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CoronakriseHoffnung für die Wirtschaft: Frankreichs Konsumenten geben wieder mehr Geld aus

Die Rezession dürfte in Frankreich glimpflicher verlaufen als befürchtet. Dank kräftigen Konsums ist ein großer Teil des Einbruchs schon wieder wettgemacht.Thomas Hanke 10.07.2020 - 13:46 Uhr

Die Franzosen sind trotz Coronakrise wieder in Kauflaune.

Foto: AFP

Paris. An Superlativen hat es nicht gemangelt: Brutaler Absturz, schwerste Krise aller Zeiten, beispielloser wirtschaftlicher Zusammenbruch – so wurden die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise in Frankreich qualifiziert. Viele Beobachter erwarteten, dass Frankreich zum Schlusslicht Europas würde, was den Wiederaufstieg nach der Rezession angeht.

Nun scheint es umgekehrt zu kommen: „Frankreich gehört zur Spitzengruppe beim Wachstum in Europa“, schreibt die Großbank Société Générale. Die Prognose der Regierung, die im laufenden Jahr mit einem Wachstumseinbruch von elf Prozent rechnet, erscheint mittlerweile als übertrieben pessimistisch.

Die Banque de France und das nationale Statistikamt INSEE rechnen mit einer Schrumpfung um zehn Prozent. Viel optimistischer ist die Großbank Société Générale, die lediglich ein Minus von 6,5 Prozent erwartet. Für Deutschland sind das gute Nachrichten, denn der westliche Nachbar ist einer der wichtigsten Kunden der deutschen Exporteure.

Die Bank verweist darauf, dass die wirtschaftliche Dynamik im Juni und Juli deutlich stärker war als erwartet. Ende Juni habe die wirtschaftliche Aktivität schon wieder bei 91 Prozent des Niveaus gelegen, das vor einem Jahr erreicht war. Im Juli halte die Belebung an. Die Banque de France argumentiert ähnlich. Auch sie denkt, dass die Schärfe der Rezession überschätzt wurde. So sieht es ebenso das INSEE. Es wies darauf hin, dass die Privathaushalte das Wachstum viel stärker unterstützen, als zuvor gedacht wurde.

Während des Lockdown im März, April und Mai war der private Konsum zwangsläufig zusammengebrochen. Weil die Haushalte durch geschlossene Geschäfte und Restaurants zum Sparen gezwungen waren, habe sich eine Summe von bis zu 100 Milliarden Euro an zusätzlicher Ersparnis angehäuft.

Allen Ökonomen war klar, dass die Verwendung dieses Schatzes entscheidend sein würde für den Verlauf der Rezession: Entschieden sich die Privaten für Angstsparen, dann würde die Rezession besonders scharf ausfallen, würden sie dagegen den Konsum nachholen, auf den sie während des Lockdown verzichten mussten, dann könnte der Rückschlag glimpflicher ausfallen.

Frankreich ist die Wachstumslokomotive

Den vorliegenden Daten zufolge entscheiden sich die Haushalte für das Geldausgeben. Laut INSEE liegen die Ausgaben nur noch um drei Prozentpunkte unter dem Normalniveau. Das stützt die französische Wirtschaft, die laut Société Générale derzeit zu den Wachstumslokomotiven in Europa zählt.

Man steht vor einem Paradox: Frankreich steckt in der schwersten Rezession der Nachkriegszeit, doch die Menschen verhalten sich nicht entsprechend. Das dürfte vor allem daran liegen, dass der Staat massiv gegen die rezessiven Tendenzen hält. Die Kurzarbeit stützt den Arbeitsmarkt und damit das Vertrauen der Privathaushalte.

Kurzarbeit ist für Frankreich noch ein neues Instrument. „Wir folgen dem deutschen Modell, das in der Krise nach 2008 sehr erfolgreich damit gearbeitet hat“, sagte Präsident Emmanuel Macron bei seinem Treffen mit der Bundeskanzlerin in der vergangenen Woche. Stärker als andere europäische Länder setzt Frankreich darauf, die Beschäftigten nicht einfach in die Arbeitslosigkeit fallen zu lassen. Für 43 Prozent aller Beschäftigten war Ende Mai Kurzarbeit beantragt. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik betrug dieser Wert lediglich 27 Prozent.

„Machen wir uns keine Illusionen, die Sonne ist noch nicht zurück“, warnt dennoch William de Vijder, Chefökonom von Frankreichs größter Bank BNP Paribas. Zwei Faktoren werden die Rezession seiner Ansicht nach verlängern: Zum einen der Anstieg der Arbeitslosigkeit, dessen ganze Wucht erst noch bevorstehe, weil Kurzarbeit nicht auf ewig fortgesetzt werden könne, zum anderen die ausbleibenden Investitionen der Unternehmen. Die hätten sich auf dem Höhepunkt des Lockdown sehr hoch verschulden müssen und würden es nun vorziehen, diese Verbindlichkeiten abzubauen, was zwangsläufig die Investitionen beeinträchtige.

Ähnlich denkt die Bank de France. Sie erwartet, dass der Höhepunkt der Arbeitslosigkeit mit einer Quote von 11 bis 12 Prozent in Frankreich erst 2021 erreicht werde. 2022 werde sie dann wieder zurückgehen. Auch das ändert nichts daran, dass der Weg aus der Rezession wohl kürzer sein dürfte als befürchtet: In der zweiten Jahreshälfte 2022 werde die Wirtschaftsleistung das Vorkrisenniveau eingeholt haben.

Banque-de-France-Gouverneur François Villeroy de Galhau nutzt die Gelegenheit, um in seinem jährlichen Brief an den Staatspräsidenten energisch die Kontrolle der Staatsschulden zu befürworten. So richtig es sei, nicht zu rasch auf Konsolidierung umzuschwenken und die Konjunktur nicht abzuwürgen, so notwendig sei es, die staatlichen Stützungsprogramme nicht ewig weiterzuführen.

Der Gouverneur plädiert dafür, einen Unterschied zu machen zwischen den Corona-bedingten zusätzlichen Staatsausgaben, deren Schuldenwirkung er auf ungefähr 20 Prozent der Wirtschaftsleistung beziffert, und den übrigen Schulden.

Die genannte Quote von 20 Prozent könne langfristig getilgt werden. Was die übrigen Schulden angehe, müsse dagegen ihr Anstieg bereits ab 2022 deutlich gebremst werden. Dafür reiche es nicht, wie in der Vergangenheit den Anstieg der Staatsausgaben auf real ein Prozent pro Jahr zu begrenzen. Man müsse herunterkommen auf eine reale Null. Andernfalls bleibe es bei einem Zuwachs der Schulden, der für Frankreich gefährlich werde: „Der Status Frankreichs in der Europäischen Union entscheidet sich letzten Endes an unserer Verschuldung“, argumentiert der Gouverneur.

2009 habe die Verschuldung noch auf demselben Niveau wie die deutsche gelegen, inzwischen liege sie weit darüber und übersteige das durchschnittliche Niveau in der Euro-Zone um 36 Prozentpunkte . „Die Vernunft gebietet es uns, einen Wert von 120 Prozent nicht zu überschreiten, andernfalls würde das Vertrauen der Investoren leiden und Frankreich würde weiter in Richtung des Südens von Europa abgleiten“, warnt Villeroy de Galhau. Seine Worte machen klar, dass dem Land mit dem Ende der Rezession nicht das Ende der Nöte, sondern ein harter Sparkurs bevorsteht.

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