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Brücken-Kollision„Rückgang des Warenhandels unvermeidlich“ – Das droht nach dem Unglück von Baltimore

Der Lieferketten-Experte Tinglong Dai hält Baltimore als Logistikzentrum für unersetzlich. Der Hafen spielt für die Biden-Regierung eine Schlüsselrolle. Annett Meiritz 27.03.2024 - 16:47 Uhr
Dem Experten zufolge wird es noch Jahre dauern, ehe die Brücke aufgebaut ist. Foto: IMAGO/Newscom / EyePress

Washington. Professor Dai, wie lange wird der Hafen von Baltimore gesperrt sein?
Die Behörden haben noch keine Schätzung abgegeben. Allerdings wird es Jahre dauern, die Brücke wieder aufzubauen. Ich kann die Trümmer vom obersten Stockwerk meines Bürogebäudes sehen. Sie muss von Grund auf neu entworfen und errichtet werden. In erster Linie handelt es sich um eine menschliche Tragödie, die Suche nach den sechs Vermissten wurde eingestellt.

Was bedeutet die Katastrophe für eine Branche, die international operiert?
Das Unglück wirft ein Schlaglicht auf unsere global vernetzte Welt. Das Containerschiff, die „Dali“, trug die Flagge Singapurs, wurde in Südkorea hergestellt und war auf dem Weg nach Sri Lanka, die Besatzung ist fast ausschließlich aus Indien. Alle mutmaßlichen Todesopfer, die Bauarbeiten auf der Brücke durchgeführt hatten, kamen aus Lateinamerika.

Warum ist Baltimore ein Knotenpunkt für die Automobilbranche?
Die meisten Schiffe, die in Baltimore andocken, kommen aus Mexiko, Deutschland und Japan. Baltimore ist so etwas wie Taylor Swift im Universum der US-Autohäfen. Wenn dieser Hafen nicht wie gewohnt performt, und sei es auch nur für ein paar Wochen, spürt das die ganze Welt.

Inwiefern?
Der Hafen hat einen sehr hohen Marktanteil, fast 20 Prozent, im Warenvertrieb des Autosektors. Er ist hervorragend angebunden, näher an Europa als die Westküste und näher am Mittleren Westen als jeder andere Hafen an der Ostküste. Der Standort macht es sehr einfach, einen großen Teil der US-Bevölkerung zu erreichen, sowohl für Firmen, beispielsweise in Deutschland, die in die USA importieren, oder für Automobilwerke in Detroit, die Ausfuhren tätigen. Baltimore ist wegen seiner speziellen Vorteile kaum ersetzbar.

Von welchen kurzfristigen Folgen gehen Sie aus?
Einige Auswirkungen sind schon jetzt zu spüren, da Autohersteller und andere Branchen ihre Frachtschiffe umleiten müssen. Die Kapazitäten werden sicherlich für eine Weile reduziert bleiben, auch bei deutschen Autobauern wie BMW, durch den eingeschränkten lokalen Verkehr. Grundsätzlich aber sind BMW und Volkswagen nicht so stark betroffen wie andere Firmen, weil ihre Vertriebszentren jenseits der Brücke liegen.

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Was werden Unternehmen konkret spüren?
Wir werden wahrscheinlich bis ins kommende Jahr hinein einen Rückgang des Volumens im Warenvertrieb sehen, der fast unvermeidlich ist einfach aufgrund der Tatsache, dass die Schiffe nicht hinein- oder herauskommen können.

Tinglong Dai ist Professor für Operations Management und Business Analytics an der Johns Hopkins Carey Business School, einer renommierten privaten Forschungsuniversität mit Sitz in Baltimore. Foto: Johns Hopkins Carey Business School

Und langfristig, welche Lieferkettenprobleme sind da zu erwarten?
Aus meiner Sicht werden sich die langfristigen Schäden in Grenzen halten, denn an der Automobillieferkette wird sich nicht grundsätzlich oder dauerhaft etwas ändern. Baltimore hat ein ganzes Infrastruktur-Ökosystem aufgebaut, diese Netze sind robuster und flexibler geworden, auch durch die Erfahrungen der Pandemie.

Wie geht die US-Regierung mit dem Unglück um?
Die US-Regierung wird alles daransetzen, eine schnelle Wiedereröffnung zur Priorität zu machen, weil Baltimore auch geopolitisch enorm wichtig ist. Der Hafen spielt eine Schlüsselrolle für die Strategie der Biden-Regierung, die Lieferketten in Richtung Nearshoring und Friendshoring auszurichten. Man will mehr Geschäfte mit „Freunden“ wie Europa und Japan machen, in Abgrenzung zu China. Allerdings gehe ich von anderen negativen Effekten aus.

Tinglong Dai
Vita
Tinglong Dai ist Professor für Operations Management und Business Analytics an der Johns Hopkins Carey Business School, einer renommierten privaten Forschungsuniversität mit Sitz in Baltimore.
Dai hat unter anderem im Fachbereich Robotik promoviert und ist US-Experte für globale Lieferketten. Er forscht zum Gesundheitswesen, zur Interaktion zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz und zu Schnittstellen zwischen Marketing und Vertrieb.
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Welche negativen Effekte meinen Sie? Der Preisdruck in der ohnehin gestressten Schifffahrtsbranche?
Genau. Gerade jetzt, Ende März, verhandeln viele Betreiber neue Jahresverträge, es könnte als Reaktion auf Baltimore zu zusätzlichen Preissteigerungen kommen. Auch könnten sich einige Unternehmen nach Virginia, South Carolina, New Jersey oder Philadelphia umorientieren, weil sie sich Sorgen über mögliche Störungen machen. Einerseits ist die Frachtschifffahrtsbranche extrem kosteneffizient, zuverlässig und sicher. Andererseits ist die Branche sehr anfällig geworden durch verschiedene Krisen der vergangenen Jahre. Das Unglück von Baltimore zeigt, dass es keine Garantien gibt.

Noch ungeklärt ist die Frage der Haftung. Wer könnte für das Unglück verantwortlich gemacht werden?
Die US-Regierung will für alle Schäden und den Brückenaufbau aufkommen. Was das Schiff betrifft, könnten die Kosten zwischen den Eigentümern der Ladung aufgeteilt werden, die wiederum versichert sind. Fest steht, dass die Aufarbeitung sehr kompliziert wird, eben weil viele Länder und Akteure beteiligt sind. Das Unglück ist ein schwerer Schlag für die Versicherungsbranche, den die Cargo-Industrie sicherlich spüren wird.

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