azzzolini, Lorenzo Fioramont, trat im Dezember zurück, weil die von ihm geforderten drei Milliarden Euro für Schulen, Universitäten und Forschung nicht bewilligt wurden.

    Wie Deutschland debattiert auch Italien über soziale Gerechtigkeit. Ein Drittel der Familien hat laut Statistikamt keinen Computer zu Hause, im Süden sind es gar 42 Prozent. Nur drei von zehn Schülern haben gute Computerkenntnisse.

    Auch die Funklöcher stören den Fernunterricht. Jetzt wäre endlich Zeit für eine Modernisierung, heißt es in den Chats, „sonst haben wir bald keinen ,Braindrain‘ mehr aus Italien, sondern ziehen eine Generation von Bademeistern heran“. Ein anderer schreibt: „Ich hätte die drei Milliarden aus dem Hilfspaket der Regierung, die Alitalia bekommt, lieber den Schulen gegeben.“    

    Kein Sitzenbleiben in Spanien

    Auch in Spanien, wo seit Mitte März kein Unterricht in der Schule mehr stattfindet, sind ungleiche Chancen ein Thema. Der Anteil derer, die wegen fehlender Geräte oder fehlenden Internetanschlusses nicht am Online-Unterricht teilnehmen können, wird auf zehn Prozent geschätzt.

    Der reguläre Unterricht beginnt erst wieder mit dem neuen Schuljahr im September. Es muss aber niemand die Klasse wiederholen – die Noten für das Jahr richten sich nach dem Stand der Schüler in der Zeit vor der Ausgangssperre.

    Auch das nächste Schuljahr soll nicht wie gewohnt ablaufen: Geplant ist eine maximale Klassengröße von 15 Schülern – statt bisher 28 bis 40 Schüler. „Wir können nicht alles riskieren, was wir erreicht haben“, erklärt Bildungsministerin Isabel Celaá.

    Deshalb sollen die Kinder wie vielfach jetzt schon in Deutschland in Schichten zur Schule kommen. Das kritisieren die Eltern, weil sie sich dann in der schulfreien Zeit um die Betreuung kümmern müssen. Gewerkschaften fordern bereits zusätzliche Lehrer.

    Die portugiesische Regierung hat aus Sorge, dass ein reiner Online-Unterricht nicht alle Schüler erreicht, ein Unterrichtsformat aus dem TV der 60er-Jahre aktiviert: Seit 20. April wird auf insgesamt fünf Fernsehkanälen von 9 Uhr bis 15.30 Uhr je 30 Minuten lang ein bestimmtes Fach unterrichtet.

    Das Land mit seinen zehn Millionen Einwohnern hat die Schulen schon vor dem ersten Corona-Toten auf heimischem Boden geschlossen und einen Alarmzustand verhängt. Portugal hat damit die Pandemie deutlich stärker begrenzt als Spanien. Trotzdem fängt der Unterricht auch in Portugal erst im neuen Schuljahr wieder an. Nur die Abschlussklassen werden ab dem 18. Mai wieder unterrichtet.

    Symbolische Schulrückkehr in Frankreich

    In Frankreich herrscht eine fast irrationale Furcht vor Ansteckung in den Schulen. Lehrergewerkschaften protestierten gegen eine Wiederöffnung der Schulen. Die Hälfte der Lehrer will aus Angst vor Ansteckung nicht wieder in die Schulen kommen, informierte das Bildungsministerium. Die Rückkehr ist freiwillig, ein Attest für Risikogruppen nicht notwendig. Im Gegensatz zu Deutschland wurden nach dem Ende der Ausgangssperre am 11. Mai zuerst Vorschulen und Grundschulen geöffnet, allerdings mit maximal zehn Kindern pro Klasse.

    Bevorzugt dabei werden Kinder aus einem sozial schwierigen Umfeld, weil diese im Homeschooling teilweise völlig abgehängt wurden, sowie Familien, in denen beide Eltern nicht im Homeoffice arbeiten können.

    Von 6,7 Millionen Kindern im Alter bis zu zehn Jahren sollen nur rund 1,5 Millionen in die Schule gehen. Für alle anderen läuft der Fernunterricht weiter. Manche Kinder sollen nur ein oder zwei Tage pro Woche zur Schule – dafür jedoch wollen sich die Eltern nicht dem Ansteckungsrisiko aussetzen.

    Alles in allem wirkt die französische Variante der Rückkehr in die Schule mehr wie Symbolik. Bildungsminister Jean-Michel Blanquer betonte: „Jedes Kind soll vor Ende Mai wenigstens noch einmal in die Schule.“

    Bei den älteren Kindern sieht es noch problematischer aus. Nach den Grundschülern sollen die Kinder im Collège (6.bis 9. Klasse) anfangen – doch nur in den „grünen Zonen“ in Frankreich, in denen weniger Coronagefahr herrscht. Die roten Zonen, darunter Paris, müssen bis Ende Mai warten. Für das Lycée, die letzten drei Schuljahrgänge vor dem Baccalauréat, dem französischen Abitur, ist noch nicht entschieden, ob die Schule vor den Sommerferien noch mal beginnt.

    Entwertetes Abitur in Frankreich?

    Das Zentralabitur, das in Frankreich einen viel höheren Stellenwert hat als in Deutschland, weil die Noten davor nicht zählen, wurde schlicht abgesagt. Benotet wird nun ausschließlich nach den Noten aus dem Corona-Schuljahr.

    Schulexperten kritisieren, das Abitur werde verschenkt und so entwertet. Allgemein gilt die Überzeugung, dass ein Auge zugedrückt werden wird, wenn jemand auf der Kippe steht. In den als „besser“ geltenden Schulen wird jedoch meist über das Jahr hinweg streng benotet. Diese protestierten, weil ihre Schüler damit nun benachteiligt seien. Und die schlechten Schüler, die mit ihrem Durchschnitt das Abitur doch nicht schaffen, sind verärgert, weil sie nicht wie üblich eine Chance auf eine Prüfung haben.  

    Das meistdiskutierte Thema im Moment ist jedoch das Abitur im Fach Französisch: Es findet schon in der 11. Klasse statt und soll als einziges Fach zumindest mündlich geprüft werden. Weil die Schüler kaum vorbereitet werden konnten, fordern viele Eltern und Lehrer, dass auch diese Prüfung ausfällt. Eine Onlinepetition hat schon 75.000 Unterzeichner. Klar ist im Moment nur eins: Auf keinen Fall sollen die Sommerferien nach hinten verschoben werden.

    Spaltung in Großbritannien

    In Großbritannien spaltet die Debatte über Schulöffnungen das Land. Im Landesteil England sollen ab 1. Juni zunächst nur einzelne Jahrgänge zurückkehren. Schottland, Wales und Nordirland hingegen wollen bis nach den Sommerferien warten.

    In England stoßen die geplanten Öffnungen auf heftigen Widerstand. Mehrere Städte, darunter Liverpool, wollen nicht mitmachen. Es wird erwartet, dass zahlreiche Eltern ihre Kinder aus Vorsicht zu Hause behalten werden. Strafen haben sie nicht zu fürchten. Arbeitnehmer in relevanten Berufen, etwa aus dem Gesundheitsdienst, konnten schon bisher ihre Kinder in die Schule schicken – viele haben es jedoch nicht getan.

    Neun Lehrergewerkschaften fordern, auf die Öffnung im Juni zu verzichten. Erst müsse es ein verlässliches nationales Corona-Testsystem geben und zusätzliches Reinigungspersonal. Die Nummer zwei der Regierung, Michael Gove, hingegen versichert, dass die Lehrer sich keine Sorgen machen müssten.

    Das Beispiel Dänemark zeige, dass die Gefahr eines Ausbruchs in Schulen extrem gering sei. Auch der frühere Labour-Bildungsminister David Blunkett kritisiert die Weigerung der Gewerkschaften. Lehrer müssten ähnlich wie Supermarktkassierer und Krankenpfleger mit dem Risiko leben.

    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    Die Regierung empfiehlt pro Klassenraum maximal 15 Schüler und zwei Meter Abstand, die Schulkorridore sollen zu Einbahnstraßen werden. Anfangs- und Schlusszeiten sowie die Pausen sollen gestaffelt werden. Um genug Platz zu haben, sollen zunächst nur die Vorschüler sowie die ersten, sechsten, zehnten und zwölften Klassen zurückkehren. 

    Die meisten Klassenzimmer sind allerdings viel zu klein. Deshalb liefe es ohnehin auf eine Mischung aus Online- und Präsenzunterricht hinaus. Für beides gleichzeitig gibt es aber nicht genug Lehrer. Und die von der Regierung versprochenen 200.000 Laptops für bedürftige Schüler reichen auch nicht. 

    Die Prüfungen GCSEs und A-levels, die etwa der Mittleren Reife und dem Abitur entsprechen, wurden abgesagt. Die Noten werden auf der Basis der bisherigen Leistungen von den Lehrern geschätzt.

    Mehr: Zahlreiche EU-Staaten lockern in diesen Tagen ebenso wie Deutschland ihre Beschränkungen für Bürger und Unternehmen. Eine Übersicht, wer dabei wie schnell vorangeht.

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