Debatte um Verteilung: Weltgrößter Hersteller will Corona-Impfstoff an Privatleute verkaufen
Durch einen Vorstoß in Indien wird die Debatte über die Impfstoffverteilung befeuert.
Foto: ReutersBangkok. Während Regierungen rund um den Globus an einer Prioritätenliste für die Impfstoffverteilung arbeiten, macht Adar Poonawalla seine eigenen Pläne: Der Chef des weltgrößten Impfstoffproduzenten Serum Institute of India (SII) will das Covid-19-Vakzin in den freien Verkauf bringen. Er möchte bereits im ersten Quartal 2021 Millionen von Impfdosen auf dem privaten Markt vertreiben – zu einem Zeitpunkt, an dem Coronavirus-Impfstoffe weltweit noch ein knappes Gut sein dürften.
Der indische Hersteller, der den von Astra-Zeneca und der Universität Oxford entwickelten Impfstoff für die Massenproduktion in Indien lizenziert hat, befeuert damit die Debatte über eine gerechte Verteilung der Impfstoffe.
Gegner des privaten Verkaufs befürchten, dass die persönliche Finanzkraft dann darüber entscheidet, ob eine Person eine Impfung bekommt. Sie gehen davon aus, dass sich dann Impfungen für Risikogruppen verzögern werden. Befürworter sehen hingegen eine Möglichkeit zur finanziellen Entlastung staatlicher Gesundheitssysteme.
Poonawalla betont, die ersten Lieferungen des Impfstoffs sollten direkt an die indische Regierung gehen – eine Notfallzulassung für Astra-Zenecas Wirkstoff AZD1222, der in Indien unter dem Namen Covishield vermarktet werden soll, hat sein Unternehmen am Montag bei den lokalen Behörden beantragt.
Bereits im März oder April will Poonawalla dann aber damit beginnen, auch private Kunden zu beliefern, wie er in Interviews mit indischen Medien erklärte. Von zunächst 20 bis 30 Millionen Dosen ist dabei die Rede.
Kritik am privaten Verkauf
SII hatte im Sommer eine Vereinbarung mit Astra-Zeneca geschlossen, die die Produktion von einer Milliarde Impfdosen für Indien und andere Schwellen- und Entwicklungsländer vorsieht. Firmenchef Poonawalla entschied daraufhin, schon vor Abschluss der klinischen Tests mit der Massenproduktion zu beginnen – das wirtschaftliche Risiko für sein Familienunternehmen im Fall, dass es nicht zu einer Zulassung kommt, bezifferte er auf mehrere Hundert Millionen Euro.
Inzwischen hat der Pharmahersteller aus der westindischen Industriestadt Pune nach eigenen Angaben bereits 40 Millionen Covishield-Dosen hergestellt. Bis Juli kommenden Jahres sollen es 400 Millionen sein.
Der SII-CEO will den Impfstoff in den freien Verkauf bringen.
Foto: ReutersDie privat verkauften Impfdosen werden wohl deutlich teurer als die Lieferungen an die indische Regierung. Die Gesundheitsbehörden werden laut Poonawalla drei Dollar pro Dosis zahlen müssen. Für den Vertrieb am freien Markt lag die wahrscheinliche Spanne in verschiedenen Interviews zwischen knapp sieben und 13,50 Dollar.
Der indischen Wirtschaftszeitung „Economic Times“ zufolge haben bereits mehrere Unternehmen in Indien Interesse bekundet, große Mengen des Impfstoffs bei SII einzukaufen. So könnte ein Sekundärmarkt entstehen, in dem Endkunden für die Impfung noch höhere Preise bezahlen müssen.
Astra-Zeneca teilte auf Anfrage mit, dass in den Vereinbarungen mit Partnern wie SII, Lieferungen an Regierungen und multilaterale Organisationen Priorität hätten, um einen fairen, nicht-gewinnorientierten Zugang zu dem Vakzin zu ermöglichen. Die Pläne für einen privaten Vertrieb eines Teils der Impfstoffe bleiben aber umstritten.
„Wenn Firmen einen Teil ihres limitierten Angebots für Privatverkäufe reservieren, werden Krankenpfleger oder ältere Menschen, die eine Impfung am meisten benötigen, länger darauf warten müssen“, kritisierte Barbara Mintzes, die an der Universität Sydney zur Pharmabranche und dem öffentlichen Gesundheitswesen forscht.
Indien gehört zu den Ländern, die am stärksten von der Pandemie betroffen sind.
Foto: dpaIn Australien gibt es ebenfalls eine Debatte über den Verkauf des Impfstoffs an Privatkunden: Der Chef der lokalen Zulassungsbehörde TGA, John Skerritt, hatte im November für Aufsehen gesorgt, als er sagte, dass einem Privatverkauf nichts im Wege stünde: „Wir leben in einer freien Marktwirtschaft“, betonte Skerritt.
Serum Institute darf in mehr als 60 Staaten vertreiben
Der US-Pharmakonzern Pfizer, der für seinen zusammen mit dem Mainzer Unternehmen Biontech entwickelten Impfstoff in Großbritannien eine Notfallzulassung erhielt, teilte mit, keine Pläne zu haben, das Vakzin auch auf dem Privatmarkt zur Verfügung zu stellen. Das Unternehmen hatte in Indien Ende vergangener Woche ebenfalls eine Notfallzulassung beantragt.
Der von SII in dem Land produzierte Astra-Zeneca-Wirkstoff dürfte im Fall der Zulassung bei der Massenimpfung in dem 1,4 Milliarden Einwohner großen Land aber die Hauptrolle spielen: Er ist deutlich günstiger und muss auch nicht wie das Konkurrenzprodukt bei minus 70 Grad gelagert werden.
Der Plan von SII-Chef Poonawalla, sowohl Regierungen als auch private Kunden zu bedienen, könnte Auswirkungen weit über Indien hinaus haben: Seine Vereinbarung mit Astra-Zeneca erlaubt ihm den Vertrieb des Produkts in mehr als 60 Staaten. Poonawalla betonte jedoch, Exporte stünden für ihn nicht ganz oben auf der Agenda: „Als Erstes kümmern wir uns um unser eigenes Land“, sagte er. Die indische Regierung hat angekündigt, dass die Impfung für die gesamte Bevölkerung kostenlos sein soll.
Dass diejenigen, die es sich leisten können, in der Warteschlange einige Plätze nach vorn springen könnten, finden nicht alle Fachleute schlecht: „Das reduziert die finanzielle Last für das staatliche Gesundheitssystem“, kommentierte der indische Ärztevertreter Naveen Thacker, der sich in der Vergangenheit auch bei der internationalen Impfallianz Gavi engagiert hat.
Ganz ohne Regulierung soll die Abgabe aus seiner Sicht aber nicht ablaufen. Zumindest eine Preisobergrenze für die Impfung sei notwendig.