China: Xi Jinpings Regierung und die Abstiegsangst der Mittelschicht
Chengdu. Shanghai. Wang Chaowei knüpft das Zeltdach seines Marktstandes an einen Baum und einen Zaun am Straßenrand. Es ist Abend geworden, die Sonne ist untergegangen. Auf dem Bürgersteig stehen Campingstühle, dazu kleine Tischchen und ein Holzkohlengrill. Dann legt der 37-Jährige die Fleischspieße auf den Rost, die er in den kommenden Stunden verkaufen wird. Der aufsteigende Rauch brennt in den Augen.
Neben ihm spielt sein kleiner Sohn, seine Frau hilft beim Aufbau. Knapp 3000 Kilometer ist die kleine Familie aus Dalian, einer Hafenstadt im Nordosten Chinas, mit dem Auto nach Chengdu im Süden gefahren. Quer durch das weite Land, über mautpflichtige Highways.
„Hier läuft die Wirtschaft besser“, sagt der Mann zur Erklärung dieses Aufwands. Mit seinem blondierten Zopf und den weißen Turnschuhen sieht er gar nicht wie ein typischer Marktverkäufer aus, sondern eher hip und urban.
Zehn Kilogramm Fleisch verkauft er pro Nacht auf Chengdus Nachtmarkt, 2000 bis 3000 Yuan nimmt er damit ein, sagt er. Das sind umgerechnet 240 bis 360 Euro. Früher habe er als Manager im Bildungssektor und als Nachhilfelehrer für Kinder in Peking und Dalian gearbeitet, doch die Wirtschaftslage habe sich verschlechtert. Hier sei es besser, deshalb müsse die Familie die Strapazen dieses neuen Jobs auf sich nehmen.
Wangs Familie steht für eine Entwicklung, die hinter vorgehaltener Hand auch chinesischen Politikern Sorgen bereitet: Das Aufstiegsversprechen, mit dem Chinas Staatsführung lange ihre Bevölkerung motivierte, scheint sie nicht mehr halten zu lassen.